Unter Tieren
Elfriede Jelinek
Elfriede Jelineks Kontrakte des Kaufmanns, ihre legendäre „Wirtschaftskomödie“, entstand in den Jahren 2006 bis 2009. 17 Jahre später folgt mit ihrem neuesten Werk Unter Tieren gewissermaßen der zweite Teil. Und wieder inszeniert Nicolas Stemann die Uraufführung.
Jelinek hat es also wieder getan. Sich ein zweites Mal hineingewagt in die „Materie Kapitalismus“ – von der es heißt, sie sei letztlich viel zu abstrakt. Der Kapitalismus lässt sich nicht durchdringen! Lässt sich nicht behandeln als Stoff und veritables Drama – und damit als konkretes menschengemachtes Regelsystem, das zu befragen, zu dem Alternativen zu erwägen, möglich ist. Wie betrachtet Jelinek uns, die Menschen, heute, 17 Jahre später, im Immer-Noch- und Immer-Weiter-Zeitalter des Kapitalismus?
Die Kontrakte des Kaufmanns fanden in der BAWAG-Finanzaffäre 2006 einen Schreibimpuls. Die österreichische Gewerkschaftsbank hatte mit den Spareinlagen „der kleinen Leute“ hoch riskante Spekulationsgeschäfte betrieben. 2008 folgte der Lehman Brothers-Crash in den USA … und plötzlich war es wieder da: das Lied vom Ende des Kapitalismus. Für die einen ein Schreckensszenario – für die anderen: ein Hoffnungsschimmer. Die Occupy-Bewegung entstand, weltweit diskutierten Bürger·innen – eben: Alternativen. In diesem Umfeld wirkten Jelineks Kontrakte. Sie strahlten prophetisch voraus. Sie halfen zur Sprache zu bringen und als Kunstereignis der Stunde lustvoll diskursiv Plattformen zu schaffen.
Auch bei Unter Tieren gibt es wieder Schreibanlässe. Und abermals ist es ein österreichischer Finanzskandal, der sich in den Vordergrund spielt. Abermals sind die Echoeffekte global, ist der Vertrauensverlust in die Finanzeliten kolossal – die Empörung ergießt und nährt sich allerdings in den Promiklatschspalten der Boulevard-Presse. Die Rede ist von René Benko. Das ehemalige „Wunderkind“ der Immobilienbranche, dem namhafte Investoren, Banken, Politiker·innen den Rücken stärkten, bescherte den österreichischen Geschichtsbüchern 2023 die größte Pleite der Nachkriegszeit. Milliarden gingen verloren, Millionen wurden noch schnell verschoben …
… und Jelinek macht aus alldem (und noch viel mehr) wahrhaft Dramatisches! In Unter Tieren ist sie hinter, vor und in diesen Zeitgeschichten, sie verwebt philosophische Diskurse, Triviales, Hochkulturelles. Letztlich erringt sie Augenhöhe. Um derart zur Anschauung zu bringen, worum es eigentlich geht. Dazu nutzt sie einen bestechenden theatralen Kunstgriff: Der Mensch kommt in Unter Tieren gar nicht mehr vor! Er hat seine Stimme verloren, sie verwirkt. Stattdessen treten Tiere auf. Die Tiere sprechen – das Schaf etwa oder das Schwein, der Wolf, Für und Widder oder zwei Stockenten. Nur vereinzelt sind sie im Dialog miteinander, jedes Tier steht hier für sich. Und ist auf sich allein gestellt. In einer Welt, die nicht mehr die ihre ist. Die sie nicht mehr verstehen. Eine Welt, in der das Diktat herrscht, durch Schulden immer weiter zu wachsen. Immer effizienter zu werden, zu produzieren, zu verwerten, Ressourcen auszunutzen, zu expandieren, sich einzuverleiben – bis alles von dieser Welt durch diese Welt überwuchert ist.
Vor 17 Jahren gab es in und mit den Kontrakten noch die Ahnung einer anderen Zukunft. In Unter Tieren gibt es keine Hoffnung mehr in diesem letzten Gefecht aller gegen alle auf kapitalistischem Boden, keine Zukunft mehr …
… oder könnte sie doch noch vor uns liegen? In einem Theater, in dem der Mensch – der Elefant im Raum – Tieren und allem und jedem, der und das durch ihn Leid trägt, seine Stimme leiht? Indem er sie zur Geltung, zur wahrhaften Erscheinung bringt? Ihnen zur Regeneration verhilft? Ihnen zuhört?
Benjamin von Blomberg
Zuerst erschienen in der Festspielbeilage der Salzburger Nachrichten