“Bon Voyage” mit Gianluca Capuano
Salzburger Festspiele Pfingsten
22.-25. Mai 2026
(SF, 25. März 2026) Erst kürzlich wurde Gianluca Capuano als bester Dirigent des Jahres für die musikalische Leitung der letztjährigen Salzburger Pfingstfestspielproduktion ausgezeichnet. Gioachino Rossinis Oper Il viaggio a Reims wird in Salzburg zu Pfingsten erstmals zu hören sein, und Gianluca Capuano widmet sich zum ersten Mal dieser Partitur. Im Gespräch gibt er Einblicke in sein Rossini-Verständnis und die Zusammenarbeit mit Cecilia Bartoli.
Wie würden Sie Il viaggio a Reims als Werk charakterisieren?
Nach dem großen Erfolg des Vivaldi-Pasticcios Hotel Metamorphosis widmen Barrie Kosky und ich uns in diesem Jahr mit Il viaggio a Reims einem völlig eigenständigen Werk. Es handelt sich dabei nicht um ein „pastiche“ oder „pasticcio“ im eigentlichen Sinn, auch wenn es reich an Selbstzitaten ist. Die neun Szenen sind modular aufgebaut und potenziell austauschbar. Ein Prinzip, das in Rossinis späterer französischer Oper Le Comte Ory (1828) angewandt wird, in der er umfangreiches Material aus dem Viaggio übernimmt.
Il viaggio a Reims war Rossinis erste für Paris komponierte Oper, und bei dieser Gelegenheit erprobte er einen neuen kompositorischen Stil, der sich bestmöglich an den Geschmack des lokalen Publikums anpassen sollte. Zugleich stellen einige Nummern den experimentellsten und vielleicht Gipfelpunkt von Rossinis gesamtem Schaffen dar, insbesondere das Sextett und das „Gran pezzo concertato“ – ein Ensemble für 14 Stimmen.
Die moderne Wiederentdeckung des lange verschollen geglaubten Viaggio gleicht einer Spionagegeschichte: Anhand vager Hinweise und dank sensationeller Manuskriptfunde in Paris und Rom konnten der Rossini-Experte Philip Gossett und später Janet Johnson – die Herausgeberin der kritischen Ausgabe – das Werk in den späten 1970er-Jahren durch den Vergleich der erhaltenen Quellen rekonstruieren. Nach der Uraufführung im Juni 1825, mageren drei Folgeaufführungen und Umarbeitungen für Paris und Wien verlor sich von Il viaggio a Reims jede Spur. Man musste bis 1984 warten, als Claudio Abbado und Luca Ronconi in Pesaro der ganzen Welt dieses verloren geglaubte Juwel neu präsentierten. Das Bild von Rossinis kompositorischem Werdegang veränderte sich damit entscheidend.
Sie gelten als ausgewiesener Spezialist für Originalklang-Interpretationen. Wie würden Sie den aktuellen Stand der historisch informierten Aufführungspraxis – auch mit Blick auf die Musik Rossinis – beschreiben?
Umfangreiche Forschungsarbeit zu den Quellen und zur Aufführungspraxis der Musik Rossinis wurde von der Fondazione Rossini in Pesaro geleistet, die die kritischen Editionen der Werke herausgegeben hat – ein unverzichtbarer Ausgangspunkt für alle, die Rossini heute aufführen.
Welche Rolle spielt die Musik Rossinis in Ihrem eigenen künstlerischen Werdegang?
Nachdem ich anlässlich der Norma in Edinburgh 2016 als Dirigent erstmals mit Cecilia Bartoli zusammengearbeitet hatte, unternahmen wir eine lange Tournee mit La Cenerentola. Für mich war es ein außergewöhnliches Debüt, eine der berühmtesten Opern Rossinis mit wahren Ikonen dieses Repertoires wie Cecilia Bartoli, Alessandro Corbelli und Carlos Chausson zu dirigieren. Seitdem ist Rossini konstant in meinem Repertoire präsent, bis hin zu meinem Debüt am Teatro alla Scala di Milano, bei dem ich im September 2025 ebenfalls La Cenerentola leitete. Da ich mich vor allem mit dem früheren, vor Rossini entstandenen Repertoire beschäftigt habe und nicht wie viele andere Dirigenten über Verdi zu diesem Komponisten gekommen bin, habe ich eine klare Vorstellung davon entwickelt, wie ich seine Musik interpretieren will. Ein Teil der Kritiker und Kritikerinnen gesteht mir das Verdienst zu, frischen Wind in das Verständnis dieser musikalischen Welt gebracht zu haben. Was mir noch fehlt, ist die Möglichkeit, den “Rossini serio”, seine tragischen Opern, häufiger zu dirigieren, doch ich bin überzeugt, dass sich dazu in den kommenden Jahren noch die Gelegenheit bieten wird.
Was macht die künstlerische Zusammenarbeit mit Cecilia Bartoli für Sie so besonders?
Gewiss hat die Begegnung mit Cecilia den Verlauf meiner Karriere verändert. Das Außergewöhnliche unserer Zusammenarbeit besteht für mich nicht zuletzt in der Möglichkeit, mit einer der bedeutendsten Interpretinnen unserer Zeit Gedanken über Interpretation auszutauschen. Uns verbindet ganz sicher eine ähnliche Art, Musiktheater zu empfinden, ebenso wie ein großes philologisches Bewusstsein und die lebendige Neugier auf weniger häufig aufgeführtes Repertoire.
Zudem sorgt die Einbindung des 2016 von Cecilia Bartoli eigens für unsere Projekte gegründeten Orchesters Les Musiciens du Prince – Monaco dafür, dass alle an einer Aufführung Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel hin ausgerichtet sind. Und das wird vom Publikum in den letzten Jahren immer stärker wahrgenommen. Am meisten freut es mich, wenn mir nach der Aufführung eines häufig gespielten Werkes gesagt wird, man habe es noch nie auf diese Weise gehört. Ich bin sicher, dass auch unser Salzburger Viaggio a Reims für Aufsehen sorgen wird.
Kurzbiographie: Gianluca Capuano wurde mit dem Premio Abbiati als bester Dirigent des Jahres 2022 ausgezeichnet und ist seit 2019 Chefdirigent von Les Musiciens du Prince – Monaco. Er studierte Orgel, Komposition und Dirigieren am Konservatorium seiner Heimatstadt Mailand und spezialisierte sich anschließend auf Alte Musik an der dortigen Scuola Civica. Überdies absolvierte er ein Studium der theoretischen Philosophie an der Universität Mailand.
Als Solist und Dirigent ist er in ganz Europa, den USA, Russland und Japan aufgetreten. 2005 gründete er das Instrumental- und Vokalensemble Il Canto di Orfeo, mit dem er sich einem breiten Barockrepertoire widmet. Dabei arbeitet er mit einigen der besten Musiker·innen und Sänger·innen aus dem Bereich der historisch informierten Aufführungspraxis zusammen. Mit seinem Vokalensemble wirkte er aber auch in Vacchis Teneke, Raskatovs A Dog’s Heart und Zimmermanns Die Soldaten an der Mailänder Scala mit.
Im August 2016 machte Gianluca Capuano international auf sich aufmerksam, als er bei der Eröffnung des Edinburgh Festival kurzfristig als Dirigent in Norma mit Cecilia Bartoli einsprang. Diese lud ihn daraufhin ein, weitere Norma-Aufführungen am Théâtre des Champs-Élysées und in Baden-Baden zu leiten.
Seither hat er mit Bartoli und Les Musiciens du Prince – Monaco im Rahmen von zahlreichen Opernproduktionen und Konzerten zusammengearbeitet. Bei den Salzburger Festspielen war er mit ihnen seit 2017 in szenischen Produktionen von Ariodante, Alcina, Il trionfo del Tempo e del Disinganno, Il barbiere di Siviglia, Orfeo ed Euridice, La clemenza di Tito und dem Vivaldi-Opernpasticcio Hotel Metamorphosis, in konzertanten Aufführungen von La donna del lago, La clemenza di Tito und Haydns L’anima del filosofo sowie in mehreren Konzerten zu erleben. 2023 dirigierte er Les Musiciens du Prince – Monaco hier auch in einer Marionettenproduktion von Monteverdis L’Orfeo, 2024 in Mozarts c-Moll-Messe und 2025 in Monteverdis Marienvesper.
Im Musiktheater – Rückblick 2025 ehrte die BR Klassik Redaktion Gianluca Capuano mit folgenden Worten:
„Dirigent Gianluca Capuano überzeugt mit historisch informierten Interpretationen. Seit einigen Jahren überrascht er die Klassikwelt – sowohl als Leiter des von ihm gegründeten Vokalensembles Il Canto di Orfeo, als auch als Dirigent mit herausragenden historisch informierten Interpretationen. 2025 hat er auf diese Weise erstmals Richard Wagners Rheingold am eher kleinen Opernhaus von Monte Carlo zum Erstaunen der Wagnerianer überzeugend aufgeführt.
Authentischer Orchesterklang, Textverständlichkeit und die Unterscheidung zwischen Deklamation und Gesangslinie standen im Fokus der musikalischen Interpretation. Die Kritiken waren überschwänglich. Dann ging es nach Salzburg, wo bei den Pfingstfestspielen mit Hotel Metamorphosis die nächste Sensation erarbeitet wurde: Das Konzept für dieses Opernpasticcio mit Kompositionen von Antonio Vivaldi stammt von Regisseur Barrie Kosky, Capuano war für die Musik zuständig. Dafür gab es erneut Lobeshymnen. Capuano hat so 2025 mit seinem Orchesterklang und seiner klugen Werkauswahl neue Maßstäbe gesetzt.
Eine Entdeckungsreise zu einem wenig bekannten Vivaldi, eine Reise in die Klänge und Farben des Venedigs des 18. Jahrhunderts.“
OPER! Award als Bester Dirigent des Jahres
Vielfach ausgezeichnet, erhielt der Dirigent und Philosoph Gianluca Capuano am 23. Februar den OPER! Award als Bester Dirigent des Jahres für die musikalische Leitung der letztjährigen Salzburger Pfingstfestspielproduktion Hotel Metamorphosis: Das überaus erfolgreiche Opernpasticcio mit Musik von Antonio Vivaldi, wurde bei den OPER! Awards an diesem Abend zudem als Produktion des Jahres ausgezeichnet.
Die Salzburger Festspiele Pfingsten 2026 finden von 22. bis 25. Mai statt.
Unter dem Titel „Bon Voyage“ lädt die Künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli zu Gioachino Rossinis Il Viaggio a Reims. In Szene gesetzt wird diese Reise von Barrie Kosky.
Die weiteren Aufführungen (Ballett, Konzerte, Gala) an diesem Pfingstwochenende finden Sie unter www.salzburgerfestspiele.at
Pressekartenanfragen ab sofort an: presse.karten@salzburgfestival.at