Antony Gormley, Matter, 1987, black pigment, linseed oil and earth on paper, 38 × 28 cm, © the artist
ZUR PRODUKTION

„Warum sollten die Menschen hier streiten, wo alle glücklich soviel besitzen, wie sie sich nur erhoffen können?“

„Semi-opera“: So nannte man im England des späteren 17. Jahrhunderts ein gesprochenes Schauspiel, das einen beträchtlichen Anteil an Musik enthielt — rein instrumentale, gesungene oder auch getanzte. Die Musik, die Henry Purcell in den letzten Jahren seines kurzen Lebens für mehrere solcher Werke schrieb, zeigt ihn auf dem Gipfel seiner Laufbahn als Bühnenkomponist. Der Semi-Oper The Indian Queen lag ein damals populäres Schauspiel von John Dryden und Robert Howard zugrunde — ein bizarres „heroic drama“, das vor dem Hintergrund fiktiver Konflikte zwischen den Azteken und den Inkas spielt und dessen überlebensgroße Protagonisten und aberwitzig unwahrscheinliche Handlung im Dienste der moralisch-intellektuellen Erbauung des Publikums stehen. So fremd uns Drydens Theaterwelt heute ist, so wenig hat Purcells Musik ihre Kraft eingebüßt, uns im Innersten zu berühren. Der Regisseur Peter Sellars hat daher eine Fassung geschaffen, die die Vokal- und Instrumentalnummern der Indian Queen in einen neuen Handlungsrahmen stellt: Unter Verwendung von Passagen aus Rosario Aguilars Roman La niña blanca y los pájaros sin pies (Das weiße Mädchen und die Vögel ohne Füße) wird die Geschichte der spanischen Eroberung Mittelamerikas aus der Perspektive dreier Frauen erzählt. Die „Indianerkönigin“ ist hier die Tochter eines Maya-Häuptlings, die einem Conquistador als Konkubine gegeben wird, damit sie für ihr Volk spioniert. Sie verliebt sich in ihn und schenkt ihm eine Tochter, muss aber schließlich erkennen, dass ihre Hoffnung, er würde sich zugunsten der Liebe von Eroberungswut und Zerstörung abkehren, vergeblich war. Die Tragödie spannt einen gewaltigen emotionalen Bogen: Die 50-minütige Originalpartitur der Indian Queen ergänzten Sellars und Currentzis nicht nur um expressive Solo-Lieder und Arien des Komponisten, sondern auch um eine Auswahl von Purcells geistlichen Chorstücken — verinnerlichte, schmerzlich schöne Musik.

mehr dazu weniger anzeigen

Programm Navigator