Jean Cocteau, Wandmalerei in der Salle de mariage im Rathaus von Menton, Foto: Bridgeman Images, © Bildrecht / Comité Cocteau, Wien 2022.
Wir alle haben Verlusterfahrungen gemacht — auch wenn sie nicht die Dimension des Wahnsinns erreichen, wie sie meiner Ansicht nach in „Orphée“ gezeigt werden.
John Neumeier
ZUR PRODUKTION

ORPHÉE ET EURYDICE

Christoph Willibald Glucks Bestrebungen, gemeinsam mit dem Textdichter Ranieri de’ Calzabigi den vorherrschenden Opernstil von musikalischen Auswüchsen und komplizierten Nebenhandlungen zu befreien, gipfelten 1762 in Orfeo ed Euridice. Das Werk gilt seither als Prototyp der „Reformoper“, die in nur einem Handlungsstrang menschliche Emotionen fokussiert. Zwölf Jahre nach der Wiener Uraufführung erstellte Gluck mit Orphée et Eurydice eine auf den Pariser Geschmack zugeschnittene Fassung, übertrug die Kastratenrolle des Orphée einem Tenor und ergänzte zahlreiche Ballettszenen.
Diese Version bildet die ideale Grundlage für eine Ballett-Oper, deren Handlung John Neumeier in einen modernen Ballettsaal verlegt. In der Ouvertüre erzählt er die Vorgeschichte: Während einer Probe kommt es zum Streit zwischen der Primaballerina Eurydice und dem Choreografen Orphée. Sie verlässt wütend den Saal und stirbt wenig später bei einem Autounfall. Nun setzt die bekannte Handlung ein. Aber nicht Orphée zweifelt am Gelingen, sondern Eurydice stellt seine Liebe in Frage, bringt ihn dazu, sich umzudrehen und entschwindet. Erschüttert stimmt Orphée das Klagelied „J’ai perdu mon Eurydice“ an, doch entgegen dem Mythos beugt sich Gluck der Konvention des lieto fine und lässt Amor positiv in den Ausgang des Geschehens eingreifen.

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