© SF / Monika Rittershaus

Mélissa Petit legt ihre Rolle als Bellezza in der Wiederaufnahme von Georg Friedrich Händels Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno im gemeinsamen Einvernehmen zurück, da sie ihr erstes Kind erwartet.
Die Salzburger Festspiele freuen sich, dass Regula Mühlemann gewonnen werden konnte, die fünf Vorstellungen der Wiederaufnahme der umjubelten Pfingstproduktion zu übernehmen.

Zur Produktion

„Die Zeit war für die Menschen nie angenehm.“ — „Mit schlauer Selbsttäuschung vergnügt man sich, wenn man nicht an sie denkt.“

1707 lebte der 22-jährige Händel in Rom, wo mit Il trionfo del Tempo e del Disinganno sein erstes Oratorium entstand und aufgeführt wurde. Das zweiteilige Werk enthält Musik, die zum Schönsten und Ausdrucksvollsten in Händels Œuvre zählt, mit außerordentlich komplexen Passagen sowohl für die Orgel (an welcher der Komponist bei der Uraufführung selbst saß) als auch für die Violine (deren Soli eigens für den virtuosen Arcangelo Corelli, den Leiter des Orchesters, geschrieben wurden). Das Oratorium begleitete Händel weiterhin als eine Art Schlüsselwerk, aus dem er mehrmals Material für andere Kompositionen entlehnte und das er sogar zwei kompletten Neubearbeitungen unterzog: 1737 unter dem Titel Il trionfo del Tempo e della Verità und 1757 als The Triumph of Time and Truth. So umspannt das Werk, das nicht zuletzt eine Meditation über die Zeit darstellt, 50 von Händels 74 Lebensjahren.
Das Libretto von Kardinal Benedetto Pamphilj ist eine allegorische „Psychomachie“, ein dialektisches Streitgespräch über Schönheit, Wahrheit, moralischen Rat, seelische Bildung und den letztendlichen Triumph der Zeit. Das Oratorium entstand während einer Zeit, als sich der Vatikan weltlichen Bühnenwerken entschieden entgegenstellte; mit seiner Abfolge von Da-capo-Arien, Duetten und Quartetten enthält es aber dramatische Elemente, die es der Oper durchaus annähern. Die Schönheit (Bellezza), angetan von ihrem Abbild im Spiegel des Vergnügens (Piacere), gelobt dem Vergnügen ewige Treue, doch die Zeit (Tempo) und die Erkenntnis (Disinganno) versuchen, sie von ihrem Schwur abzubringen und erinnern sie daran, dass die Schönheit wie eine Blume ist, die nur einen Tag blüht und danach stirbt. Die Schönheit beginnt, die Lehren der beiden zu beherzigen, und sagt sich schließlich vom Namen und Gedächtnis des Vergnügens los: Im Streben nach der Wahrheit befreit sie sich von der oberflächlichen Eitelkeit eines dem Vergnügen verschriebenen Lebens und ist bereit für ein künftiges Dasein in asketischer Kontemplation.
Il trionfo del Tempo e del Disinganno lässt sich auch als eine Interpretation des mittelalterlichen Jedermann-Stoffes betrachten, der dem Salzburger Publikum dank Hugo von Hofmannsthal so wohlvertraut ist. Diesmal haben wir es allerdings mit einer jungen Jedefrau zu tun — in der heutigen Zeit nur allzu passend —, die als Protagonistin in diesem frühen musikalischen Bildungsroman auftritt. Der oftmals bewusst rätselhafte Text, den Kardinal Pamphilj für das (nicht für eine szenische Umsetzung gedachte) Werk ersann, bietet einen tiefen Einblick in die menschliche Psyche. Im thematischen Zentrum steht die Notwendigkeit, unter der Oberfläche der äußeren Erscheinungen zu schürfen, die Wahrheit über sich selbst zu entdecken und zu akzeptieren sowie zu versuchen, eine ausgeglichene Selbstwahrnehmung zu erreichen — sofern man denn ein reifes und lohnendes Leben führen will.
Für uns im 21. Jahrhundert sind die spezifischen theologischen Dimensionen des Werks weniger interessant als das stets brennende Thema, das sich im Titel ankündigt. Unsere Produktion wird beleuchten, was es — in einer konsumgesteuerten, jugendund schönheitsbesessenen Welt, die uns unablässig ermuntert, unseren Drang zu Eitelkeit, Egoismus und Vergnügen auszuleben — bedeutet, die Zeit zu suchen, um sich der Erkenntnis zu öffnen, die den Weg zu Erfüllung und Wahrheit weisen kann. Die Reise der Bellezza von narzisstischer Selbstgefälligkeit zu selbstlosem Verstehen bedeutet eine Achterbahnfahrt durch ihre Gefühle, darunter Zorn, Zurückweisung, Verwirrung, Unverständnis, Selbstzweifel und Selbstverletzung: eine überaus modern anmutende Charakteranalyse, die beinahe den Schriften eines anderen berühmten Österreichers — Sigmund Freud — entstammen könnte. Gerade die Verbindung von kühler moralischer Belehrung mit einer fesselnden psychologischen Entwicklung macht Il trionfo del Tempo e del Disinganno zu einem von Händels eindrucksvollsten Werken und zu einer spannenden Herausforderung für eine Inszenierung.

Robert Carsen
Übersetzung: Christian Arseni

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5. August 2021
Il Trionfo del Tempo e del Disinganno | Trailer 2021
22. Juli 2021
Il Trionfo del Tempo e del Disinganno | Teaser 2021
Il Trionfo del Tempo e del Disinganno | Trailer 2021
Il Trionfo del Tempo e del Disinganno | Teaser 2021

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