Joseph Beuys Ouverture spirituelle Salzburger Festspiele
Joseph Beuys, weisses Kreuz, 1957 · Weiße Farbe auf Papier, darauf Baumwollgewebe Stiftung Museum Schloss Moyland · Foto: Maurice Dorren © Bildrecht, Wien, 2018 · Mit freundlicher Genehmigung des Nachlass Joseph Beuys
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Ouverture spirituelle · Lacrimae

Lachrimae, Lagrime, Tränen: Sie brennen dem Büßer Petrus auf den Wangen, wenn er bereut, Jesus dreimal verleugnet zu haben. Kurz vor seinem Tod schuf Orlando di Lasso „zu eigener Andacht im nunmehr lastenden Alter“ mit den 20 siebenstimmigen Madrigalen seiner Lagrime di San Pietro einen Höhepunkt geistlicher Vokalpolyphonie, die in der Kollegienkirche auch szenisch Gestalt annehmen. Petri Leid, wie es auch Palestrina, Victoria oder Gesualdo in Musik gesetzt haben, es hallt angesichts des Kreuzes im Jammern aller armen Sünder wider — sei es nun in Bachs Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen und ihrem Echo bei Franz Liszt, in Karmetten, in Wolfgang Rihms Motetten nach Passionstexten, in Sofia Gubaidulinas textlosen Sieben Worten sowie in Miserere-, Mess- und Requiemvertonungen durch die Jahrhunderte — von Jan Dismas Zelenka, Anton Bruckner oder Arvo Pärt.

Tränen schuldlosen Schmerzes quellen hingegen aus Marias Augen: Das Stabat Mater schildert, wie sie gramgebeugt der Hinrichtung ihres Sohnes beiwohnt: zum Klingen gebracht von Marc-Antoine Charpentier und Domenico Scarlatti. „Semper Dowland, semper dolens“ — immer Dowland, immer betrübt: Die durch höfische Contenance veredelte, zu Melancholie sublimierte Trauer des Elisabethanischen Zeitalters materialisierte sich in der Musik und in der Person des John Dowland, dessen Lachrimae bis heute ans Herz rühren. Die Tränen einer gar nicht so fernen Vergangenheit hingegen werden mit Dmitri Schostakowitschs monumentaler Siebter Symphonie, der „Leningrader“, in Erinnerung gerufen, begonnen in der im Zweiten Weltkrieg jahrelang belagerten Stadt, sowie mit Luigi Nonos Il canto sospeso — ein aufgehobener, eingestellter, schwebender Gesang also, der auf Abschiedsbriefen Hingerichteter aus dem antifaschistischen Widerstand basiert. Zuletzt beweist der Mythos seine ungebrochene Relevanz: in Pascal Dusapins Medeamaterial nach Heiner Müller über die ausgestoßene Fremde Medea, deren Tränen versiegen und die darüber zur Mörderin wird.

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