Martha Jungwirth, Niemandsbucht, 2003 Aquarell auf handgeschöpftem Papier, 102,5 x 139 cm
Courtesy Galerie Michael Haas, Berlin, Foto: Lea Gryze
© Martha Jungwirth / Bildrecht, Wien 2023
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„Wird auch aus diesem Weltfest des Todes einmal die Liebe steigen?“

Wie in den meisten genialen Werken begegnen uns auch im Zauberberg Zeit und Raum als Archetypen. Der Roman enthält wirkmächtige Metaphern. Die erste verweist auf memento mori: auf den Tod in uns, auf den Wunsch, um unsere Krankheit zu wissen. Ein gesunder Mensch ist sich dieses Wunsches nicht bewusst. Zwar wird Hans Castorp nie ein Künstler werden wie Adrian Leverkühn, der Protagonist eines anderen Romans von Thomas Mann, aber er findet zu sich selbst. Er wird zu einem Menschen, der – ähnlich wie ein Künstler – von der Frage

„Wer bin ich?“ gequält wird. Man kann sagen, dass es die Realität und der Ort waren, die Castorp auf diesen Weg brachten. Einerseits bedrohte dies sein Leben und beraubte ihn des glücklichen Daseins, anderseits wäre seine Existenz ohne das Sanatorium möglicherweise banaler verlaufen, und er hätte ohne diese Zeit der Reflexion nicht zu sich selbst gefunden. Die Hauptfrage lautet, was eine Person zu einer Person werden lässt. Wie geschieht das? Was für merkwürdige Bedürfnisse hat man – jenseits des stereotypen Wunsches, glücklich zu sein, der das Leben oft nicht nur ruiniert, sondern auch in seinen Möglichkeiten einschränkt. Wir haben keine Ahnung davon, was in uns verborgen liegt.

Als junger Mensch kam mir die Idee, einen Roman mit dem Titel Das Kloster der Hörenden zu schreiben. Dieser sollte von einer Gruppe von Künstler·innen handeln, die die herannahende Apokalypse hören wollen. Sie finden einen Ort, an dem höchste Konzentration möglich scheint, und bezeichnen ihn als Kloster. Die Gruppe lässt sich in dem verlassenen Nachkriegsgebäude auf einem Berg nieder; sie leben wie Eremiten, weil man inmitten von Menschenmassen nicht sehen oder hören kann. – Um Musik zu hören, müssen wir uns hinter dicken Mauern verstecken; wenn wir uns durch die Menge drängen, erscheint uns Musik als Lärm. – Der Anführer der Gruppe verlangt von jedem, zu einem Instrument zu werden, das die Musik der Apokalypse hört … Irgendwann verwandelte sich das Buchprojekt dann in ein Tagebuch, das ich bis heute führe. Im Zauberberg scheinen die in völliger Abgeschiedenheit von der realen Welt lebenden Patient·innen die Ängste der Vorkriegszeit, die Essenz der Irrationalität in sich aufzunehmen. Vielleicht werde ich versuchen, die Idee meines Buchs in den Entstehungsprozess der Produktion einfließen zu lassen.

Der Zauberberg vermittelt uns das Gefühl, dass sein Autor in Bezug auf seine eigene Identität permanent unsicher ist. Die Frage „Wer bin ich?“ schürt Ängste und Zweifel. Sie lässt die eigenen Jugendjahre in anderem Licht erscheinen, und man fragt sich, ob man das bürgerliche Modell des unbeschwerten Lebens wählt, das einem bis dahin ganz selbstverständlich schien – oder ob man in eine ganz andere Richtung gehen soll. Castorp möchte eine andere Richtung einschlagen, aber diese Entscheidung wird ohne sein Zutun getroffen. Das ist ein wichtiger Aspekt. Er kontrolliert diesen Prozess nicht, sondern wird wie von einer Krankheit davon ereilt …

Alle Vorahnungen, die uns im Zauberberg begegnen, stammen aus der Vorkriegszeit, als die Welt eine gänzlich andere war. Als ich über den Zauberberg nachdachte, las ich Stefan Zweigs Die Welt von Gestern. Darin geht es um das Wesen des Krieges, was er mit der Realität macht und wie er sich auf die Entwicklung des Humanismus auswirkt. Man spürt Trauer und eine Nostalgie für die Welt vor dem Krieg. Es wird aber auch aufgezeigt, wie grundlegend falsch die Entwicklung verlief; schließlich waren die Sitten, das Selbstgefühl und die ethischen Normen der Vorkriegsgesellschaft sehr rigide. Vielleicht waren es unsere Fehler, die die Katastrophe überhaupt erst auslösten? An einem bestimmten Punkt explodierten die Fehlentwicklungen wie eine Bombe. Zweig beschreibt den Moment, in dem eine Person die Kontrolle verliert. Irrationalität dringt in die Struktur der menschlichen Zivilisation ein, die der Welt ein Gefühl von rationalem Funktionieren und größtmöglicher Sicherheit vermittelt. Die Menschen halten sich für klug und erliegen schließlich doch unweigerlich der Irrationalität.

Wenn der Krieg endet, wird er aus dem Gedächtnis gedrängt. Die Kriegserfahrungen werden in einen Kokon eingesponnen und weggesperrt. Von nun an gibt es keinen Krieg mehr, nur noch Leben. Das waren dunkle Zeiten, aber jetzt strebt die Menschheit wieder nach dem, wovor sie solche Angst hat … Was ist es? Warum geschieht es?

Das Schiff, das Thomas Mann vor dem Ersten Weltkrieg erdacht und auf seltsame Weise ans andere Ufer gelenkt hat, bietet viel Raum. Ich würde es besteigen, dieses Schiff, es ist etwas Besonderes – aber was würde ich heute darauf mitnehmen?

Krystian Lupa · Übersetzung: Susanne Watzek

 

 

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