Joseph Beuys, Mänade, 1955 · Bleistift, Beize auf Schreibpapier Stiftung Museum Schloss Moyland · Foto: Maurice Dorren © Bildrecht, Wien, 2018 · Mit freundlicher Genehmigung des Nachlass Joseph Beuys
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„Verräter, ich liebe dich so sehr — kannst du mich allein zurücklassen, in Tränen?“

Auf Alcina lastet eine dunkle Vergangenheit. Unzählige Männer hat sie auf ihre Zauberinsel gelockt, zu ihren Geliebten gemacht und — ihrer müde geworden — in Pflanzen, Felsen oder wilde Tiere verwandelt. Astolfo etwa, ihr neuestes Opfer, fristet nun als Löwe sein Dasein. Sein Nachfolger ist der junge Ritter Ruggiero. Wenn die Handlung von Alcina (1735), Händels dritter Oper nach Ariostos Renaissance-Epos Orlando furioso, einsetzt, ist er der Zauberin bereits vollkommen verfallen. Doch seine Verlobte Bradamante, die er wie sein ganzes früheres Leben vergessen hat, ist gemeinsam mit ihrem alten Erzieher Melisso gekommen, um Ruggiero für sich zurückzugewinnen. In männlicher Verkleidung gibt sie sich als ihr eigener Bruder Ricciardo aus und weckt im Nu die Liebe von Alcinas Schwester Morgana. Bradamantes falsche Identität ist nur die erste einer Reihe von gezielten Täuschungen, von „inganni“, die Keile der Verunsicherung und des Misstrauens zwischen die Figuren treiben.
Der Ort, an dem „Ricciardo“ und Melisso willkommen geheißen werden, ist das „Elysium der Lebenden“, eine Welt der befreiten Empfindung und Sinnlichkeit, des Genusses und der Lust, unbekümmert um das Gestern und das Morgen. Wer könnte da so leicht widerstehen? Ruggiero ist von Alcina im doppelten Wortsinn verzaubert: von ihr als Frau und als Zauberin. Doch der Zauber ist nicht vor Gegenzauber gefeit. Als Melisso eine wohldurchdachte, auf Beschämung zielende Strategie anwendet und den „erbärmlichen Krieger der Liebe“ auf den „edlen Pfad des Ruhmes“ zurückruft, weicht alle Pracht einer „schrecklichen Einöde“. Und Ruggiero erkennt: Er muss sich von Alcina abwenden und zurück zu Bradamante, zurück zu einer Liebe, die Verantwortung, Treue und Kompromissbereitschaft vor Leidenschaft stellt.
In Orlando furioso werden die Ereignisse ganz aus der Perspektive Ruggieros erzählt. Als er Alcina verlässt, deren Jugend und Schönheit bloßer Trug sind, bezeichnet Ariost sie drastisch als „alte Hure“. Händels Oper ist bereits im Libretto davon entfernt, Alcina im Sinne eines simplen Dualismus als Inbegriff des verführerischen Lasters zu betrachten. Die Musik schließlich verleiht dem Text eine psychologische Vielschichtigkeit, die jede moralische Wertung relativiert. Jenseits ihrer (versagenden) magischen Kräfte interessierte Händel an Alcina das private Schicksal einer alternden Frau, die an einem Wendepunkt steht. Das flatterhafte „amare e disamare“, der rasche Wechsel von Liebe und Liebesentzug, dem sie so lange zugetan war, ist ihr fremd geworden. Denn die Gefühle, die sie für Ruggiero empfindet, sind zum ersten Mal so intensiv, dass Alcina sie für immer bewahren will. An dieser Liebe — ein möglicher neuer Aufbruch — wird Alcina jedoch zerbrechen. Auf dem Weg vom unbeschwerten Glück bis zur äußersten Hoffnungslosigkeit durchläuft sie ein emotionales Spektrum, das Verletztheit, Unglaube, Eifersucht, Angst und Verzweiflung ebenso kennt wie Aufbegehren, Zorn, Hohn und Rache. Alcina bildet eines der eindrucksvollsten Figurenporträts in Händels Opernkosmos.
Mit der Flucht aus Alcinas Armen ist es für Ruggiero nicht getan, er muss ihr ganzes Reich zerstören. Warum? Weil nur so die in Natur und Tiere verwandelten Männer zu erlösen sind? Oder aus Selbstschutz? Weil Alcinas Reich ein süchtig machender Fluchtort ist — gleichviel ob real oder virtuell —, der eine Rückkehr in die nüchterne Normalität mit ihren Regeln, Werten und Rollenmustern immer unmöglicher macht? Weil Ruggiero hier Seiten seines Ichs enthüllt wurden, die seine Sicherheiten erschüttern, seinen gesamten Lebensentwurf bedrohen? Nichts verdeutlicht die Ambivalenz seiner Entscheidung stärker als die Tatsache, dass Händel im zweiten Akt ein Duett, das das ursprüngliche Libretto für das wiedervereinte Paar Bradamante und Ruggiero vorsah, durch eine Arie ersetzte — die berühmteste der Oper. In „Verdi prati“ nimmt Ruggiero Abschied: In Musik von täuschender Einfachheit beschwört er die Schönheiten von Alcinas Insel, voll von sehnsüchtiger Nostalgie und doch wissend, dass dieses Reich durch ihn dem Untergang geweiht ist.

Christian Arseni

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