Reto Bieri

Klarinettist

© Marco Borggreve

Quelle: www.retobieri.ch

Reto Bieri gehört zu den eigenständigsten und facettenreichsten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit. Als Klarinettist, Kammermusiker, Dirigent, künstlerischer Leiter und Programmgestalter entzieht er sich konsequent dem Erwartbaren. Seine Interpretationen zeichnen sich durch eine poetische Klangvorstellung, expressive Tiefe und gedankliche Wachheit aus. Musik denkt Bieri stets als Sprache, als Erzählung – oft jenseits klassischer Konzertformen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nennt ihn einen „begnadeten Programmmacher“, dessen Ideen sich in „musikalisches Gold“ verwandeln.

Ab 2026 übernimmt Bieri die künstlerische Leitung der Pfingstkonzerte in der Kartause Ittingen, in Nachfolge von Isabelle Faust. Das renommierte Festival steht für intensive musikalische Erlebnisse in klösterlicher Stille, für sorgfältig kuratierte Programme zwischen Tradition und Gegenwart. Ab der Saison 2026/27 wird er zudem Artist in Residence beim Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim sowie bei der Österreichisch-Ungarischen Haydn Philharmonie sein. Als Solist, Dirigent und Programmgestalter setzt er dort zentrale Impulse – mit Projekten, die klassische Werke mit neuen Perspektiven verweben.

Seine Programme vereinen Alte Musik mit Zeitgenössischem, Volksmusik mit Avantgarde, Klang mit Stille, Konzert mit Performance. In seinen inszenierten Konzertformaten hinterfragt er Konventionen, durchbricht Routinen und öffnet dem Publikum neue Zugänge zum Konzert. Dabei ist Bieris künstlerisches Arbeiten weniger von Suche als von Warten geprägt – vom geduldigen Lauschen, vom Innehalten, bis sich etwas zeigt, etwas in der Luft liegt, das abgeholt werden will. Seine Projekte entstehen aus diesem horchenden Empfang, nie als Plan.

Eine prägende künstlerische Partnerschaft verbindet ihn mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, mit der er außergewöhnliche Projekte realisiert hat – darunter die komische Oper VERGEIGT am Theater Basel (mit Herbert Fritsch), PHANTASMAGORIEN für die Elbphilharmonie Hamburg sowie den Film URSONATE nach Kurt Schwitters. Gemeinsam mit Kopatchinskaja und der Pianistin Polina Leschenko erschien jüngst das Album TAKE 3 bei Alpha Classics.

Seine Aufnahmen erscheinen unter anderem beim Münchener Label ECM, darunter das gefeierte Album quasi morendo mit dem finnischen Streichquartett Meta4. Seine Konzerttätigkeit führte ihn in renommierte Häuser wie die Elbphilharmonie Hamburg, das Southbank Centre und die Wigmore Hall in London, das Auditorio Nacional in Madrid, das Konzerthaus Wien und Berlin, das Concertgebouw Amsterdam, die Philharmonie Essen, das KKL Luzern sowie zahlreiche internationale Festivals.

Geboren in Zug, geprägt von traditioneller Volksmusik, war sein Weg zur internationalen Bühne alles andere als vorgezeichnet. Ursprünglich als Grundschullehrer ausgebildet, studierte er später an den Musikhochschulen Basel und Zürich sowie an der Juilliard School in New York. Sein Denken und Musizieren wurde geprägt von außergewöhnlichen Persönlichkeiten: von György Kurtág und George Crumb über Nikolaus Harnoncourt und Heinz Holliger bis hin zu Clown Dimitri, Pater Werner Hegglin und dem Schriftsteller Peter Bichsel.

Von 2013 bis 2018 war Bieri Intendant des DAVOS FESTIVAL – young artists in concert. Er unterrichtet als Professor für Kammermusik an der Hochschule für Musik und Theater München sowie als Dozent an der European Chamber Music Academy (ECMA). Bieri bezeichnet sich selbst als „Berufs-Atmer“ und „Berufs-Träumer“ – und meint damit mehr als poetische Metaphern. Seine künstlerische Haltung speist sich aus Skepsis gegenüber marktgetriebener Effizienzlogik, aus Lust an Umwegen und aus dem Glauben an Musik als Erkenntnismöglichkeit. In seinen Worten: „Kunst ist nicht marktkonform. Für das Träumen gibt es keinen Markt. Für das Atmen auch nicht.“ Mit seinem Werk widersetzt er sich der schnellen Verwertbarkeit. Stattdessen öffnet er Räume – für das Unerwartete, das Fragile, das Menschliche.

2023 wurde Reto Bieri mit dem Kulturpreis des Kantons Zug ausgezeichnet – einem Ort, den er als Ursprung seiner musikalischen Reise beschreibt: „Ich war immer ein Getriebener, ein Sehnsüchtler. Und vielleicht ist genau diese ungestillte Sehnsucht nach Klang, Heimat und Transformation der rote Faden meines künstlerischen Lebens.“

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Stand: März 2026

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