Koproduktion mit dem Teatr Wielki —
Opera Narodowa / Polish National Opera, Warsaw

Zur Produktion

„Geliebte Kinder, ich liebe euch über alles, und doch fühle ich, wie bei eurem Anblick meine Wut aufs Neue erwacht.“

Kolchis — allein das Wort bringt Dirce aus der Fassung, so heftig, dass der martialische Chor, den die versammelten Gäste im ersten Bild von Cherubinis Médée zu Ehren von Jason und seiner jungen Braut angestimmt haben, abrupt abgebrochen wird. Kolchis, das ist die Heimat von Medea, irgendwo am Rand der zivilisierten Welt; und Medea ist nicht einfach der Name jener Frau, die Jason mit den beiden gemeinsamen Kindern verlassen hat, um in Korinth, dem Reich von Dirces Vater Kreon, ein neues Leben zu beginnen. In Dirces angstvoller Reaktion hallt die tiefe Beunruhigung wider, die die Taten der mythischen Medea seit zweieinhalbtausend Jahren auslösen: Nachdem sie in Kolchis Jason zu dem begehrten Goldenen Vlies verholfen hatte, aus Liebe zu dem Griechen zur Verräterin des Vaterlands, vielleicht sogar zur Mörderin ihres Bruders geworden war, folgte sie Jason nach Jolkos und soll dort den Tod seines königlichen Onkels verantwortet haben. In Korinth geht sie, betrogen und gedemütigt, schließlich zum Äußersten: Entschlossen, ihrem Gatten die schlimmste Strafe widerfahren zu lassen, wird sie nicht nur dessen neue Frau töten, sondern auch ihre eigenen, mit Jason gezeugten Kinder. Das Schreckbild, das Medea für Dirce und die Korinther darstellt, lässt sich zu Beginn der Oper umso leichter nähren, als Medea — anders als in Euripides’ berühmter Dramatisierung des Stoffes — von Jason in der Ferne zurückgelassen wurde. Als Abwesende bietet sie eine willkommene Projektionsfläche, vor der sich vor allem Jason reinwaschen kann. Als Medea während der Hochzeitsfeierlichkeiten plötzlich in Korinth auftaucht und die erste ihrer beiden großen Arien beginnt, durchkreuzen Librettist und Komponist die geschürte Erwartungshaltung. Wir begegnen einer verzweifelten, ihrer Kinder beraubten Mutter, die sich flehend an Jason wendet. Noch immer liebt sie ihn, und der Vorwurf „Undankbarer!“, der mehrmals aus ihr hervorbricht, entspringt tiefster Kränkung.
Cherubinis Oper klammert die magischen und übernatürlichen Aspekte der mythischen Figur weitgehend aus. Medea nicht als Hexe, sondern als „normale“ Frau — intelligent und leidenschaftlich, stark und liebesfähig, vor allem menschlich. Unter dieser Prämisse verlangt ihre innere Entwicklung hin zur Katastrophe einen Blick, der nichts für selbstverständlich oder schicksalhaft nimmt. In einem entschieden heutigen Kontext wird Simon Stone, dessen Inszenierung von Aribert Reimanns Lear für einen Höhepunkt der Salzburger Festspiele 2017 sorgte, erforschen, wie es möglich ist, dass Medea so handelt, wie sie handelt. Wie kommt es zu jener — keineswegs im Amoklauf verübten — Tat, die im Bruch eines ultimativen Tabus das unerhörte Skandalon dieser Figur bildet: die Tötung der eigenen Kinder? Welche Rolle spielen in den Geschehnissen patriarchale Bevormundung und tradierte Weiblichkeitszuschreibungen? Welche Bedeutung haben Medeas Existenzmöglichkeiten in Korinth und die gegen sie verwendete Stellung als Fremde?

Médée, das 1797 uraufgeführte Hauptwerk des italienisch- französischen Komponisten Luigi Cherubini, betrachtet die inneren Prozesse der Titelfigur wie unter einem Vergrößerungsglas und vermittelt sie in äußerster Präzision. Medea beherrscht die Bühne stärker, als es die Hauptgestalt einer Oper bis dahin je getan hatte: Vom Augenblick ihres ersten Auftritts an ist sie fast durchgehend anwesend und macht uns zu Zeugen ihrer schmerzlichen und heftigen Auseinandersetzungen mit Jason, ihrer Erinnerungen an vergangenes Glück, ihrer seelischen Kämpfe. Die konzentrierte Handlung, die Zusammenfassung des Geschehens in wenigen großen Szenen und die gewaltigen Dimensionen der meisten musikalischen Nummern entsprechen einem Ideal von Strenge und Monumentalität, das auch in vielen klassizistischen Bauwerken und Gemälden seinen Niederschlag fand. Eindrucksvoll verwirklicht Médée die Vision einer neubegründeten Tragödie für Musik, die vom Geist und dem Pathos der Antike durchweht wird und gleichzeitig auf das Musikdrama des 19. Jahrhunderts vorausweist. Zu den Bewunderern der Oper zählte seit den ersten Wiener Aufführungen 1803 Beethoven, und noch 1823 schrieb er an Cherubini, dass er dessen „Werke über alle anderen theatralischen schätze“.

Christian Arseni

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