Joseph Beuys, unbetitelt, 1957–58 · Hasenblut, Bleistift auf Zeichenpapier bpk / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf · Foto: Walter Klein © Bildrecht, Wien, 2018 · Mit freundlicher Genehmigung des Nachlass Joseph Beuys
Jugend ohne Gott
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„Es kommen kalte Zeiten, das Zeitalter der Fische.“

Alltag an einem Provinzgymnasium in totalitären Zeiten. Die rechtsextreme Partei der „reichen Plebejer“ hat die Macht übernommen und „zieht sich in den Turm der Diktatur zurück“. Die Bürger werden auf einen kommenden Krieg eingeschworen, die Medien gleichgeschaltet, die Lehrpläne nationalistisch umgeschrieben. Mit einem Mal soll der Geschichtslehrer der Schule eine chauvinistische Ideologie lehren, die er zwar ablehnt, aus Angst und Antriebslosigkeit aber nicht kritisiert. Beim Korrigieren der völkisch-dumpfen Aufsätze stellt er fest, dass er den Schülern Militarismus und Menschenverachtung gar nicht mehr eintrichtern muss. Die Indoktrinierung hat längst ohne sein Zutun durch Familien und Freunde stattgefunden. Als der Lehrer es wagt, gegenüber dem Schüler N wegen dessen hetzerisch rassistischen Aufsatzes die Bemerkung zu machen, auch Schwarze seien Menschen, fällt die Schüler- und Elternschaft über ihn her und fordert Disziplinarmaßnahmen wegen „ Humanitätsduselei“ und „Sabotage am Vaterland“.
Bei einer Klassenfahrt — einer militärischen Kampfausbildung mit bewaffneten Geländeübungen — kommt die täglich antrainierte Gewalt schließlich offen zum Ausbruch: in Form eines rätselhaften Mordes unter den Schülern. Neid, Konkurrenzkampf und eine heimliche Affäre des Schülers Z mit Eva, der Anführerin einer rebellischen Bande von Gesetzlosen, scheinen als Gründe für die Tat zusammenzuspielen. Der Gerichtsprozess, bei dem Richter wie Staatsanwaltschaft die Falschen vorverurteilen, wirft kein Licht auf den wahren Täter. Umso mehr dafür auf die Gesellschaft, die diesen hervorgebracht hat: ein Panorama aus Rücksichtslosigkeit und Kälte, deren bürgerliche Profiteure das reibungslose Funktionieren totalitärer Strukturen sichergestellt haben. Nur der Lehrer und eine kleine Gruppe unangepasster Schüler machen sich auf die Suche nach den Hintergründen des Mordes.
Zum zweiten Mal in kurzer Folge — nach dem Volksstück Italienische Nacht von 1931 — widmet sich Thomas Ostermeier mit seiner Dramatisierung des Romans Jugend ohne Gott einem Text von Ödön von Horváth aus den 1930er Jahren, der den Zusammenbruch von Demokratie und Zivilgesellschaft zum Thema hat. 1936 war Horváth von den Nationalsozialisten aus Deutschland verwiesen und 1937 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen worden. In einem Exilverlag in Amsterdam 1937 auf Deutsch veröffentlicht, wurde Jugend ohne Gott rasch in mehrere Sprachen übersetzt und schlagartig international berühmt: als spiegelhafte Darstellung der gesellschaftlichen Mechanismen unter der NS-Diktatur. Dennoch werden im Text weder Zeit noch Ort noch Machthabende explizit benannt, vielmehr eher finster-metaphorisch evoziert. So weist der Roman zugleich parabelhaft über seinen historischen Kontext hinaus. In Deutschland wurde das Buch von den Nationalsozialisten unverzüglich eingezogen und wegen „pazifistischer Tendenzen“ auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt.

Thomas Ostermeier ist seit 1999 Künstlerischer Leiter der Schaubühne in Berlin. Daneben inszenierte er unter anderem an den Münchner Kammerspielen, am Burgtheater in Wien, am Théâtre Vidy-Lausanne, an der Stadsschouwburg Amsterdam, am Theater der Nationen in Moskau und an der Comédie-Française in Paris. Seine Arbeiten erlebten ihre Premiere bei internationalen Festivals wie dem Edinburgh International Festival, dem Athens & Epidaurus Festival, dem Manchester International Festival, den Salzburger Festspielen und dem Festival d’Avignon, als dessen Artiste Associé er 2004 berufen wurde. Gemeinsam mit dem Ensemble der Schaubühne adaptiert Ostermeier Horváths dritten Roman in einer eigenen Fassung für die Bühne. Jörg Hartmann, mit dem Ostermeier zuletzt Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi erarbeitete, übernimmt die Hauptrolle des Lehrers.

Florian Borchmeyer

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