Man Ray, Margaret Neiman, um 1942,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Foto: Telimage, Paris

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„Sei freundlich und hübsch brav, denk an dein Alter.“

„È finita“ — es ist aus! — stammelt Don Pasquale, und eine karge, kurzatmige Melodie der Violinen fängt seine ganze Niedergeschlagenheit ein. Die bescheidene, verschämte Sofronia, die Dottor Malatesta dem alten Junggesellen als Gattin zu­führte, hat sich, kaum war die Heiratsurkunde unter­ zeichnet, als verschwenderische, widerspenstige und streitsüchtige Frau entpuppt. Und nun hat sie ihrem Mann sogar eine Ohrfeige verpasst! Aus dem Ehetraum ist Pasquale in der Ehehölle erwacht. Die Heirat war zugegebenermaßen etwas überstürzt und überdies eine Trotzreaktion gegenüber Ernesto, seinem finanziell von ihm abhängigen Neffen: Da dieser seine Geliebte, die mittellose junge Witwe Norina, unter keinen Umständen aufgeben wollte und die vermögende Dame, die sein Onkel für ihn als Braut ausersehen hatte, ausschlug, beschloss Pasquale, durch eine eigene Ehe und eigene Nach­kommen Ernesto zu enterben, aus dem Haus zu werfen und so jeder Möglichkeit zur Familiengrün­dung zu berauben. Bei aller Berechnung entfachte die Aussicht auf eine junge attraktive Frau in Pas­quale ein „ungewohntes Feuer“: „Ich vergesse die Übel des Alters“, verkündete er in der Introduzione von Donizettis Oper in vital dahinwirbelnden Wal­zertönen. Wenn er nur wüsste, dass Malatesta mit Norina und Ernesto unter einer Decke steckt, dass Sofronia in Wirklichkeit Norina ist und dass die vom Dottore ersonnene Intrige das Ziel verfolgt, das jun­ge Liebespaar zu vereinen und Don Pasquale künf­tige Eheabsichten auszutreiben … Die Ohrfeige ist Bestandteil dieser bitteren Lektion und verstörte im Januar 1843, als Don Pasquale am Pariser Théâtre­ Italien uraufgeführt wurde, nicht wenige Zuschauer. Im Moniteur universel las man: „Eine Ohrfeige für einen alten Mann ist, selbst wenn sie von der hüb­schesten und zierlichsten weiblichen Hand verab­reicht wird, dennoch eine keineswegs komische Sache. Daher hat der Komponist ernste, echte Tränen in die verzweifelten Töne des solcherart gekränkten Ehemanns gelegt.“ Befinden wir uns wirklich in einer Opera buffa?
Allerdings — jedoch in einem Unikum der Gattung. Zu einer Zeit, als die Opera buffa den Beigeschmack des Gestrigen angenommen hatte und sich die be­deutendsten Komponisten fast ausnahmslos tragi­schen Stoffen zuwandten, öffnete Donizetti das Genre mit Don Pasquale für die Gegenwart, für eine neue, romantische Sensibilität — und es ist bezeich­nend, dass er bei der Uraufführung auf zeitgenös­sischen Kostümen bestand. Don Pasquale ist das Resultat einer faszinierenden Auseinandersetzung mit den traditionellen Ingredienzien der Opera buffa zwischen Anknüpfung und Innovation: eine „posthume Buffooper“, wie Alfred Einstein urteilte, dabei jedoch ungemein lebendig und lebensnah. Das dem Werk zugrunde liegende Sujet — ein „ver­liebter Alter“ wird von der jüngeren Generation betrogen und der Lächerlichkeit preisgegeben — wurde seit der Antike in unzähligen Komödien durchgespielt. Die Commedia dell’arte schöpfte das komische Potenzial des „vecchio innamorato“ nicht weniger aus als die Opera buffa, so auch Stefano Pavesis Ser Marcantonio (1810), dessen Libretto den unmittelbaren Ausgangspunkt für die Handlung von Don Pasquale bildete.
Bereits die Bearbeitung des Librettos entfernt sich entschieden vom possenhaften Charakter der Vor­lage. Donizetti aber geht noch viel weiter: Ohne die Komik der Situationen abzuschwächen, gewinnt er aus den tradierten Komödientypen psychologisch differenzierte, durchaus widersprüchliche Indivi­duen, die auch emotionale Verletzlichkeit kennen. Der ständig changierende musikalische Blick zwi­schen amüsierter Distanz und Einfühlung verleiht dieser Komödie eine ausgeprägt melancholische Seite. „Das Lachen hat keinen größeren Feind als die Emotion“, schrieb Henri Bergson: So wird die Geschichte von Don Pasquale, gegen den sich alle verbünden, auch zu einer Reflexion über das Alter zwischen erotischen Bedürfnissen und (auferlegter) Resignation sowie über die Schwierigkeiten der unterschiedlichen Generationen, einander jenseits von Vorurteil und Bevormundung zu begegnen.

Christian Arseni

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