Man Ray, Chess set, 1920,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Foto: Telimage, Paris

Die Salzburger Festspiele trauern um Mariss Jansons. Uns bleibt nur, mit größter Dankbarkeit all jener Sternstunden zu gedenken, mit denen er knapp 30 Jahre lang den Festspielen wahrhaft Unerhörtes geschenkt hat. Zum Nachruf

Wer ihm als Dirigent der Oper Boris Godunow nachfolgt, geben wir hier auf unserer Website sobald wie möglich bekannt.

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„Die höchste Macht erreichte ich. Das sechste Jahr schon herrsche ich in Frieden. Doch Glück kennt meine gequälte Seele nicht.“

Ein Geschichtsbuch war neben Alexander Puschkins Drama Boris Godunow Ausgangspunkt für Modest Mussorgskis gleichnamige Oper: Die Geschichte des russischen Reiches von Nikolai Karamsin wurde vom Komponisten auf der Titelseite seines Werkes ausdrücklich erwähnt. Dem Schauspiel von Puschkin war kein Erfolg beschert, aber Mussorgski sah in dem Text, der ihm als Stoff empfohlen worden war, das richtige Thema für sich: Es „kochte und brodel­te“ in ihm, schrieb er an seinen Freund Wladimir Stassow. Mussorgski komprimierte die literarische Vorlage und verstand es, aus dem Gegenstand, der eine wild­bewegte Periode der russischen Ge­schichte — die Wende vom 16. zum 17. Jahrhun­dert — behandelt, ein Drama um eine gespaltene Persönlichkeit zu kreieren. Boris Godunow wird zum neuen Zaren ausgerufen, nachdem er den eigentli­chen Thronfolger hat ermorden lassen. Obwohl Boris entschieden fortschrittlich gesinnt ist, lassen ihn die Schatten der Vergangenheit nicht los — auch dadurch ist seine Regentschaft zum Scheitern ver­urteilt. Wir begegnen ihm als herrschsüchtigem Potentaten und als liebendem Vater. Am Ende stirbt er an seinen eigenen Wahnvorstellungen. Diese wurden nicht zuletzt durch einen nach Macht stre­benden jungen Mann hervorgerufen, der vorgab, der ermordete Thronfolger zu sein.
Boris gegenüber steht vor allem der Mönch Pimen, der als Geschichtsschreiber die Chronik des russi­schen Reiches festhalten und mit dem Leben und Wirken von Boris deren letztes Kapitel zu Papier bringen will. So wird neben der Individualgeschich­te des Zaren in der Oper auch die Aufzeichnung von historischen Abläufen thematisiert: Das subjek­tive Schicksal eines Einzelnen ist immer etwas ande­res als die vermeintlich objektive Berichterstattung darüber. Mussorgski zeichnet in einer kaleidoskopi­schen Folge einzelner Szenen das Bild eines Herr­schers in der Isolation. Der Chor als das russische Volk erscheint in seiner leicht manipulierbaren Art hingegen als eine unmündige Hauptfigur im Zustand der Verwirrung: ein Volk, das jubelt, hungert, fordert und fragt, ohne dabei wirklich Ziel und Zweck zu kennen. Auf diese Weise lässt der Komponist mit­hilfe eines historischen Stoffes auch das Bewusstsein für die eigene Zeit entstehen. Durch die Themati­sierung des angeblich objektiven Niederschreibens von tatsächlichen Ereignissen macht uns das Stück deutlich, dass auch wir uns immer als Individuen zu dem verhalten müssen, was schwarz auf weiß fest­ gehalten ist. So wird die Oper in ihrer Bedeutung gleichsam zeitlos.
Neben Pimen, dem in Boris Godunow die Rolle des Antipoden zukommt, spielen die polnische Fürstin Marina und der Jesuit Rangoni wichtige Rollen, weil sie Boris gegenüber Gedanken re­präsentieren, die sich von den in der „offiziellen Sprachregelung“ festgelegten unterscheiden: Gedanken, in denen sich der weibliche Aspekt, eine andere politische Ebene und eine alternative Religion widerspiegeln. Durch seinen psychologi­schen Ansatz überschreitet Boris Godunow die geschilderten geschichtlichen Gegebenheiten und führt dem Zuschauer die nie nachlassende Aktua­lität des Werks vor Augen. Eine Figur wie Pimen verdeutlicht überdies, dass es immer Raum für die Interpretation von historischen Ereignissen geben muss. Die innovative Perspektive Mussorgskis zeigt sich auch im musikalischen Spektrum der Oper mit ihrem überwältigenden Klangreichtum, ihren folklo­ristisch­-burlesken Elementen oder ihrer Leitmotivik, der eine wichtige Rolle zukommt.

Christof Loys Inszenierung der revidierten und erweiterten, 1874 uraufgeführten Boris­-Fassung wird den Zwiespalt zwischen Individuum und Ge­sellschaft vor dem Hintergrund von objektiver Dar­stellung und subjektivem Empfinden beleuchten. Mit der Präsentation von Mussorgskis Oper arbeiten die Salzburger Festspiele auch an ihrer eigenen Geschichtsschreibung: Nach denkwürdigen und in ihrer Zeit beispielhaften Inszenierungen aus den 1960er­ und 1990er­Jahren fügen sie ihrer Auffüh­rungshistorie von Boris Godunow ein weiteres Glied hinzu, das die Gültigkeit des Werkes für ein neues Jahrhundert untersucht.

Klaus Bertisch

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