© ISM/Christian Schneider
Oratorium · La morte d’Abel
Im Jahre 1732 war Farinelli in Wien, und erhielt von Carl VI. einen ganz vortrefflichen Wink. … Da sich nun Farinelli eben so, wie die meisten andern Sänger, nur bemühte, Bewunderung und Staunen bei der Menge zu erregen, und mehr für die Sinne als das Herz zu singen, so sagte ihm der Kaiser eines Tages: „Alles an Ihnen ist bewunderungswürdig — und Sie haben sich bereits hinlänglich berühmt gemacht. Nun dürfte es Zeit seyn, auf einen besseren Gebrauch der Anlagen zu denken, die Ihnen die Natur so reichlich gegeben hat. Zu diesem Zwecke aber müssen Sie nun wie ein Mensch, nicht mehr wie ein Riese einhergehen: nehmen Sie eine einfachere und gemäßigtere Art des Gesanges an, und Sie werden alle Herzen bezaubern.“
Allgemeine Wiener Musik-Zeitung

Oper und Oratorium — im frühen und mittleren 18. Jahrhundert waren die Grenzen zwischen den beiden besonders repräsentativen Genres oftmals fließend. Ästhetische Unterschiede gab es nur bedingt, erwartete man doch hier wie dort virtuose wie kantable Arien, plastische Rezitative und eingängige Instrumentalsätze. In Wien war das nicht anders als in Italien, woher viele jener Komponisten kamen, die nördlich der Alpen Anstellung fanden und Ruhm erlangten. Zu ihnen zählt Antonio Caldara, der ab 1716 als Vizekapellmeister am Wiener Hof wirkte und dort eine ungemein produktive kompositorische Tätigkeit entfaltete, die rund 80 Opern, mehr als 40 Oratorien und zahlreiche kirchenmusikalische Werke umfasste. Der Ruf der Habsburgerresidenz als einer führenden europäischen Musikstadt wurde durch Caldara wesentlich gefestigt.
La morte d’Abel, auf einen Text des berühmten Pietro Metastasio und für den Kastraten Farinelli geschrieben, kam erstmals im April 1732 in der Wiener Hofkapelle zur Aufführung. Das Libretto folgt der biblischen Erzählung: Der Hirte Abel wird von seinem Bruder, dem Ackerbauern Kain, getötet, weil sich dieser in der Gunst Gottes benachteiligt fühlt — seinen Rachegefühlen wird er nicht anders Herr, als bis zum Äußersten zu gehen. Kain muss fortan mit seiner schweren Schuld leben, ein warnendes Beispiel für die Nachgeborenen.

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