Joseph Beuys, unbetitelt, 1958 · Hasenblut, Eisenchlorid, Fett, Bleistift auf glattem Karton Sammlung Klüser, München · Dauerleihgabe in der Pinakothek der Moderne München · Foto: Philipp Schönborn © Bildrecht, Wien, 2018 · Mit freundlicher Genehmigung des Nachlass Joseph Beuys

Mit Unterstützung der Freunde der
Salzburger Festspiele e. V. Bad Reichenhall

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„Doch der unerbittliche Gott will, dass ich gegen meinen Willen will, was er will …“

Es war ein Schrei, der George Enescu nicht mehr losließ. Der Schrei des geblendeten Ödipus in einer Aufführung der Tragödie des Sophokles an der Comédie-Française 1909. In der Rolle des Ödipus Jean Mounet-Sully. George Enescu war besessen von dem Stoff und der Idee zu einer Oper. Schon kurz darauf, 1910, begann er erste musikalische Skizzen zu entwerfen, doch seiner ausgedehnten Konzerttätigkeit als gefeierter Violinvirtuose war es geschuldet, dass es noch 26 Jahre dauern sollte, bis seine Tragédie lyrique Œdipe am 13. März 1936 in Paris uraufgeführt wurde.
Durch die Vermittlung des Kritikers Pierre Lalo lernte Enescu den Dichter Edmond Fleg kennen, der schon zuvor das Libretto für Ernest Blochs Macbeth geschrieben hatte. Edmond Fleg lieferte ein Libretto in vier Akten, nachdem ein erster Entwurf, der das Stück auf zwei Abende verteilte, verworfen worden war. Die zwei ersten Akte sind Erfindungen Flegs und behandeln, aus den bekannten Quellen schöpfend, die Vorgeschichte von der Geburt des Ödipus bis zu seiner Ankunft in Theben. Die beiden letzten Akte bestehen mit leichten Änderungen aus den Tragödien König Ödipus und Ödipus auf Kolonos des Sophokles. In den ersten beiden Akten — mit der bekannten Prophezeiung und dem Vollzug von Vatermord und Inzest — ist Ödipus Teil seines Schicksals. Im dritten und vierten Akt wird er mit seinem Schicksal als ein von außen Kommendes konfrontiert.
Zu Beginn steht also der Mensch Ödipus im Zentrum. Am deutlichsten wird das in der Rätselszene mit der Sphinx. Edmond Fleg hat zwar die Frage verändert, nicht aber die Antwort. In der überlieferten Legende fragt die Sphinx: Was geht morgens auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen? Im Libretto aber lautet die Frage: Was ist größer als das Schicksal? Ödipus antwortet: „Der Mensch.“ Daraufhin stirbt die Sphinx mit atemberaubendem stimmlichen Einsatz unter „Lachen und Schluchzen“. Ihre letzten Worte: „Die Zukunft wird dir sagen, ob die Sphinx sterbend ihre Niederlage beweint oder über ihren Sieg lacht.“
Der Fortgang der Tragödie nun stellt in Frage, ob die Antwort des Ödipus zutrifft. Die großen Menschheitsfragen nach freiem Willen und Selbstbestimmung, nach Schuld und Erlösung bleiben offen. Immerhin wird Ödipus durch einen sanften Tod erlöst. Der „unerbittliche Gott“ Apollo zeigt so etwas wie Mitleid mit dem an seinem Schicksal leidenden Menschen.

George Enescu entwarf für Œdipe einen grandiosen musikalischen Kosmos, der zu seiner Zeit — Mitte der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts — zwar nicht als avantgardistisch zu bezeichnen, aber sehr wohl innovativ war. Das Orchester ist mit vielen Sonderinstrumenten groß besetzt, und dennoch werden die Singstimmen nicht überfordert. „Die Instrumente sprechen eine fremde Sprache, direkt, unaffektiert und seriös, die der traditionellen Polyphonie nichts verdankt“, befand der französische Musikkritiker Émile Vuillermoz. Dabei war Enescu Textverständlichkeit sehr wichtig: Die Musik müsse den Text respektieren, sich ihm aber nicht fügen, sondern ihn transformieren. Der Opernkomponist sei ein Juwelier, der eine Fassung für einen Edelstein herstellt — der Edelstein sei die Handlung, der dramatische Konflikt.
Enescus vokalen Erfindungen verdankt die Oper großartige Gesangspartien, allen voran die des Œdipe für tiefen Bariton, aber auch für Jocaste (Mezzosopran), Sphinge (Alt) und Antigone (Sopran). Zur Partie des Œdipe, der im zweiten Teil die Bühne nicht verlässt, schrieb Enescu an den Dirigenten der Uraufführung, Philippe Gaubert: „Die Rolle des Ödipus ist fordernd. Ich habe so leicht ich kann orchestriert, so dass er mit seiner Kraft haushalten kann.“ Ein Versuch Enescus, Fjodor Schaljapin als Œdipe für die Uraufführung zu gewinnen, scheiterte jedoch an den immensen Anforderungen der Partie.

Klaus-Peter Kehr

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