Man Ray Sujet
Man Ray, Berenice Abbott, ca. 1920, © Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2020, Foto: Telimage, Paris

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„Glücklich der Mensch, der jede Sache von der guten Seite sieht … inmitten der Stürme des Lebens findet er heitere Ruhe.“

„Geduld und Gemütsruhe tragen mehr dazu bei, unsere Verstimmungen und Krankheiten zu heilen, als die ganze Kunst der Medizin.“ Diesen Satz schrieb Mozart am 30. März 1787 seinem Freimaurer-Bruder Johann Georg Kronauer ins Stammbuch — und zwar auf Englisch: „Patience and tranquillity of Mind contribute more to cure our Distempers as the whole art of Medecine.” Der Spruch lässt sich im Wortlaut zurückverfolgen bis zu einer 1728 erschienenen englischen Ausgabe der Instruction sur l’Histoire de France et Romain, eines in ganz Europa äußerst populären Buches, das mit einer „Sammlung hervorragender Maximen und anregender Reflexionen für die Lebensführung sowie die Selbst- und Welterkenntnis“ schloss. Das Werk kursierte in vielen verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen, und einige der enthaltenen Sprüche fanden sogar Eingang in Lehrbücher der englischen Sprache. In einem von diesen dürfte Mozart, der Anfang 1787 eine London-Reise plante und sein Englisch verbessern wollte, auf die zitierte Maxime gestoßen sein. Warum er sie — offenbar aus dem Gedächtnis, wie die sprachlichen Fehler bezeugen — auch auf Englisch in Kronauers Stammbuch eintrug, ist unklar. Auf den ersten Blick könnte einem der Satz als Plattitüde erscheinen, wie ein Äquivalent aus dem 18. Jahrhundert für „Don’t worry, be happy“.
Desgleichen ließe sich die Handlung von Così fan tutte leicht als Ansammlung von Plattitüden lesen: als lächerlicher und auch sadistischer Test auf Grundlage simpler Klischees über weibliche (Un-) Treue und männlichen Stolz. Doch das hieße, dem Stück und vor allem der Musik, die Mozart dafür schuf, Unrecht zu tun. Ein unbedeutenderer Komponist hätte sich damit begnügt, die Musik vordergründig und effektgesteuert zu halten. Zwar greift auch Mozart auf Konventionen zurück, doch nur, um mit ihnen zu spielen und zu überraschen: Unter der scheinbaren Oberflächlichkeit ist immer ein authentischer Seelenzustand spürbar.
Von einem Augenblick auf den anderen erfahren die Schicksale der vier jungen Protagonisten eine völlige Wendung — nicht wegen des albernen, von Don Alfonso angeregten Experiments an sich, sondern wegen der Emotionen und Erkenntnisse, die es auslöst. Arien wie Ferrandos „Un’aura amorosa“ und Fiordiligis „Per pietà, ben mio, perdona“ lassen Possenhaftes weit hinter sich und eröffnen Einblicke in tiefste Schichten menschlichen Fühlens. Die Erfahrungen, die die Hauptfiguren im Verlauf der Handlung machen, stürzen alle — die Frauen ebenso wie die Männer — in existenzielle Verwirrung. In dem recht kurz gehaltenen Schluss sehen sich die „originalen“ Paare wieder in die Augen: Interessanterweise begegnen sie einander nicht mit Härte und Gehässigkeit, sondern beschließen, sich zu versöhnen und den Weg weiter gemeinsam zu gehen.
In den drei Jahren, die zwischen dem Stammbucheintrag für Kronauer und der Premiere von Così fan tutte 1790 liegen, hatte Mozart zwei seiner Kinder sowie seinen Vater verloren und wurde von finanziellen und gesundheitlichen Problemen geplagt. Und doch scheint er seinen Glauben an jene Maxime bewahrt zu haben. Während die Figuren die Schlussworte der Oper anstimmen — „Glücklich der Mensch, der jede Sache von der guten Seite sieht […] inmitten der Stürme des Lebens findet er heitere Ruhe“ —, beschwören sie einander und zugleich das Publikum, sich von der Vernunft leiten zu lassen und sich selbst und den geliebten Partner als den Menschen zu akzeptieren, der man ist. Es ist aufschlussreich, dass Mozart immer noch so aufrichtige, tief empfundene Musik schreiben konnte — ohne jeglichen Anflug von Zynismus.
Wie Christof Loy es formuliert hat: Così fan tutte lädt uns ein, die Kompliziertheit des Lebens anzunehmen und der Zukunft erhobenen Hauptes entgegenzublicken. In seiner Inszenierung der leicht gekürzten Version, die er mit Joana Mallwitz 2020 für Salzburg erarbeitet hat, liegt der Fokus ganz auf den Figuren und der subtilen Choreografie von deren seelischen Zuständen — in einem Raum, der die Feinmechanik zwischen den Charakteren wie ein Vergrößerungsglas freilegt. So führt die Regie die Protagonisten zusammen mit dem Publikum hin zur Erfahrung jener „heiteren Ruhe“, die unser aller „Krankheiten und Verstimmungen“ vielleicht tatsächlich zu kurieren vermag.

Niels Nuijten

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31. März 2021
Così fan tutte 2021

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