Sommer 2020

Festspiele als Leuchtfeuer bei der Suche nach der eigenen Identität, nach dem Sinn des Lebens, aber auch zur Wiederherstellung der Identität ganzer Völker — das war der große Gedanke jener Künstler und Bürger, die die Salzburger Festspiele als „eines der ersten Friedenswerke“ vor 100 Jahren gründeten. Allen voran der Theatermagier Max Reinhardt, der Poet Hugo von Hofmannsthal, der Komponist Richard Strauss, der Bühnenbildner Alfred Roller und der Dirigent Franz Schalk.
An diese Gründungsidee, Festspiele als Friedensprojekt aus dem Geist der Kunst, erinnern wir im Jubiläumsjahr 2020 mit unserer Ouverture spirituelle im Zeichen von Pax — Friede.
Begonnen haben die Salzburger Festspiele mit dem Jedermann am 22. August 1920 vor dem schönsten Bühnenbild der Welt, der Fassade des Salzburger Doms.
100 Jahre sind Grund zum Feiern, sind Anlass, Dank zu sagen allen Künstlerinnen und Künstlern, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die aus dem zarten Pflänzchen Festspiele das größte Klassikfestival der Welt gemacht haben: mehr als 200 Vorstellungen auf 15 Spielstätten an 44 Tagen mit Besuchern aus 80 Ländern, davon 40 nichteuropäischen.

Im Zentrum unseres Jubiläumsprogramms stehen die Idee der Gemeinschaft, das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen, der radikale Individualismus und als große Hoffnung die Idee von der Veränderbarkeit der Welt durch eine solidarische Gesellschaft, durch eine neue Menschlichkeit. Wie in einem Amoklauf irrlichtert Mozarts Don Giovanni seiner eigenen Zerstörung entgegen. In seiner Welt gibt es keine Liebe, keine Utopie, kein Licht. Seine Triebfeder ist der Exzess, ist der Nihilismus. Eine in ganz anderem Sinne Getriebene ist Elektra, rücksichtslos, rasend und maßlos in ihrer Rachsucht. Ein Maßloser ist auch Richard III., von William Shakespeare als Inkarnation des Bösen gezeichnet.
Als Antithese zu den extremen Grenzüberschreitungen des Individuums stehen in Mussorgskis Boris Godunow und Luigi Nonos Intolleranza 1960 die Dynamik des Volkes und der Masse. Sie sind es, die Protest formulieren und Veränderung fordern. In Mussorgskis Oper ist das Volk der Hauptprotagonist. Beispielhaft beschwört Luigi Nono in seinen Werken den Aufruhr, den Widerstand. Auch wenn Intolleranza 1960 das Schicksal eines Einzelnen dokumentiert, meint Nono doch die anonyme Masse. Sein Werk ist ein Aufschrei gegen alles Unrecht dieser Welt und ein flammendes Plädoyer für Humanität und Gerechtigkeit.
In Peter Handkes Uraufführung Zdeněk Adamec formiert sich in Rede und Gegenrede eine Gesellschaft, die gemeinschaftlich ein fiktives Psychogramm eines jungen Mannes entwirft, der sich mit seiner verstörenden Selbstverbrennung zum Fanal machte.
Wie William Shakespeare war auch Friedrich Schiller für Max Reinhardt ein zentraler Autor seines Theaterschaffens. In Maria Stuart stehen sich zwei Herrscherinnen gegenüber, deren jeweilige Positionen exemplarisch das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit behandeln.
Es ist die Landkarte der großen künstlerischen Äußerungen aller Epochen und aller Zeiten, von Monteverdi bis zur Musik unserer Tage, von der griechischen Tragödie bis zu Peter Handke, der sich die Festspiele verpflichtet fühlen, die unserem Festspiel Inhalt gibt.

100 Jahre Salzburger Festspiele sind 100 Jahre Kulturgeschichte. Die Salzburger Festspiele müssen nicht jedes Jahr neu erfunden werden, sie müssen jedoch immer wieder in eine neue Gegenwart geführt werden. „Ein Kunstwerk, das anregen, bewegen will, braucht die qualifizierte Ablehnung genauso wie die Zustimmung. […] Kunst muss den geistigen Zustand ihrer Zeit spiegeln, Widerpart und Opposition sein“, brachte es Nikolaus Harnoncourt in seiner immer noch aufrüttelnden Festspielrede 1995 auf den Punkt.
Eine „Begeisterungsgemeinschaft“ nannte Bazon Brock, Professor für Ästhetik, Sie, unser wunderbares Publikum. Weil bei den Festspielen eine einzigartige Form von gemeinsamem Erleben entsteht, das Menschen verschiedener Herkunft, Sprache und Religion eint. Eine Begeisterungsgemeinschaft für die Kraft der Kunst.
100 Jahre Salzburger Festspiele verbinden daher auch unseren Dank an Sie, liebes Publikum, mit der Bitte: Bleiben Sie Mitglieder dieser Begeisterungsgemeinschaft!

Helga Rabl-Stadler
Markus Hinterhäuser
Lukas Crepaz

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Editorial Cecilia Bartoli / Pfingsten 2020

Vorwort

Donizettis Don Pasquale passt 2020 erstaunlich gut zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele, die üblicherweise mit Mozart und Strauss in Zusammenhang gebracht werden, und entspricht auch meinem Bemühen, das Festspielrepertoire stets weiter zu bereichern.

Sechsmal stand Donizettis Opera buffa auf dem Festspielprogramm, darunter auch ganz am Beginn, wie ich im Archiv nachgelesen habe: 1922 führte man die ersten Opern auf, natürlich von Mozart. Nach zwei für die Festspiele schwierigen und opernlosen Jahren wurden 1925 Don Giovanni und Le nozze di Figaro wiederaufgenommen und eine weitere Aufführung der Wiener Staatsoper in Salzburg gezeigt: Don Pasquale, glänzend besetzt mit Bruno Walter, Maria Ivogün, Karl Erb, Hermann Wiedemann und dem berühmten Salzburger Bass Richard Mayr.
Somit ist Don Pasquale die erste Oper im Festspielrepertoire, die nicht von Mozart stammt. Die Produktion muss ein Erfolg gewesen sein, denn 1930 stand sie unter Bruno Walter erneut auf dem Spielplan. Ein Jahr später wurde Don Pasquale als Gastspiel einer italienischen Truppe aufgeführt. Bei Neuproduktionen in den 1950er und 1970er Jahren standen beliebte Künstlernamen wie der Regisseur Oscar Fritz Schuh sowie Hilde Güden, Sesto Bruscantini, Graziella Sciutti, Fernando Corena, Rolando Panerai — und Riccardo Muti auf dem Besetzungszettel, der 1971 als Dirigent von Don Pasquale sein Festspieldebüt gab.

Als ich in einem anderen Zusammenhang erfuhr, dass Pauline Viardot Mitte des 19. Jahrhunderts die Norina gesungen hat, begann ich darüber nachzudenken, wie sich am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert der „Divo“ nach und nach zu einer „Diva“ gewandelt hatte, während seine — und später eben ihre — Funktion dieselbe geblieben war: Sie stellten herausragende Künstlerpersönlichkeiten dar, um die sich im musikalischen sowie gesellschaftlichen Leben zu ihrer Zeit alles drehte.
In Italien, England und Spanien war man um 1730 hauptsächlich auf einen glänzenden Stern fokussiert: Farinelli. Er war Symbol für eine Reihe von Kastraten, die mit ihrer herrlichen Kunst — aber auch mit lautstarken Skandalen — bestimmten, was zur Blütezeit des Barock auf den europäischen Opernbühnen passierte.
Doch je weiter die Strahlen der Aufklärung das 19. Jahrhundert erleuchteten, desto mehr wandten sich die Fans von diesen extravaganten, von absolutistischen Monarchen verzogenen jungen Männern ab und einer neuen Gottheit zu: der Primadonna. Von nun an lagen sie Frauen zu Füßen, wunderbaren Künstlerinnen, welche die Werte der postrevolutionären und bürgerlichen Gesellschaft besser verkörperten als Kastraten, deren Künstlichkeit, vom Hochadel so geliebt, plötzlich als unnatürlich angesehen wurde. Frauen waren die neuen Musen für aufstrebende Komponisten, sie nahmen Einfluss darauf, was letztendlich in eine Partitur gelangte, auf die Repertoirepolitik an Theatern, Besetzungen und Gagen; manch eine von ihnen verfügte über großen gesellschaftlichen Einfluss.
Sie waren ehrwürdige Persönlichkeiten wie Isabella Colbran und Giuditta Pasta — oder Maria Malibran, die den freien, impulsiven Geist der Romantik verkörperte. Abgesehen von ihrem musikalischen Talent und ihrem neuartigen, intensiven Spiel auf der Bühne wurde die Malibran wegen ihres öffentlich ausgebreiteten Privatlebens und frühen Todes zur ultimativen Ikone, zur Marilyn Monroe des 19. Jahrhunderts.

Doch es war Maria Malibrans jüngere Schwester, Pauline Viardot-Garcia, die eine nachhaltige Wirkung auf die Kultur Europas ausüben sollte: Wie die anderen Mitglieder ihrer Familie ebenfalls außerordentlich musikalisch begabt, wurde Pauline in den führenden Opernhäusern bejubelt. Dank ihrer einnehmenden Art und der Beherrschung mehrerer Sprachen war sie ein willkommener Gast in eleganten Salons von Paris bis Sankt Petersburg. Bewundert von Virtuosen, Komponisten und Künstlern, wurde jedoch vor allem ihre intime Freundschaft zu Iwan Turgenjew zum bekanntesten Kapitel in ihrem Privatleben.

Wie Maria und ihr Bruder Manuel war Pauline ein Kind der italienischen Romantik und des Belcanto. In frühen Jahren sang auch sie mit Erfolg Mozart, Rossini und Donizetti. Im Lauf ihres langen Lebens — von 1821 bis 1910 — sowie infolge enger persönlicher Verbindungen zu Deutschland und Frankreich setzte sie sich für eine unglaubliche Vielfalt an musikalischen Stilrichtungen ein, etwa für Werke von Meyerbeer, Berlioz, Brahms, Wagner, Gounod, Saint-Saëns, Massenet und sogar Gabriel Fauré, der beinahe ihr Schwiegersohn wurde. Als Schülerin von Franz Liszt und Anton Reicha sowie Duopartnerin von Chopin war Pauline eine exzellente Pianistin und Komponistin. Ihre makellose Gesangstechnik, die sie an erfolgreiche Schülerinnen und Schüler weitergab, erlaubte es ihr, jahrzehntelang in ihrem Beruf tätig zu sein. Die glückliche Ehe mit dem französischen Theaterdirektor, Autor und Kunstkritiker Louis Viardot wiederum nützte ihrer Karriere als angesehene Sängerin und erlaubte es ihr, sich als große Förderin der Künste zu betätigen, die den tiefgreifenden kulturellen Wandel von der Frühromantik zum Impressionismus und zur frühen Moderne weitsichtig begleitete.

Zu Pfingsten 2020 werden wir dieser außergewöhnlichen Frau, die auf einer Tournee mit ihrem Schwager, dem belgischen Geiger und Pianisten Charles-Auguste de Bériot, auch einmal in Salzburg auftrat, als Opern-, Konzert- und Liedsängerin sowie in Werken, deren Entstehung sie veranlasste, begegnen.
Ganz besonders freue ich mich auf mein Debüt in Don Pasquale, einer Oper, die ich innig liebe. Die Rolle der Norina singe ich in einer Version mit Variationen, Kadenzen und musikalischen Einschüben, die auf eine Aufführungsserie des Don Pasquale in Sankt Petersburg 1845 mit Pauline Viardot als Norina zurückgeht. Die historischen Instrumente im Orchester nehmen das Klangbild auf, welches wir hier in Salzburg bereits für Bellini und Rossini erarbeitet haben.
Eine Manuel García und seinen drei berühmten Kindern — Manuel, Maria und Pauline — gewidmete Gala bildet für mich den Höhepunkt des Programms. Man kann Rossini in seinem Dank an diese Künstlerpersönlichkeiten nur beipflichten: Ihr nachhaltiger Einfluss auf über hundert Jahre Musikgeschichte lässt einen staunen! Zu Beginn enthusiastische Förderer von Werken Mozarts, Rossinis und Bellinis, brachten sie als erste die Oper nach New York. Durch ihr pädagogisches Wirken hatten sie zudem großen Einfluss auf das deutsche Lied. Und noch am Beginn des 20. Jahrhunderts pries man die berühmte Studentin von Paulines Schülerin Aglaja Orgeni, Margarethe Siems, für ihren überragenden Gesang in den Uraufführungen von Richard Strauss’ Elektra, Rosenkavalier und Ariadne auf Naxos

Cecilia Bartoli

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Programmbuch

100 Jahre Salzburger Festspiele