Joseph Beuys, unbetitelt, 1958 · Ölfarbe, Wasserfarbe, Bleistift auf festem Papier Sammlung Klüser, München · Dauerleihgabe in der Pinakothek der Moderne München · Foto: Mario Gastinger © Bildrecht, Wien, 2018 · Mit freundlicher Genehmigung des Nachlass Joseph Beuys

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Zur Produktion

„Jede irdische Freude ist trügerischer Zauber, das Herz des Menschen eine Quelle unendlichen Leids.“

Unter den Opern seiner Meisterjahre war Simon Boccanegra Verdis Schmerzenskind. Bei der Uraufführung in Venedig erlebte das Werk 1857 ein Fiasko und auch die mit Hilfe des späteren Otellound Falstaff-Librettisten Arrigo Boito radikal überarbeitete Neufassung, die 1881 in Mailand herauskam, konnte sich nicht durchsetzen. Heute wird die Oper häufiger gespielt; unter Kennern gilt sie als Geheimtipp. Sie ist Verdis vielleicht persönlichstes, jedenfalls dunkelstes, pessimistischstes Werk. „Das Stück“, so schrieb er am 2. Februar 1881 an Opprandino Arrivabene, „ist düster, weil es düster sein muss, aber es ist fesselnd.“
Wer sich auf die komplizierte Handlung mit ihren schicksalhaften Verkettungen und zwanghaften Wiederholungen einlässt, begegnet einem fatalistischen Geschichtsdrama von beklemmender Aktualität: Männer machen Geschichte und Frauen sind die Opfer. Die historischen Ereignisse um die bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen zur Mitte des 14. Jahrhunderts in Genua sind aber nur die Folie für ein Drama um Liebe, Schuld und Sühne. Privates und öffentliches Leben durchdringen sich, keines existiert losgelöst vom anderen. Paolo, der Anführer der Volkspartei, will mit der Wahl des populären Korsaren Simon Boccanegra zum Dogen die Macht des Adels brechen. Simone lehnt zunächst ab. Aber Paolo kennt seine verwundbare Stelle: Maria, seine Geliebte und die Mutter seiner Tochter. Für sein privates Glück lässt Boccanegra sich erpressen und setzt sich selbst als Pfand, um schließlich genau dieses Glück zu verlieren. Denn die von ihrem Vater Jacopo Fiesco gefangen gehaltene Maria stirbt, während die Tochter spurlos verschwindet. Was Simone bleibt, ist das Amt des Dogen, dessen Macht er fortan im Dienst der Versöhnung zwischen den verfeindeten Parteien ausübt. 25 Jahre verstreichen, bis er die verloren geglaubte Tochter in Amelia Grimaldi durch Zufall wiederfindet. Doch das Schicksal wiederholt sich: Amelia liebt den mit seinem Todfeind Fiesco verbundenen Adligen Gabriele Adorno. Paolo, der selbst ein Auge auf Amelia geworfen hat, rächt sich und vergiftet Simone.
Dramaturgie und Musik von Simon Boccanegra sind entscheidend geprägt durch die große Zeitdifferenz und damit die stilistische Entwicklung zwischen der Erst- und der zu einem Drittel gänzlich neu komponierten Zweitfassung. Der Bruch ist deutlich hörbar. Während die aus der Erstfassung übernommenen Nummern vor allem des Prologs und des zweiten Aktes noch weitgehend den traditionellen Formen der italienischen Oper folgen, zeigen die nachkomponierten Teile Verdi bereits auf dem Weg zum Spätstil des Otello. Das betrifft vor allem die von Boito erfundene große Ratsszene im ersten Akt, die zu Recht als Höhepunkt der Oper gilt. Erst hier, vor den versammelten Senatoren und dem eindringenden Volk, tritt Simone mit seinem machtvoll- beschwörenden Aufruf zum Frieden und der Verfluchung des Intriganten Paolo als handelnder Politiker hervor, während er sonst der von den Emotionen schmerzvoller Erinnerung und Resignation zerrissene Liebende und Vater ist. Der in der Urfassung noch blasse Paolo, der Verräter aus verschmähter Liebe, nimmt dämonische Züge an, die schon auf den Jago des Otello vorausweisen. Die Unerbittlichkeit Fiescos manifestiert sich in seinen beiden das Stück verklammernden Duetten mit Simone, während Gabriele Adorno trotz seiner originellen Eifersuchtsarie von Verdi musikalisch ein wenig vernachlässigt wurde. Für sich steht Amelia, der leidende, passive Engel als Verkörperung der von Simone beschworenen Hoffnung auf „pace e amor“, Frieden und Liebe.
Simon Boccanegra glänzt nicht, wie die vorausgegangene populäre Trias von Rigoletto, Il trovatore und La traviata, durch eingängige Melodien, sondern beeindruckt durch die seelentiefe Zeichnung der Figuren, eine psychologisch unterfütterte Orchestersprache und eine musikalische Grundfarbe, die nahezu durchgängig von Schmerz, Schwermut und Verlust erfüllt ist. Das Gefühl des Verlustes fasst Fiesco am Ende dieses Theaters des Todes in Worte, die trotz der Hochzeit von Amelia und Adorno nur zaghaft Hoffnung aufkommen lassen: „Jede irdische Freude ist trügerischer Zauber.“

Uwe Schweikert

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