Man Ray, Laboratory of the Future, 1935,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, The Museum of Modern Art, New York, Foto: Scala, Florenz

„Keine Interpretation! So war’s doch ausgemacht für unser Spiel, oder?“

„Ja, so war es abgemacht.“

Eine Gruppe von Menschen findet sich zusammen. Ohne Nennung von Anzahl, Alter, Geschlecht oder Nationalität lässt der Autor sie aufeinandertreffen, so viele, „wie das Spiel, das unsrige, nötig haben wird“. Ein Gespräch entspinnt sich, scheinbar ohne Anlass und ohne eindeutige Zuordnungen zwischen Sprechenden und Gesprochenem, aber mit einem Thema, einer Geschichte: „Als Zdeněk Adamec, 18 Jahre alt, aus Humpolec im böhmischen Hoch­land, sich auf dem Wenzelsplatz in Prag verbrannte, war es ein Morgen, und es war Anfang März.“ Der historische Fall aus dem Jahr 2003 wird zum roten Faden in einem Textgewebe aus Fragen und Ant­worten, Vermutungen und Zweifeln, Informationen und Anekdoten. Während sich die Figuren um eine Rekonstruktion des Ereignisses in seinem politisch­-historischen Kontext bemühen, entsteht ein fiktives Psychogramm des jungen Tschechen Zdeněk Ada­mec, der sich mit seiner verstörenden Tat im Wort­sinn zum Fanal machen wollte gegen den von ihm als unerträglich wahrgenommenen Zustand der Welt. In Rede und Gegenrede formiert sich eine kleine (vielleicht internationale?) Gesellschaft.
„So oder so haben wir, Einheimische, Zugereiste, Inländer, Ausländer, Junge, Ältere, samt unseren verschiedenen Akzenten etwas von späten oder letzten Gästen.“ Im dialogischen Zusammentragen von Wissens­- und Erzählenswertem geraten die vom Autor explizit zum Spielen erdichteten Figuren unversehens in eine Reflexion über sich selbst und das eigene Verhältnis zur Welt. Deutlich vernimmt man in diesem musikalisch komponierten, mehr­stimmigen Sprechen Peter Handkes Stimme. Sein Text erscheint auch als eine Selbstbespiegelung des schon älteren Mannes im noch ganz jungen — eine poetische Gegenüberstellung und Sympathie­bekundung über die Zeit hinweg? Zdeněk Adamec ist aber auch eine literarische Suchbewegung nach der Möglichkeit zu leben am Beispiel eines tragisch Gescheiterten.
Peter Handke, einer der sprachmächtigsten Dichter unserer Gegenwart, schlägt in seinem neuesten Theaterstück einen spielerischen Ton an, der fast schwebend vom Sachlichen ins Flapsige, von der Ironie ins Pathos wechselt. Am Ende klingt so etwas wie Einverständnis an mit dem Unversöhnlichen in der Welt, eine friedlich-­heitere, unkommentierte Tapferkeit, die nicht zuletzt aus dem Miteinander­-Reden, aus der Sprache ihre Kraft zu gewinnen scheint.
Peter Handke zählt zu den bedeutendsten Schrift­stellern unserer Zeit und wurde international mit den wichtigsten Literaturpreisen ausgezeichnet. 2019 erhält er den Literaturnobelpreis „für ein ein­flussreiches Werk, das mit sprachlicher Genialität die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung untersucht“. Nach Jahrzehnten wech­selnder Wohnorte und stetigen Reisens lebt Peter Handke seit 1990 in Chaville bei Paris. Mit Salzburg und den Festspielen verbindet ihn eine langjährige, zeitweise enge persönliche und künstlerische Be­ziehung. Einige seiner wichtigsten Werke entstan­den, als der Dichter in den 1980er­-Jahren eine für ihn damals ungewöhnlich lange Zeit am selben Ort lebte: am Mönchsberg in Salzburg.
Sein Debüt bei den Salzburger Festspielen gab Peter Handke 1982 mit seinem dramatischen Ge­dicht Über die Dörfer in der Inszenierung von Wim Wenders. Zuletzt erlebte 2011 Immer noch Sturm, die historisch­poetische Aufarbeitung seiner Fami­ liengeschichte, auf der Perner­-Insel in Hallein in der Regie von Dimiter Gotscheff eine von Presse und Publikum euphorisch gefeierte Uraufführung.

Die Uraufführung seines neuesten Theatertextes Zdeněk Adamec wird Friederike Heller erarbeiten, eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Theaterregisseurinnen ihrer Generation. Seit sie 2005 für ihre Inszenierung von Peter Handkes Untertagblues am Wiener Burgtheater zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gekürt wurde und im Rahmen des Young Directors Project 2006 bei den Salzburger Festspie­len mit der Inszenierung von Handkes Die Unver­nünftigen sterben aus debütierte, ist sie immer wieder mit ihren ebenso klugen wie formal eigen­willigen Interpretationen seiner und anderer Stücke hervorgetreten.

Andrea Vilter

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