Man Ray, Hand on lips, 1928,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Foto: Telimage, Paris

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Übernahme von den Osterfestspielen Salzburg

“Va! Tosca! / Nel tuo cuor s’annida Scarpia!”

„Geh, Tosca! In deinem Herzen nistet Scarpia!“

Puccinis Tosca ist ein in vielerlei Hinsicht herausragendes Werk, und die Präzision und Ökonomie, mit der der Komponist einen hochemotionalen Stoff in pure musikalische Spannung verwandelt, ist einzigartig. Die auf zwei Stunden Musik ver­dichtete fiktive Handlung spielt zu einem genau bestimmten historischen Zeitpunkt und an drei historischen Orten in Rom, die man heute noch be­sichtigen kann: in der Kirche Sant’Andrea della Valle, im Palazzo Farnese und im Castel Sant’Angelo. Mit Floria Tosca, Mario Cavaradossi und ihrem skrupel­losen Gegenspieler Scarpia hat Puccini alle drei Hauptfiguren des Stückes zu ikonenhaften Charak­teren der Interpretationskunst gemacht. Seit Gene­rationen verbinden Opernliebhaber legendäre Auf­tritte ihrer Lieblingssänger mit den einprägsamen Melodien von „E lucevan le stelle“, „Vissi d’arte“ und den überwältigenden Klängen des „Va! Tosca!“ zum „Te Deum“­-Finale des ersten Aktes.
Der Maler Cavaradossi, der mit den Republikanern sympathisiert und den geflohenen Revolutionär An­gelotti versteckt, gerät in die Fänge des Polizeichefs Scarpia. Scarpia wiederum benützt diese Situation, um der berühmten Sängerin Floria Tosca, Cavara­dossis Geliebter, ein brutales Geschäft anzubieten: Wenn Tosca sich seinen Wünschen hingibt, will er Cavaradossi das Leben schenken. Um ihren Gelieb­ten zu retten, lässt Tosca sich scheinbar auf den Handel ein … Im politischen Spannungsfeld von Machtmissbrauch und Intrige entspinnt sich ein Drama von Liebe, Eifersucht, sadistischem Begehren und psychischer wie physischer Gewalt zwischen den Polen Kunst, Religion und Politik. Dabei ist es die Musik, „die diese schwarze Geschichte voran­ treibt und ihr innerhalb weniger Takte immer wieder überraschende Wendungen gibt — wie ein genialer Soundtrack zu einem Film noir“, erläutert Regisseur Michael Sturminger. „Bei Tosca geht es um Menschen in Extremsituationen. Es gibt vielleicht keine zweite Oper, die so präzise und knallhart möglichst inten­sive menschliche Emotionen darstellt, die Protago­nisten einem andauernden Wechselbad der Gefüh­le aussetzt und damit eine singuläre musikalische Sogwirkung erzielt. Die Beziehungsgeschichte ist im Kern mit der Machtgeschichte und mit dem Thema ‚Künstler gegen repressiven Staat‘ ver­woben, das Politische fungiert als Hebel für die emotionalen Zustände, und all das ist eingebettet in ein böses politisch­-religiöses Machtspiel, das die Menschen brutal und zynisch den Interessen der Herrschenden opfert.“
Bei aller theatralischer Wirkung verliert Puccini seine aufklärerische Botschaft nie aus den Augen: Folter, Mord, Unterdrückung sind die unvermeid­baren Folgen unkontrollierter Macht und Willkür, seien sie politischer oder religiöser Art. Kein scho­ckierendes Detail erspart der Komponist seinem Publikum. Nur zwei Jahre nach dem Mailänder Massaker, bei dem ein königlicher General 82 seiner gegen die Erhöhung der Brotpreise de­monstrierenden Landsleute erschießen ließ, wussten Puccinis Uraufführungsbesucher, auf welcher Seite des politischen Spektrums sie sich die Figur des Scarpia vorstellen sollten und wie nahe das Unrecht war.
Anhand der Figuren und ihrer Konflikte lassen sich allgemeingültige Prinzipien menschlichen Verhal­tens ablesen. „Wir haben es bei Tosca mit Protagonisten zu tun, die in historischen Räumen agieren und unter der Last der Geschichte leben, heute genauso wie zur Entstehungszeit der Oper. Die archaische Wucht des Stücks wird — indem wir es in unsere Gegenwart holen — nicht durch eine moderne Alltäglichkeit aufgehoben, sondern mit zeitgenössischen Menschen in einem neuen Licht gesehen, das auf ein bekanntes, klassisches Meis­terwerk geworfen wird.“

Michael Sturminger, Jürgen Kesting

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