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„Von nun an die Sonne in Trauer, von nun an finster der Tag!“

Im Jahr 1792, am 4. Juni nach gregorianischem Kalender, wurde Jakob Michael Reinhold Lenz 41-jährig tot in einer Moskauer Straße aufgefunden. Nach heutigem Dafürhalten hatte der hochbegabte deutsch-baltische Dramatiker, Prosaautor und Übersetzer des Sturm und Drang, der bis zu einer rätselhaften Entfremdung auch mit Goethe befreundet war, an einer katatonen Schizophrenie gelitten: Während einer kurzzeitigen Pflege beim Pfarrer Johann Friedrich Oberlin und dessen Frau im Elsass 1778 dokumentierte Oberlin einen Teil von Lenz’ Krankengeschichte.
Die ungemein dichte Kammeroper Jakob Lenz, die der erst 25-jährige Wolfgang Rihm 1977/78 komponierte, basiert auf der posthum erschienenen Erzählung Georg Büchners, die sich auch auf Oberlins Bericht stützt: Das Werk setzt der Idee eines schöpferisch leidenden und leidend schöpferischen Genies, das an seiner starren, kunstfeindlichen Umgebung zerbricht, ein programmatisches Denkmal.
„Die musikalische Bühne“, so Rihm, „ist für mich der Ort des Sehr-Märchenhaften und des Sehr-Menschlichen. In Jakob Lenz schlägt das Menschliche oft ins Märchenhafte um, weil die Realistik einer sich selbst zuredenden, verstörten Seele irreale Züge annimmt, oder wir das einfach nicht anders verstehen können als nicht real. Eine Person wie Jakob Lenz auf der Bühne ist kompliziert allein dadurch, weil sie selbst mehrere Bühnen in sich birgt. Diese ständig präsenten Bühnen muss die Musik repräsentieren. Ich habe dies auf die direkteste Art versucht: die musikalischen Schichten nicht säuberlich getrennt, sondern eben ständig präsent gehalten, bis sie — jeweils ihrer eigenen Dramaturgie gehorchend — hervorbrechen müssen. Im Überblick gewinnt die Großform Züge eines mehrschichtig durchgeführten Rondos; eine Art Rondorelief, weil psychologische Nähe und Ferne musikalisch ja als atmosphärische Relationen perspektivisch ausformuliert werden.
Vor allem gilt: der Faden, an dem Jakob Lenz hängt, ist der Strom ins Herz der Hörer.“

Walter Weidringer

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