Man Ray, Iron mask for L’amour fou by Breton, 1937,

„Ich bin entschlossen, einen Dreckskerl aufzuführen ...“

Fast ganz am Anfang seiner Karriere, noch fast ohne Bühnenerfahrung, schreibt Shakespeare The Tragedy of King Richard the Third und erfindet zusammen mit dem kurz zuvor entstandenen dreiteiligen Werk Henry VI eine neue Gattung politischen Theaters: das Historiendrama. Die York­-Tetralogie entsteht in den 90er­-Jahren des 16. Jahrhunderts. England wird damals — nur wenige Jahre nach dem Sieg über die spanische Armada im Ärmelkanal — von einer Woge des Patriotismus und Nationalismus mitgerissen. Man kann sich fragen, warum Shakespeare ausge­rechnet in diesen Zeiten den Stoff der Rosenkriege wählt: eines der dunkelsten Kapitel der englischen Geschichte. Für ihn und seine Zeitgenossen sind sie unmittelbare Vorgeschichte, kaum mehr als 100 Jahre sind seither vergangen. Und gerade jetzt, unter der stabilen Herrschaft Elisabeths I., in einem Klima nationaler Euphorie, konfrontiert Shakes­peare sein Publikum mit der Verfallsgeschichte einer Adelsgesellschaft, in der innerlich verrohten Menschen kein Preis zu hoch ist, eigene Ziele durchzusetzen, und skrupellose Machtkämpfe toben.
Zwei Familien — das Haus York und das Haus Lan­caster — zerfleischen sich gegenseitig im Kampf um den englischen Thron. Und mit Richard III. — Endpunkt und Summe der Rosenkriege — betritt einer der größten Antihelden der Theaterliteratur die Bühne: kaltblütig, hemmungslos, sadistisch, brutal, schlechthin die Inkarnation des Bösen. Zu­ gleich ist er eine Hauptattraktion des Shakespeare­schen Kosmos: hellsichtig, witzig, heuchlerisch, ver­führerisch. Er weiß um die Manipulierbarkeit der Menschen, ist ein großer Lügner, ein Virtuose der Instrumentalisierung anderer und der genussvollen Selbstinszenierung. Er spielt mit seinem Gegenüber, und auch das Theaterpublikum lässt er nicht aus, kommentiert sein Tun in direkten Ansprachen, zieht es unweigerlich auf seine Seite. Ein genialer Coup Shakespeares, der diese Rolle bis heute zu einer außerordentlichen schauspielerischen Aufgabe macht. Immer wieder neu fasziniert Shakespeare auch, weil er nicht erklärt, sondern vor allem Fragen aufwirft: Was macht die Attraktion dieses „Drecks­kerls“ aus? Ist er ein pathologischer Sonderfall, ein gekränkter Outlaw oder womöglich die konsequen­teste Ausprägung eines Systems? Wie ist die Zu­stimmung der vielen, das Einverständnis mit seiner Politik zu erklären? Empfinden seine Anhänger, die ihm die Machtergreifung ermöglichen, obwohl sie wissen, wie gefährlich er ist, die gleiche brutale Freude; macht die eigene Gier sie blind? Was für eine Rolle spielen Ignoranz, falsche Nachsicht, Feig­heit und systematisches Wegschauen der anderen? Welche Ängste, Triebe, wahnhaften Wahrnehmun­gen, Realitätsverluste, welche Schwächen, welches Versagen steuern die Katastrophe?
Shakespeare beschreibt mit Richard III. deutlich die Deformationen einer Gesellschaft, in der „eine laten­te Tiefenschicht an Grausamkeit“, wie sie Antonin Artaud beschreibt, hervorbricht. Das ist unheimlich, aber nicht irreal, es ist der Boden unter der erfolg­reichen Herrschaft Königin Elisabeths. Beunruhigend bleibt, was hinter unserem Vergnügen, Richard III. zu folgen, steckt. Was macht auch uns zu Kollabo­rateuren?

Es inszeniert die vielfach ausgezeichnete Regisseu­rin Karin Henkel, die vor zwei Jahren in Salzburg mit großem Erfolg bei Gerhart Hauptmanns Rose Bernd Regie führte; Lina Beckmann übernimmt auch dies­mal die Titelrolle.

Rita Thiele

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