Man Ray, The veil, 1931,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Foto: Telimage, Paris

„Der Thron von England ist durch einen Bastard / Entweiht, der Briten edelherzig Volk / Durch eine listge Gauklerin betrogen. / — Regierte Recht, so läget Ihr vor mir / Im Staube jetzt, denn ich bin Euer König.“

England in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Auf der Insel tobt — wie in ganz Europa — ein erbar­mungsloser Kampf um Einfluss und Macht zwischen Anhängern der noch jungen protestantischen Re­formationsbewegung und papsttreuen Katholiken. In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1572 findet die Auseinandersetzung in Frankreich ihren blutigen, vorläufigen Höhepunkt: Beim Massaker in der Bar­tholomäusnacht verlieren tausende Protestanten ihr Leben.
Man muss sich den berühmtesten aller Königinnen­-Konflikte zwischen Königin Elisabeth I. von England und Maria Stuart, Königin von Schottland, vor dem Hintergrund dieser Leichenberge vorstellen, die sich über Europa verteilt anhäufen. Hinter der Ver­schiedenheit der beiden historischen Persönlich­keiten „erheben sich wie riesenhafte Schatten die großen Gegensätze der Zeit“ (Stefan Zweig): hier die protestantische, unverheiratete Königin von England, unter deren unterkühlter reformorientier­ter Herrschaft die Insel eine Phase der Prosperität erlebt, dort die extrovertierte Königin von Schott­land Maria Stuart, leidenschaftliche Katholikin, Anhängerin der alten, mittelalterlichen Ordnung und berüchtigt für ihren Männerverschleiß. Friedrich Schiller hat diesem Konflikt im Jahr 1800 meisterlich sein dichterisches Denkmal gesetzt: Maria Stuart hat berechtigte Ansprüche auf den Thron formuliert, auf dem Elisabeth sitzt. Dann muss sie aus Schottland nach England fliehen, weil sie der Unterstützung des Mordes an ihrem zweiten Mann, Lord Darnley, verdächtigt wird. Königin Elisabeth jedoch, anstatt ihr Schutz zu gewähren, hält sie auf Jahre gefangen. Zahlreiche Anläufe von katholi­scher Seite zur Befreiung Marias scheitern. Der Beraterstab um Elisabeth ist tief zerstritten: Soll man Maria leben lassen? Oder soll man die ge­krönte Monarchin zum Tode verurteilen und hin­richten lassen? Wie wird Elisabeth schließlich ent­scheiden?
Maria Stuart ist ein Politthriller, eine historische Über­höhung, eine leidenschaftlich geführte Auseinander­setzung mit jenen Fragen, die Schiller sein Lebtag umtrieben: Was ist die Freiheit des Einzelnen? Was ist politische Macht, und wo endet sie? Was ist Gerechtigkeit? Wie wird Recht gefertigt? Und in welchem Staat wollen wir eigentlich leben?

In der Regie von Burgtheaterdirektor Martin Kušej kommt es zum 100-­Jahr-­Jubiläum der Salzburger Festspiele zur ersten Inszenierung von Schillers Spätwerk in der Festspielgeschichte — mit den un­vergleichlichen Schauspielerinnen Bibiana Beglau als Elisabeth und Birgit Minichmayr als Maria Stuart.

Alexander Kerlin

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