Man Ray, Venus, 1937,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Foto: Galleria Nazionale d’Arte Moderne e Contemporanea — Roma

Mit Unterstützung der
Freunde der Salzburger Festspiele e. V. Bad Reichenhall

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut / in der wir untergegangen sind / gedenkt / auch der finsteren Zeit / der ihr entronnen seid.“

Intolleranza 1960 ist eine Oper, die mehr Fragen aufwirft, als dass sie Antworten gibt. Kann man dieses Werk überhaupt eine Oper nennen? Oder hat sie uns etwas viel Wichtigeres zu sagen? Verändert sich ihre politische Aussage, wenn man sie heute auf­ führt, als Intolleranza 2020? Der italienische Kompo­nist Luigi Nono strebte nach einer neuen Form des Musiktheaters, das mit der menschlichen Stimme, mit simultanen Abläufen und mit räumlichen Klang­wirkungen experimentiert und diese auf einzigartige Weise zur Geltung bringt. Nono lehnte die tradier­ten Opernkonventionen ab und stand anfangs der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern nahe. Er erforschte neue Kompositionstechniken, verwendete in seinen Stücken elektronische Musik und Tonbandaufzeich­nungen und nannte sie „Situationen“ oder „azione scenica“ (Bühnenhandlung). Dieser dramaturgische Ansatz machte Nono zu einem Erneuerer, wobei seine musikalische Weltsicht stark von seinen politi­schen Ansichten beeinflusst war. Als junger Partisa­nenkämpfer war er in den letzten Tagen der Musso­lini­-Diktatur in die italienische KP eingetreten, als die Mitgliedschaft in dieser Partei eine Straftat be­deutete. Nono ging es um die gesellschaftliche Re­levanz seiner Musik, um „engagierte Musik“, die sich nicht nur in ästhetischen Formen erschöpft, sondern eine unmittelbare Wirkung auf ihre Zuhörer haben sollte. Er wollte alle sozialen Schichten ansprechen. Intolleranza 1960 war Nonos erstes Musiktheater­werk und entstand im Auftrag des 24. Internationa­len Festivals für zeitgenössische Musik der Biennale von Venedig, in dessen Rahmen es vor fast 60 Jahren im Teatro La Fenice uraufgeführt wurde. Man würdigte es als einen wichtigen Beitrag der Nachkriegs­avantgarde und ein Schlüsselwerk in Nonos erster Schaffensphase. Das Libretto nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino verfasste Nono selbst. Er verarbeitete darin Essays und Gedichte von Julius Fučík, Henri Alleg, Jean­ Paul Sartre, Paul Éluard, Wla­dimir Majakowski und Bertolt Brecht. Es handelt von einem namenlosen Auswanderer, der in seine Hei­mat zurückkehrt. Auf seiner Reise gerät er in eine Demonstration und wird — obwohl er unschuldig ist — festgenommen, gefoltert und in ein Konzentra­tionslager gebracht. Sein Heimweh schlägt um in Sehnsucht nach Freiheit. Es gelingt ihm die Flucht, doch das Schicksal trifft ihn in Form einer Flutwelle, die eine humanitäre Katastrophe auslöst. Intolleranza 1960 musste diverse Widerstände über­winden, die sich schon vor der Premiere abzeichne­ten: Zum einen verlief die Zusammenarbeit von Nono und Ripellino nicht wie geplant, woraufhin Nono eine neue Textfassung erstellte, die der Vor­sitzende der Biennale zu zensieren versuchte. Zum anderen sorgten bei der Premiere Neofaschisten für Störungen und überschütteten das Stück mit Häme. Die „azione scenica“ spiegelt Nonos Unzufriedenheit mit den herrschenden Machtverhältnissen wider; sie besteht aus allegorischen Episoden, in denen die Absurditäten des täglichen Lebens angeprangert werden. Das Werk ist ein leidenschaftlicher Protest gegen Rassismus, Intoleranz, Unterdrückung und die Verletzung der Menschenwürde, wobei die Um­weltkatastrophe am Ende der Handlung das Werk mit heutigen Diskursen verknüpft. Nono schrieb: „Intolleranza 1960 ist das Erwachen des menschli­chen Bewußtseins eines Mannes, der sich gegen den Zwang der Bedürfnisse erhebt und einen Sinn, eine ,menschliche‘ Grundlage des Lebens sucht. Nachdem er einige Erfahrungen der Intoleranz und der Angst durchlitten hat, ist er dabei, eine mensch­liche Beziehung zwischen sich und den anderen wie­derzufinden […]. Es bleibt die Gewißheit, daß der ,Mensch jetzt dem Menschen ein Helfer ist‘.“

Nonos Werke waren in den letzten 25 Jahren in Salzburg immer wieder in beispielhaften Produktio­nen zu erleben. Dirigent Ingo Metzmacher, ein pro­funder Kenner von Nonos Musik, betont, dass für ihn Nonos „Werk und sein Vermächtnis […] so etwas wie ein Leitstern“ seien. Jan Lauwers hat sich zuletzt intensiv mit der Bedeutung von politischer Kunst beschäftigt; seine Erkenntnisse werden auch in die Neuinszenierung einfließen: „Politische Kunst ne­giert die Ästhetik der Politik. Dabei ist Kunst immer politisch.“

Elke Janssens
Übersetzung: Eva Reisinger

mehr dazu weniger anzeigen

Programm Navigator