„Mein größter Kummer war, dich hassen zu müssen.“

Mächtig, doch einsam und innerlich leer, voller Sehnsucht nach menschlichen Gefühlen: In seiner Arie im dritten Akt von I vespri siciliani erscheint Guido di Monforte wie ein Vorläufer von Verdis späteren Herrscherfiguren Simon Boccanegra und Philipp II. Das musikalische Porträt des franzö­sischen Gouverneurs von Sizilien vermittelt dabei eine psychologische Komplexität, die bezeichnend ist für die neuen Wege, die Verdi nach der „trilogia popolare“ aus Rigoletto, Il trovatore und La traviata beschritt. 1855 uraufgeführt, bildete Les Vêpres siciliennes (so der französische Originaltitel) das erste Werk, das er für die Pariser Opéra kompo­nierte, ohne — wie im Fall von Jérusalem — bloß eine italienische Oper umzuarbeiten: Diesmal sollte es eine echte und aufwendige Grand opéra werden, die sich mit Meyerbeers Erfolgen messen konnte. Seine historische Basis fand das Sujet der Oper, das sich Verdi „grandios, leidenschaftlich und originell“ wünschte, im Aufstand der Sizilianer gegen die französische Fremdherrschaft im Jahr 1282.
Grand opéra — das bedeutete nicht zuletzt spekta­kuläre szenische Effekte und Überraschungen. Im Finale des vierten Aktes etwa werden die aufständi­schen Verschwörer Elena und Procida zu den Klän­gen eines „De profundis“ zur Hinrichtung geführt, während sich Arrigo — auch er ein sizilianischer Patriot — nach heftigem inneren Kampf zu jenem öffentlichen Bekenntnis durchringt, mit dem er sei­ne Geliebte und seinen Freund vor dem Beil retten kann: dass er nämlich (wie er erfahren musste) der uneheliche Sohn Monfortes ist. Mehr noch als an den großen Tableaux entzündete sich Verdis Fanta­sie aber an den Individuen und ihren Beziehungen zueinander, an privaten Gefühlen, auf denen die Schatten der Politik lasten. Gerade die Liebe zwi­schen Arrigo und Herzogin Elena, deren Bruder von den Franzosen ermordet wurde, äußert sich in einem Ton von verhaltenem Pathos, der für diese experi­mentierfreudige Partitur als Ganzes charakteristisch ist und einen besonderen Reiz ausmacht.

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