Man Ray, Illustration for Aurélien by Aragon, 1944,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Foto: Telimage, Paris

„Man braucht für diese Art Grenzüberschreitung doch menschlich irgendwie Begleitung!“

EVERYWOMAN
Du überfällst mich mitten im Leben
und willst mir nicht mal Aufschub geben?

TOD
Tja. Da hilft kein Heulen, auch hilft kein Beten:
Du musst deine Reise sofort antreten.

EVERYWOMAN
Das kann ich nicht, so ganz allein.
Im Übrigen: Das kann auch nicht sein.
Man braucht für diese Art Grenzüberschreitung
doch menschlich irgendwie Begleitung!

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Und wenn ja: Wie kann dieses richtige gelingen, wenn jede Bewegung im Treibsand des Kapitalismus nur immer tiefer in die Verstrickungen des falschen führt?
Mit Everywoman gehen die Schauspielerin Ursina Lardi und der Regisseur Milo Rau von einem klas­sischen Motiv der Weltliteratur aus: dem Everyman, der sein Leben angesichts des Todes einer Generaluntersuchung unterzieht. Geld, Sex, Partys und Arbeit so viel sie wollte — Everywoman hat alles gehabt und alles gemacht. Sie hat alle gesellschaftlichen Rollen gespielt und alle Städte dieser Welt gesehen. Sie kennt weder Moral noch Maß. Als sie jedoch mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert wird, erkennt sie, dass sie ihr Leben ändern muss. Nur wie?
Wie bereits Mitleid. Die Geschichte des Maschinen­gewehrs, das Lardi und Rau zusammen auf Re­cherchereisen im Kongo und auf den Flüchtlingsrouten in den Jahren 2015/16 entwickelt haben, basiert Everywoman auf eigenem Erleben und Arbeitserfahrungen, aber auch auf Gesprächen, die Ursina Lardi, Milo Rau und ihr Team in einer mehrmonatigen Stückentwicklung führen werden: in Europa und abseits davon vor allem in Brasilien auf einer besetzten Plantage. Denn Everywoman steht nicht nur stellvertretend für eine globale Elite an der Spitze unserer von katastrophischer Selbst­erfahrung und Fremdausbeutung geprägten Zivilisation. Das Stück ist zugleich eine Befragung der eigenen Arbeit, der Kraft und des Sinns von Kunst: Was zählt wirklich? Kann Theater im Kapitalis­mus mehr sein als Selbst­- und Fremdausbeutung? Und wenn ja, was kann es mehr sein? Was wäre ein menschliches, ein postkapitalistisches Miteinander auf, vor und hinter der Bühne?

Der Schweizer Regisseur, Autor und Essayist Milo Rau, der zunächst unter anderem bei Pierre Bourdieu und Tzvetan Todorov Soziologie sowie Romanistik und Germanistik studierte, gehört zu den wichtigsten und zugleich politischsten Theater­machern Europas. 2016 wurde er, als bisher jüngs­ter Träger, mit dem renommierten europäischen ITI-­Theaterpreis geehrt. Sein Stück Five Easy Pieces wurde als erste nicht inländische Produktion mit dem Spezialpreis der Jury der Belgischen Theater­kritik ausgezeichnet und 2017 zum Berliner Theater­ treffen eingeladen. Er veröffentlichte mehr als 50 Theaterstücke, Filme und Aktionen, die auf vielen internationalen Bühnen und Festivals zu sehen waren. Seit 2018 ist er Künstlerischer Leiter des Nationaltheaters Gent. Mit der Schauspielerin Ursina Lardi verbindet ihn eine langjährige, intensive Zusammenarbeit.

Christian Tschirner

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