Man Ray, Long Hair, 1929,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Foto: Telimage, Paris

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* Teilnehmerin des Young Singers Project – unterstützt von der KÜHNE-STIFTUNG

„Ich war ein schwarzer Leichnam unter Lebenden, und diese Stunde bin ich das Feuer des Lebens, und meine Flamme verbrennt die Finsternis der Welt.“

Dies erwidert Elektra auf die Nachricht, die ihr von ihrer Schwester Chrysothemis überbracht wird: Ihr lang erwarteter und unverhofft erschienener Bruder Orest wird bejubelt, weil er zunächst ihre Mutter Klytämnestra und danach deren Liebhaber Aegisth, den neuen Herrscher über die Stadt, ermordet hat. Bald darauf spricht Elektra ihre letzten Worte, bevor sie tot zusammenbricht: „Ich trage die Last des Glückes, und ich tanze vor euch her. Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: schweigen und tanzen.“ Der Tod ihres Vaters Agamemnon ist endlich gerächt, der Kreislauf der Gewalttaten schließt sich, und der Kreislauf des Lebens könnte endlich neu beginnen. Der einsame Wahn Elektras, der außer dem Schatten ihres Vaters nichts gelten ließ, war diesem ein lebendiges Grabmal geworden. Sie stirbt einige Minuten nach ihrer Mutter, die zwar ihre Feindin gewesen war, ohne die Elektras Leben aber keinen Sinn mehr hat: Die Welt von einst, ob nun geliebt oder verhasst, war Elektras einzige Daseinsberechtigung gewesen, und nun gibt es sie nicht mehr. Nur Orest und Chrysothemis versuchen, auf diesem Trümmerfeld dem Leben Raum zu geben. Mit der Opferung ihrer Schwester Iphigenie, die dem griechischen Heer etwa 20 Jahre zuvor die Einnahme Trojas ermöglichen sollte, war die Katastrophe losgetreten worden — den Mord an ihrem Kind hatte Klytämnestra Agamemnon nie verziehen. Diese Katastrophe scheint nun ihr Ende zu finden. Zumindest vorerst. Denn von nun an wird Orest mit der Erinnerung an den unsühnbaren Muttermord leben müssen. Hier, im Dunkel der Nacht Mykenes, stirbt Elektra in dem Augenblick, als ihr einziger, zwanghaft ersehnter Wunsch Wirklichkeit wird, in einem Zustand geistiger und körperlicher Erschöpfung — im wilden Tanz um das Beil, das einst ihren Vater getötet hatte.
Hugo von Hofmannsthals Schauspiel wurde 1903 in der Regie von Max Reinhardt in Berlin uraufgeführt. Es erschüttert durch seine Intensität und Brutalität, beeindruckt durch die in ihrem Reichtum und in ihrer Qualität einmalige Sprache. Kaum etwas erinnert hier noch an das Werk von Sophokles, auf dem es beruht. Der junge österreichische Autor hatte Nietzsches Geburt der Tragödie, die Studien über Hysterie von Josef Breuer und Sigmund Freud sowie Freuds Traumdeutung gelesen und war dadurch entscheidend geprägt worden. Das lichte Griechentum eines Winckelmann oder Goethe hatte mit der Jahrhundertwende der finsteren, brutalen, fast barbarischen Seite dieser Zivilisation Platz gemacht. Die Irrgänge der menschlichen Seele schienen nun dunkler. Die von der neu aufkommenden Psychoanalyse beleuchteten Krankheitsbilder beflügelten die Fantasie der Kunstschaffenden, deren Figuren komplexer wurden.
Es war die Interpretation Gertrud Eysoldts in der Titelrolle dieser Elektra, die Richard Strauss bereits im November 1903 dazu bewog, eine auf dem Schauspiel basierende einaktige Oper in Angriff zu nehmen. Strauss kürzte das Stück zum Teil, um das Libretto auf die Beziehungen zwischen den beiden Schwestern Elektra und Chrysothemis — die eine auf der Seite des Todes, die andere auf jener des Lebens —, zwischen Elektra und ihrer Mutter Klytämnestra sowie schließlich zwischen Elektra und ihrem Bruder Orest zu konzentrieren, dessen Erscheinen schier unglaublich für sie ist: weil ihr Leben dadurch endlich einen Sinn bekommt und die Rache, die sie sich immerzu ausgemalt hat, endlich vollzogen werden kann.
Nach dreijähriger Arbeit an der Komposition wurde Strauss’ Oper am 25. Januar 1909 in Dresden uraufgeführt. Es war ein gewaltiges Ereignis. Schon mit den ersten Akkorden setzt der Komponist sein Publikum unter Strom. Auf Elektras Klage, ihren ersten großen Monolog „Allein! Weh, ganz allein!“, folgt jenes Monument der modernen Musik, das einem schon beim ersten Hören unwiderruflich im Ohr bleibt: die Beschwörung Agamemnons, dieses verzweifelte Flehen, dass der Schatten ihres Vaters sich ihr zu der Stunde, in der dieser einst von Klytämnestra ermordet wurde, zeigen möge.

Christian Longchamp
Übersetzung: Salka Klos

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