Man Ray, Rayographie, 1922,
© Man Ray 2015 Trust / ADAGP — Bildrecht, Wien — 2019, Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

„Du kannst das Glück nicht in verschloßnen Höhlen / Dir halten, denn es atmet nur im Flug“

Von einer seiner Seefahrten heimgekehrt, wird der Seemann Elis Fröbom von einer tiefen Teilnahms­losigkeit befallen. Im Zustand eines Lebensekels, der sich bis zur Todessehnsucht steigert, wird er von einem düsteren Unbekannten aufgesucht. Der alte Torbern weist ihm den Weg in das tief unter der Erde liegende Reich der Bergkönigin — eine pracht­volle, erstarrte Welt, die Elis ebenso beängstigt wie anzieht. Als Herrscherin über ein zeitloses Reich, welches „das Menschliche mit Füßen stößt“ und seine Besucher gleichzeitig mit ihren verborgens­ten Wünschen konfrontiert, stellt die Bergkönigin Elis in Aussicht, für immer bei ihr zu bleiben. Zuvor soll er jedoch als Bergmann leben, um sich in der Tiefe des Berges von allen menschlichen Sehnsüch­ten zu befreien. Diesem Befehl folgend begibt sich Elis nach Falun, wo er in den Dienst des Bergwerk­besitzers Dahljöh tritt. Als Bergmann lebt er bei Dahljöh, dessen Tochter Anna und ihrer blinden Großmutter und findet ein neues Zuhause. Als sich Elis in die fröhliche, lebenszugewandte Anna ver­liebt und diese seine Liebe erwidert, soll die Hoch­zeit geplant werden. Doch das Reich der Bergköni­gin hat seine Faszination nicht verloren.
Das Bergwerk zu Falun beruht auf einer wahren Begebenheit. 1677 verunglückt ein Bergmann kurz vor seinem Hochzeitstag im schwedischen Falun.
50 Jahre später wird sein im Berg konservierter Leichnam unverwest geborgen und von seiner greisen Braut identifiziert. Vor Hofmannsthal hatten bereits andere Dichter das außergewöhnliche Er­eignis verarbeitet (unter ihnen Johann Peter Hebel und E.T.A. Hoffmann), aber anders als sie verzichtet er auf das spektakuläre Wiedersehen. Stattdessen nimmt er Themen wie Zeit und Vergänglichkeit in den Blick. Hofmannsthal war ein Künstler mit einer seismografischen Aufnahmefähigkeit, der Literatur und wissenschaftliche Diskurse förmlich aufsog, um sie weiterzuverarbeiten. So fließt in die Gegenüber­stellung des dunklen, leblosen Reichs der Berg­königin mit der lichten Natur der Bergwelt und ihrer Bewohner eine Fülle von Bezügen ein: Motive der Romantik finden sich ebenso wie Anleihen an die sich in Wien entwickelnde Psychoanalyse oder die kritische Auseinandersetzung Hofmannsthals mit dem Ästhetizismus und der eigenen Künstlerexis­tenz. In seiner so eigenwillig schönen, poetischen Sprache verdichtet er all dies in der archetypischen Form des Märchens zu einer beunruhigenden Ge­schichte, die bis heute nicht an Aktualität verloren hat. Elis erhält im Zustand großer Verzweiflung ein verführerisches Angebot: eine Existenz in einer zeit­losen Welt zu führen, in der er sich über menschliche Gesetze erheben und narzisstisch versinken kann. Wie reagiert das Individuum, wie die Gesellschaft auf Momente der Krise? In welchen Überzeugungen suchen wir Zuflucht, wenn wir nicht mehr weiter­ wissen? Und an wem verschulden wir uns, wenn wir daran scheitern, uns dem Leben und unseren Ent­täuschungen zu stellen?

Das Bergwerk zu Falun entstand zwischen 1899 und 1911 und zählt zu Hofmannsthals Frühwerken. Es inszeniert der Schweizer Regisseur Jossi Wieler. Bei den Salzburger Festspielen ist er seit 1998 wie­derholt in Erscheinung getreten: als Schauspiel­regisseur (Uraufführungen von Jelinek, Handke, Zweig) sowie mit Sergio Morabito als Opernregis­seur (Ariadne auf Naxos, Rusalka). Im Zuge von Ariadne auf Naxos (von der Zeitschrift Opernwelt zur Aufführung des Jahres 2001 gekürt) inszenierte Wieler auch zum ersten Mal einen Text von Hof­mannsthal. Von 2011 bis 2018 war er Intendant der Oper Stuttgart, die 2016 Opernhaus des Jahres wurde. 1994 wurde Jossi Wieler von Theater heute zum Regisseur des Jahres gewählt. Er erhielt weitere zahlreiche Auszeichnungen sowie Ein­ladungen zu nationalen wie internationalen Festivals und zum Berliner Theatertreffen.

Katja Hagedorn

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