15 Nov 2019

Festspiele als Leuchtfeuer

Festspiele als Leuchtfeuer bei der Suche nach der eigenen Identität, nach dem Sinn des Lebens, aber auch zur Wiederherstellung der Identität ganzer Völker – das war der große Gedanke jener Künstler und Bürger, die die Salzburger Festspiele als „eines der ersten Friedenswerke“ vor 100 Jahren gründeten. Allen voran der Theatermagier Max Reinhardt, der Poet Hugo von Hofmannsthal, der Komponist Richard Strauss, der Bühnenbildner Alfred Roller und der Dirigent Franz Schalk.

An diese Gründungsidee, Festspiele als Friedensprojekt aus dem Geist der Kunst, erinnern wir im Jubiläumsjahr 2020 mit unserer Ouverture spirituelle im Zeichen von Pax – Friede.
Begonnen haben die Salzburger Festspiele mit dem Jedermann am 22. August 1920 vor dem schönsten Bühnenbild der Welt, der Fassade des Salzburger Doms.
100 Jahre sind Grund zum Feiern, sind Anlass, Dank zu sagen allen Künstlerinnen und Künstlern, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die aus dem zarten Pflänzchen Festspiele das größte Klassikfestival der Welt gemacht haben: mehr als 200 Vorstellungen auf 15 Spielstätten an 44 Tagen mit Besuchern aus 80 Ländern, davon 40 nichteuropäischen.

Im Zentrum unseres Jubiläumsprogramms stehen die Idee der Gemeinschaft, das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen, der radikale Individualismus und als große Hoffnung die Idee von der Veränderbarkeit der Welt durch eine solidarische Gesellschaft, durch eine neue Menschlichkeit.
Wie in einem Amoklauf irrlichtert Mozarts Don Giovanni seiner eigenen Zerstörung entgegen. In seiner Welt gibt es keine Liebe, keine Utopie, kein Licht. Seine Triebfeder ist der Exzess, ist der Nihilismus. Eine in ganz anderem Sinne Getriebene ist Elektra, rücksichtslos, rasend und maßlos in ihrer Rachsucht. Ein Maßloser ist auch Richard III., von William Shakespeare als Inkarnation des Bösen gezeichnet.
Als Antithese zu den extremen Grenzüberschreitungen des Individuums stehen in Mussorgskis Boris Godunow und Luigi Nonos Intolleranza 1960 die Dynamik des Volkes und der Masse. Sie sind es, die Protest formulieren und Veränderung fordern. In Mussorgskis Oper ist das Volk der Hauptprotagonist. Beispielhaft beschwört Luigi Nono in seinen Werken den Aufruhr, den Widerstand. Auch wenn Intolleranza 1960 das Schicksal eines Einzelnen dokumentiert, meint Nono doch die anonyme Masse. Sein Werk ist ein Aufschrei gegen alles Unrecht dieser Welt und ein flammendes Plädoyer für Humanität und Gerechtigkeit.
In Peter Handkes Uraufführung Zdeněk Adamec formiert sich in Rede und Gegenrede eine Gesellschaft, die gemeinschaftlich ein fiktives Psychogramm eines jungen Mannes entwirft, der sich mit seiner verstörenden Selbstverbrennung zum Fanal machte.
Wie William Shakespeare war auch Friedrich Schiller für Max Reinhardt ein zentraler Autor seines Theaterschaffens. In Maria Stuart stehen sich zwei Herrscherinnen gegenüber, deren jeweilige Positionen exemplarisch das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit behandeln.
Es ist die Landkarte der großen künstlerischen Äußerungen aller Epochen und aller Zeiten, von Monteverdi bis zur Musik unserer Tage, von der griechischen Tragödie bis zu Peter Handke, der sich die Festspiele verpflichtet fühlen, die unserem Festspiel Inhalt gibt.

100 Jahre Salzburger Festspiele sind 100 Jahre Kulturgeschichte. Die Salzburger Festspiele müssen nicht jedes Jahr neu erfunden werden, sie müssen jedoch immer wieder in eine neue Gegenwart geführt werden. „Ein Kunstwerk, das anregen, bewegen will, braucht die qualifizierte Ablehnung genauso wie die Zustimmung. […] Kunst muss den geistigen Zustand ihrer Zeit spiegeln, Widerpart und Opposition sein“, brachte es Nikolaus Harnoncourt in seiner immer noch aufrüttelnden Festspielrede 1995 auf den Punkt.
Eine „Begeisterungsgemeinschaft“ nannte Bazon Brock, Professor für Ästhetik, Sie, unser wunderbares Publikum. Weil bei den Festspielen eine einzigartige Form von gemeinsamem Erleben entsteht, das Menschen verschiedener Herkunft, Sprache und Religion eint. Eine Begeisterungsgemeinschaft für die Kraft der Kunst.
100 Jahre Salzburger Festspiele verbinden daher auch unseren Dank an Sie, liebes Publikum, mit der Bitte: Bleiben Sie Mitglieder dieser Begeisterungsgemeinschaft!

Helga Rabl-Stadler
Markus Hinterhäuser
Lukas Crepaz

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