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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Kent Nagano: Garant für das Außergewöhnliche

6 MAI 2018

by FESTSPIELKIEBITZ  09:00 h;
veröffentlicht in: Oper, Konzert, Pfingsten, Allgemein

Kent Nagano © Felix Broede
Eine große Rolle wird Kent Nagano auch in diesem Festspielsommer wieder spielen: Am 20. Juli 2018 eröffnet er mit seinem Orchestre Symphonique de Montréal die Ouverture spirituelle. Am Programm: Krzysztof Pendereckis Lukaspassion. Mit Hans Werner Henzes Oper The Bassarids (UA 1966 in Salzburg) kehrt er Mitte August auf die Bühne der Felsenreitschule zurück.

Er ist in Salzburg kein Unbekannter – Igor Strawinskys Oedipus Rex / Psalmen-Sinfonie dirigierte er 1994 in Salzburg, vier Jahre vor Olivier Messiaens Saint François d’Assise, eine Produktion, die in die Festspielgeschichte einging. 1999 folgte Doktor Faust von Ferruccio Busoni, ein Jahr später Kaija Saariahos Uraufführung L’amour de loin, die sich als Welterfolg erwies. Der König Kandaules von Alexander Zemlinsky und Die Gezeichneten von Franz Schreker dirigierte er 2002 und 2005. Im vergangenen Sommer war Kent Nagano mit György Ligetis Lux aeterna und Olivier Messiaens La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ in Salzburg.


Sie dirigieren das erste Konzert der Ouverture spirituelle 2018, die Lukaspassion von Krzysztof Penderecki. Was bedeutet Ihnen dieses Werk?

Die 1966 in Münster uraufgeführte Lukaspassion von Penderecki war für uns in Amerika ein wichtiges Ereignis. Sie gab einen neuen Blick auf das, was man damals „Neue Musik“ nannte. Der moderne, expressive Stil, vereint mit der Erzählform des Oratoriums ist ein grandioses Werk, das bis heute seine Intensität, seine Wirkung und seine Ästhetik beweist.


Was macht das Orchestre Symphonique de Montréal einzigartig für Sie?

Wie so viele nordamerikanische Orchester verfügt das OSM über eine überragende Spieltechnik, die ihm erlaubt umzusetzen, was immer ein Dirigent und die meisten zeitgenössischen Komponisten sich vorstellen. Das Orchester steht für die provokantesten und fortschrittlichsten Seiten in der Aufführungstradition der „Neuen Welt“. Der große Unterschied zu anderen nordamerikanischen Orchestern liegt darin, dass das OSM in Québec entstand und dessen Kultur verkörpert – die Kultur jenes Teils Nordamerikas, der als erster von Europäern besiedelt wurde. Québec ist, zumindest in anthropologischer Hinsicht, der Ursprung der europäischen Kulturtradition und Kultursprache in Nordamerika. Hinzu kommt, dass es in der Geschichte Québecs nie zum psychologischen oder historischen Bruch mit Europa kam. Daraus entstand eine Kultur, die durch und durch von europäischem Empfinden und europäischer Tradition geprägt ist, und das gilt bis ins 21. Jahrhundert hinein. Außerdem ist es das einzige Gebiet in Nordamerika, dessen Bewohner mehrere Sprachen fließend beherrschen. Vielleicht deswegen erlebt man das Orchestre Symphonique de Montréal bei seinen Auftritten als ganz einzigartiges Ensemble – als Ensemble, das Ästhetik und kulturelles Empfinden Europas und Nordamerikas vereint.


Die Oper The Bassarids von Hans Werner Henze wurde 1966 in Salzburg uraufgeführt. Diesen Sommer dirigieren Sie die Antikenoper in der Felsenreitschule. Was sagt uns Henze heute?

Henzes künstlerische Leistung ist großartig und sein reiches Schaffen etwas ganz Besonderes. Er zeigt eine gänzlich andere Ästhetik als die damalige Avantgarde, an deren Spitze Persönlichkeiten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen oder Luigi Nono standen. Henzes kompositorische Ästhetik war durchtränkt von den musikalischen Traditionen Europas. Seine Vielseitigkeit zeigte er unter anderem in Symphonien, Kammermusik, Musik für Soloinstrumente und Opern, und entwickelte dabei eine ganz persönliche Tonsprache, unabhängig von vorherrschenden Strömungen. Trotz mancher Kontroversen blieb er seinen ästhetischen Maximen treu.
Im Mittelpunkt seines Schaffens steht wohl sein gesellschaftskritischer Blick auf das Elend in der Welt und die Ideologien des westlichen Kapitalismus, besonders in seinen Opern und Tanzstücken. So entstanden wichtige Werke wie Das Floß der Medusa, Tristan oder We Come to the River, um nur einige wenige zu nennen. Hinzu kommen seine Initiativen wie etwa der „Cantiere Internazionale d’Arte“ in Montepulciano und später die Münchener Biennale für neues Musiktheater.

Die Oper Die Bassariden nach Euripides schuf er Mitte der 1960er-Jahre als Kompositionsauftrag der Salzburger Festspiele. Die Uraufführung erfolgte im Sommer 1966. Die späten Sechzigerjahre waren eine Zeit gewaltiger Umbrüche in Sozialstrukturen, kulturellen Strömungen und im gesellschaftlichen Bewusstsein; eine Zeit sozialer Unruhen, internationaler Konflikte, die Zeit des Kennedy-Attentats, des Vietnam-Kriegs und der internationalen Studentenbewegung. Das Libretto der Bassariden, verfasst von Kallman und Auden, spiegelt den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland, in Europa und darüber hinaus wider. Henzes Komponieren ist hier von machtvoller Leidenschaft für die Bewegung ergriffen, es offenbart eine gespannte, aus dem Existenziellen hervorbrechende Kraft, die emotional ebenso berührt wie überwältigt. Im Rückblick ist Henzes Oper Die Bassariden eines der wichtigsten und ungewöhnlichsten Musiktheater-Stücke des 20. Jahrhunderts.


Der Regisseur dieser Oper 2018 ist Krzysztof Warlikowski – was verbinden Sie mit ihm?

Ich schätze Herrn Warlikowskis Arbeit schon lange, jedoch haben wir erst einmal zusammengearbeitet, in einer Produktion von Tschaikowskys Eugen Onegin in München. Ich habe weitere Regiearbeiten von ihm gesehen und halte ihn für einen mutigen, einfallsreichen und scharfsinnigen Regisseur, der in seinen Opern-Inszenierungen gezielt in die Tiefe geht.


The Bassarids wird in der Felsenreitschule aufgeführt, eine Spielstätte, die Sie sehr gut kennen.

Jeder, der die Salzburger Festspiele kennt, weiß, dass die Felsenreitschule ein ganz besonderer Raum für Theater, Tanz, Oper und Konzert ist. Weil sie in den Mönchsberg hineingebaut ist, bietet sie gewissermaßen Widerhall in der Natur. Sie ermöglicht dem Publikum einen neuen Blick auf die Werke und eine direktere Auseinandersetzung mit dem Bühnengeschehen. Es entsteht eine spezielle Atmosphäre und Spannung zwischen Publikum und Interpreten. Ich nenne es die Aura eines fließenden „Theaters im Kopf“, die einen Kontrapunkt zu jener Sprödigkeit darstellt, in die die Moderne manchmal gerät.


Sehen Sie einen Wandel in der Haltung des Publikums gegenüber der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts?

Das 21. Jahrhundert ist zwar erst achtzehn Jahre alt, jedoch ist es faszinierend, wie rasch eine neue Sichtweise auf das 20. Jahrhundert Gestalt gewonnen hat. Das 20. Jahrhundert assoziierte das Publikum einmal mit neuen, avantgardistischen Richtungen, schwierigen, revolutionären und experimentellen – inzwischen gilt es ganz klar als „das vorige Jahrhundert“. Und aus dieser Warte wird uns bewusst, dass die Geschichte das 20. Jahrhundert nicht etwa, wie manche meinten, als Endpunkt oder Abbruch der großen musikalischen Tradition betrachtet wird, sondern als eine der reichsten und kreativsten Epochen des Komponierens. Heute schließt das Standardrepertoire eine lange Liste anerkannter Meisterwerke des 20. Jahrhunderts ein, von denen viele noch vor fünfzig Jahren umstritten waren. Das stimmt optimistisch und macht Hoffnung; und es bestärkt mich im Glauben an die schöpferische Kraft des menschlichen Geistes.


Was schätzen Sie an den Wiener Philharmonikern?

Für mich sind der Klang und die Musizierkultur der Wiener Philharmoniker weltweit einzigartig. Jeder Musiker, jedes Orchester sollte sich daran ein Beispiel nehmen. Ich glaube, dies rührt von der langen Tradition, die in der „klassischen“ Musik jener Komponisten wurzelt, die in Wien ihre künstlerische Heimat fanden. Dieses Orchester verfügt über unbegrenzte künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, denn all die Komponisten und Musiker, mit denen es in seiner eindrucksvollen Geschichte zusammengewirkt hat, sind Teil dieses Orchesters.


Erzählen Sie uns über Ihre persönliche Beziehung zu Salzburg und den Festspielen.

Meine erste Einladung zu den Salzburger Festspielen ging von Intendant Gerard Mortier aus. Er bot mir als jungem Dirigenten die Möglichkeit, eng und intensiv mit vielen großen Regisseuren, Künstlern und Orchestern zusammenzuarbeiten, die in der großen Salzburger Aufführungstradition stehen. Unsere erste gemeinsame Produktion war ein Programm aus Strawinskys Psalmensymphonie und Oedipus Rex. Damals erfand sich Salzburg – nach der Blütezeit unter Herbert von Karajan – gerade neu. In dem darauffolgenden Jahrzehnt, in dem ich mehrfach bei den Festspielen auftrat, konnte man eine Reihe von Entwicklungsphasen unter verschiedenen Intendanten miterleben. Diese Erfahrung hat meine eigene Entwicklung als Interpret und Musiker stark beeinflusst. Es ist mir eine Ehre, nun unter der Intendanz Markus Hinterhäusers mitzuwirken, die in meinen Augen die wichtige Öffnung und den Weg in die Zukunft weist.
Meine Erfahrung mit den Salzburger Festspielen lehrt mich, wie wichtig die Schöpferkraft Mozarts und der Weitblick der Gründer Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt und Richard Strauss waren. Sie alle, und viele mit ihnen, setzten sich dafür ein, geistige und kulturelle Werte zu fördern und zu heben. Dieses Ethos ist heute integraler Bestandteil der Salzburger Festspiele; und dieses Ethos ist es, das die Salzburger Festspiele für mich und die vielen Generationen von Künstlern, die Teil dieser Tradition sein durften, zu etwas Besonderem macht.


Tickets und Informationen:
Lukaspassion – Orchestre Symphonique de Montréal · Nagano
The Bassarids


Kent Nagano bei den Salzburger Festspielen.


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