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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Zum 100. Geburtstag von Gottfried von Einem

24 JÄN 2018

by FESTSPIELKIEBITZ  08:00 h;
veröffentlicht in: Oper, Allgemein

„Gottfried von Einem war eine der prägenden Künstlerpersönlichkeiten des österreichischen Musiklebens des 20. Jahrhunderts. Als Komponist, Gestalter und Erneuerer hat er Festspielgeschichte geschrieben. Gemeinsam mit Oscar Fritz Schuh gelang es ihm die Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg neu zu positionieren und als Plattform für die zeitgenössische Musik zu etablieren. Ohne jede Eifersucht, voll des mitreißenden Schwungs, setzte er sich für andere Künstler ein, um diesen bei den Festspielen eine Plattform zu bieten“, sagt Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler in ihrer Würdigungsadresse.

Anlässlich des 100. Geburtstags des Komponisten am 24. Jänner bringen die Salzburger Festspiele am 14. August 2018, also 65 Jahre nach der Uraufführung, den Prozess in einer konzertanten Fassung in der Felsenreitschule zur Aufführung. Am Dirigentenpult wird von Einem-Schüler HK Gruber stehen.

Gottfried von Einem, der 1918 als Sohn eines k. u. k. Militärattachés in Bern geboren wurde, kam als 20-Jähriger als Korrepetitor an die Berliner Staatsoper, später assistierte er in Bayreuth. Zu Kriegsende 1945 verschlug es ihn nach Salzburg, wo er mit Egon Hilbert, dem Chef der österreichischen Bundestheaterverwaltung, und Bernhard Paumgartner bekannt gemacht wurde. Gemeinsam mit Festspielpräsident Heinrich Puthon setzten diese von Einems erste abendfüllende Oper Dantons Tod auf den Festspielplan 1947. Ausstattung und Regie lagen in den Händen von Caspar Neher und Oscar Fritz Schuh. Abgesehen von den Werken Richard Strauss‘ war dies das erste Mal, dass eine zeitgenössische Oper in Salzburg Premiere hatte.

Die Oper zog sofort Publikum und Kritik in ihren Bann. Man sprach von einer Sternstunde der Musikgeschichte. Oscar Fritz Schuh erklärte die Uraufführung überschwänglich zur „Wiedergeburt Salzburgs durch ein Werk des modernen Musiktheaters“ und fügte in seiner „Salzburger Dramaturgie“ hinzu: „Hätte man zum Beispiel nach dem 2. Weltkrieg würdig und offiziell die neue Ära mit einem Rosenkavalier oder einer neuen Ariadne begonnen, man wäre aus dem musealen nie herausgekommen. So aber entschloss man sich zu etwas ganz Ungewöhnlichem, zu etwas, das der Konvention nach nicht unbedingt nach Salzburg gehörte. … So war mit einem Mal ein neuer Weg gewiesen und der Anschluss an die Gegenwart gefunden. … Salzburg war gerettet.“

In rascher Folge übernahmen die Opernhäuser in Wien, Hamburg, Berlin, Hannover, Stuttgart, Paris, Brüssel und New York das Werk. Mit einem Schlag war der erst 29-jährige Gottfried von Einem zu einem der bekanntesten und gefeiertsten Komponisten der Gegenwart geworden. Wilhelm Furtwängler forcierte den jungen Komponisten gemeinsam mit dem Regisseur Oscar Fritz Schuh und dem Bühnenbildner Caspar Neher als Reformer für die Salzburger Festspiele. Furtwängler hoffte damit auch Herbert von Karajan von den Festspielen fernzuhalten.

Zum ersten Mal sollte es im Rahmen der Festspiele wirklich zeitgenössische Musik, zeitgenössische Oper sowie eine Erneuerung im Schauspielbereich geben, Salzburg zu einem „Weimar, des 20. Jahrhunderts“ werden.

Aus diesem Grund beauftragte Gottfried von Einem den Dramatiker Bertolt Brecht, unter dem Titel Totentanz ein neues Stück für die Salzburger Festspiele zu schreiben, das den Jedermann ablösen sollte. An Stelle eines Honorars wollte Brecht, der aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt war, die österreichische Staatsbürgerschaft. Eine Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen scheiterte jedoch, nachdem die Verleihung der Staatsbürgerschaft an den „Kommunisten Brecht“ bekannt wurde. Gottfried von Einem wurde zum Sündenbock gemacht. Nicht der österreichische Staat, der Brecht die Staatsbürgerschaft verliehen hatte, geriet ins mediale Schussfeld, sondern der Komponist von Einem, der sich als Künstler für einen anderen Künstler eingesetzt hatte. Als er sich gegen diese Vorwürfe mit dem ihm eigenen Temperament zur Wehr setzte, wurde er im Dezember 1951 wegen „seines unqualifizierten Benehmens gegen den Vorsitzenden und Landeshauptmann“ aus dem Festspieldirektorium ausgeschlossen, dem er seit 1948 angehört hatte. Es war Gottfried von Einem eine späte Genugtuung, dass sich – Jahrzehnte danach – der ehemalige Salzburger Landeshauptmann und nachmalige Bundeskanzler Josef Klaus bei ihm wegen der Ereignisse um Bertolt Brecht entschuldigte.

Gegen den Ausschluss von Einems aus dem Direktorium protestierten namhafte Künstler. So drohte etwa Wilhelm Furtwängler, nicht mehr in Salzburg zu dirigieren, wenn diese Sache nicht ehrenvoll geordnet würde. Karl Böhm, Caspar Neher, Oscar Fritz Schuh und andere schlossen sich dem Protest gegen das Vorgehen des Kuratoriums an.

Die Festspielverantwortlichen entschieden daraufhin Gottfried von Einem wenigstens als Künstler zu rehabilitieren und beschlossen die Uraufführung seiner Oper Der Prozess, mit einer Starbesetzung unter dem Dirigat von Karl Böhm und mit den Wiener Philharmonikern, bei den Festspielen 1953.  

Eine Rückkehr ins Direktorium, wie vom Komponisten gefordert, wurde aber ausgeschlossen. Schließlich fand man eine typisch österreichische Kompromisslösung. Man aktivierte den im Festspielfondsgesetz vorgesehenen Kunstrat, um für Gottfried von Einem eine Position bei den Festspielen zu finden, ohne ihn in ihr Entscheidungsgremium zurückzuholen. Der Kunstrat sollte organisatorisch und planerisch auf die Festspiele einwirken, die Spielpläne gestalten, neue Spielstätten erschließen und eine Reform in Schauspiel und Konzert einleiten. Doch es kam anders. 1956 wurde Herbert von Karajan zum künstlerischen Leiter der Festspiele berufen. Die ablehnende Haltung Karajans gegenüber dem Kunstrat und seinem Vorsitzenden von Einem führten zu unüberbrückbaren Spannungen. Nach heftigen Kämpfen trat Gottfried von Einem 1964 als Mitglied des Kunstrates zurück.

"Was bleibt von Gottfried von Einem? Er kämpfte für einen Kunstbegriff, der nicht bloß schön oder erbaulich war. Kunst regte ihn auf und sollte andere aufregen. Kunst, so war er überzeugt, ist nur dann lebendig, wenn sie sich mit den Themen der Zeit auseinandersetzt. Diese Überzeugung wollen wir auch im 98. Jahr der Salzburger Festspiele weitertragen“, sagt Intendant Markus Hinterhäuser.


Lesen Sie hier mehr über die konzertante Aufführung von Der Prozess.

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