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PROGRAMMDETAIL

Frank Wedekind Lulu

Eine Monstretragödie (Urfassung 1894)

Neuinszenierung

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LEADING TEAM

Athina Rachel Tsangari, Regie
Florian Lösche, Bühne
Beatrix von Pilgrim, Kostüme
Marija Karaklajić, Dramaturgie

BESETZUNG

Rainer Bock, Schigolch/Dr. Goll
Anna Drexler, Isolda Dychauk, Ariane Labed, Lulu
Martin Wuttke, Dr. Franz Schöning
Christian Friedel, Alwa Schöning
Philipp Hauß, Eduard Schwarz/Casti Piani
Fritzi Haberlandt, Gräfin Geschwitz
Benny Claessens, Rodrigo Quast
Ariane Labed, Jack

ZUR PRODUKTION

„Moi, je fais l’amour”

Ist das Stück Lulu eine antifeministische Fabel oder eine expressionistische Provokation von Goethes „Ewig-Weiblichem“? Ist Lulu als Frau überhaupt von Relevanz in dem Gender-Ökosystem unseres Jahrhunderts? Ich habe mich mit diesem Dilemma herumgeschlagen, so wie es Wedekind wahrscheinlich mit einer gewissen Schadenfreude von mir erwartet hätte – und wie er selbst es natürlich auch getan hat in seinen schier endlosen, obsessiven Überarbeitungen dieser „Monstretragödie“.
Eine Monstretragödie? … Man muss sich fragen, worauf sich dieses hintergründige Monster eigentlich bezieht? – Auf Lulu selbst? Auf ihre Liebhaber, Ehemänner und schließlich Opfer? Auf Jack the Ripper, ihren Mörder? Auf die Gräfin Geschwitz, ihre unbeirrbare lesbische Verehrerin? Auf das Stück selbst? Episches Theater trifft auf Burleske trifft auf hohes Drama trifft auf Hypernaturalismus trifft auf ironisches Screwball … was für ein verrücktes Rätsel.

Vielleicht kann Lulu als die perfekte Personifizierung des 20. Jahrhunderts angesehen werden: Engel, Monster, Kind, Muse, Tier, Bestie, Verführerin, Beute, Mörderin in einem – gleichzeitig ist sie ein unbeschriebenes Blatt und verkörpert die stürmische Geschichte der Weiblichkeit, vom männlichen Blick festgehalten. Sie verführt zu ihrem eigenen Nutzen und erlaubt anderen, sie auszunutzen. Sie ermordet den Vater und heiratet den Sohn. Sie herrscht und wird beherrscht. Sie führt alle in den Tod und bringt sich selbst zur endgültigen Aufopferung ihres einzigen Besitzes, ihres Uterus. Sie ist eine Erscheinung, die andere geschaffen haben – und sie ist eine wunderbare Gestalt ihrer eigenen Erfindung. Sie ist immer einen Schritt voraus … bis sie es eben nicht mehr ist.

Lulu ist Begehren, Horror, Gier, Sittenlosigkeit, Verletzbarkeit, Widerstandskraft, Freiheit, Zerstörung.
Sie ist alles und nichts.
Wie aber lässt sich ein Stück über alles und nichts inszenieren? Mein Zugang zum Rätsel Lulu besteht darin, den ihr eigenen Trick anzuwenden: Vielzahl.
Drei Lulus.
Die kleine Nell, Eva, Mignon; die Triskele; die drei Grundelemente der Alchemie: Salz, Schwefel, Quecksilber; die drei Parzen; die drei Furien; die dreiköpfige, dreistimmige, dreispitzige Hekate; der dreiköpfige Cerberus; Platons dreiteilige Seele: Denken, Wille, Begierde; Freuds Es, Ich und Über- Ich; Lacans Reales, Symbolisches, Imaginäres; Hegels These, Antithese, Synthese; Kants Kategorien von Einheit, Vielheit, Allheit; Epikurs Trilemma.

Das Trilemma von Wedekinds Lulu ist ein boshaftes, freizügiges Verhalten, das sowohl der Bourgeoisie als auch der Kunstwelt die Zunge rausstreckt. Wedekinds Faszination für die Aufsplitterung der Persönlichkeit und den Todestrieb seiner verrückten Charaktere kann kein Zufall sein. Er schuf eine unartige Burleske von Außenseitern, proto-kapitalistischen Pierrots – Vorboten eines schizoiden Nachkriegseuropas. Wedekind präsentiert uns eine rauschhafte Mischung von Tragödie, Komödie und Groteske. Lulu, dieses Alpha-Weibchen, fungiert als Brechungsspiegel für eine leidende, verletzliche und verzauberte Maskulinität. So wie ein GPS drei Punkte benötigt, um einen Ort zu bestimmen, erstellen die drei Lulus eine Vermessung jener Männer, die sie aufspießt, zerlegt, wiederbelebt und verwandelt.
In einem kabarettistischen danse macabre streben sie auseinander, finden wieder zueinander, umkreisen sich, widersprechen sich, bestätigen sich – alternierend in einer Stimme sprechend und im Chor, harmonisch und dissonant, auf ewig verdammt und immerfort transzendent.
Der Mahlstrom jener Männer, denen Lulu auf ihrer Lebensreise begegnet, lässt sie als immer wiedergeborene Doppelgänger erscheinen – so wie sie selbst immer wieder ihre eigene Haut abstreift und neu geboren wird. In ihrer Weltfremdheit versuchen sie, Lulu zu bezähmen und zu beherrschen. Lulu ist der typische Vamp – ein Begriff, der seinen Ursprung treffenderweise in „Vampir“ hat – der 1920er und 2020er Jahre.
Ihre Liebhaber, Väter, Ehemänner – die sorgsam gepflegten Dämonen – haben einen Satz von Masken bei sich. Masken, die sie immer nur kurz tragen, bevor sie sich wieder davonstehlen und in der Hitze von Lulus alchemistischer und quecksilbriger Neubelebung verschwinden und wiedererstehen.
Irgendwo dazwischen steht Geschwitz, Lulus Komplizin, der sublime und sublimierte Hermaphrodit, Gefangene und Läuternde: die einzige Inkarnation wahrer Liebe.

Athina Rachel Tsangari
Aus dem Englischen von Regina Kecht

Louise Bourgeois, UNTITLED, 2003 · Drypoint, ink and whiteout on paper, 41 x 31.1 cm, © The Easton Foundation/Bildrecht, Wien, 2016

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