90 Jahre Salzburger Festspiele – welch eine Hochschaubahn der Gefühle.
Atemberaubende Aufführungen, aber auch Skandale.
Mitreißende Theaterabende, aber auch Streitigkeiten.
Außerirdisch schöne Konzerte, aber auch allzu menschliche Eifersüchteleien.
Und immer wieder der herrliche Zuspruch unseres Publikums, Jubelstürme, Standing Ovations.
Aber dann auch manch kalte Dusche aus den Medien, vernichtende Kritik, blanker Hohn.
Großes Welttheater eben, auf der Bühne, hinter der Bühne und neben der Bühne.
In der vergangenen Saison feierten die Salzburger Festspiele ihr 90-Jahr-Jubiläum. Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, Richard Strauss, Alfred Roller und Franz Schalk gründeten die Salzburger Festspiele 1920 als Projekt gegen die Krise nach dem Ersten Weltkrieg, die Sinnkrise, den Werteverlust, die Identitätskrise des einzelnen Menschen, aber auch ganzer Völker. Im ersten Aufruf zum Salzburger Festspielplan 1919 stehen unvergleichlich formuliert von Hugo von Hofmannsthal der Friede und der Glaube an Europa im Mittelpunkt. Welch herrlicher, zeitlos gültiger, brandaktueller Gründungsauftrag.
Aber ohne den damaligen Landeshauptmann Franz Rehrl hätten die Künstler dieses für die 1920er Jahre tollkühne Projekt nie verwirklichen können. Salzburg war nach dem Ersten Weltkrieg eine bettelarme Stadt, und mitten in der Festspielzeit 1922 telegrafierte Rehrl am 17. August an Bundeskanzler Rudolf Ramek nach Wien: „Schicken Sie ein paar Wagons Mehl, sonst können Ruhe und Ordnung nicht aufrecht erhalten werden.“ Rehrl erkannte als einer der wenigen das wirtschaftliche Potenzial einer großen Kulturveranstaltung. Dass die Festspiele seit den späten 1950er Jahren künstlerischer und wirtschaftlicher Motor einer ganzen Region sind, hätte Rehrl natürlich nie zu hoffen gewagt.
Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg erfüllten die Festspiele eine eminent politische Mission. Nur wenige Wochen nachdem sich Salzburg am 4. Mai 1945 entgegen dem Befehl kampflos den amerikanischen Truppen ergeben hatte, gab es wieder Festspiele. Denn die amerikanischen Besatzer erteilten den Auftrag, mit den Festspielen einen Gegenpol zum Kulturleben im sowjetisch besetzten Wien zu stellen. Und aus den Protokollen der damaligen Zeit geht hervor, dass die Wiederausrichtung von Festspielen als Beweis dafür gedacht war, dass Österreich „eigenständig arbeitsfähig, arbeitswillig und arbeitsfreudig ist“.
So klar im Festspielplan die politische Botschaft formuliert war, so vergleichsweise lapidar hieß es zur Dramaturgie: Oper und Schauspiel, „von beiden das Höchste“. Diese Formulierung stellte sich als Glücksfall heraus. Sie gab und gibt uns, den späteren Festspielverantwortlichen, programmatische Freiheit bei höchstem Qualitätsanspruch. Das sahen und sehen allerdings nicht alle so. Und sicher beruht der Vorwurf der Beliebigkeit auf dem Unverständnis gegenüber der Breite des Festspielgedankens, so wie ihn Hugo von Hofmannsthal gehegt hat. Hilde Spiel schrieb bereits am 12. Juli 1958 zum Festspielgedanken: „Bayreuth etwa war von jeher ein ordentlicher, Salzburg dagegen ein schlampiger Begriff drüben im Fränkischen wird unanfechtbar und ausschließlich das Erbe eines einzigen Meisters verwaltet hier aber in Salzburg hat es solche Eingleisigkeit, solche Geradlinigkeit nie gegeben.“ Es ist gerade die Mehrgleisigkeit, die Mischung, die Salzburg so unvergleichlich und daher so erfolgreich macht.
Festspiele – Traditionshüter oder Trendsetter? Darauf geben wir in Salzburg eine klare Antwort: Traditionshüter und Trendsetter.
Helga Rabl-Stadler
Präsidentin