Wo Gott und Mensch zusammenstoßen
Der Untergang des Mythos aus dem Geist der Musik
Weil sie Zagreus, seinen Allerliebsten, zerrissen und aufgefressen haben, schleudert Zeus seine Blitze auf eine Schar von Titanen und verbrennt sie zu Asche. Diese Asche, in der das Titanische und das Zagräische enthalten sind, vermengt Prometheus mit Lehm und Speichel und formt daraus den Menschen. Er trainiert seine Söhne und Töchter zu anpassungsfähigen Wesen, weil sie allein aus den Gaben der Natur nicht werden existieren können. Sie werden auf ihren Geist, ihre Fantasie vertrauen müssen. Denn sie werden allein sein. Und – das ist der Kern aller Lehren, die uns Prometheus mitgegeben hat – der Umgang mit den Göttern sei zu vermeiden. Er rät uns, ihnen aus dem Weg zu gehen.
Wir sollen uns weder anbiedern noch uns mit ihnen messen. Wir sollen uns nicht von ihnen bezirzen lassen, und wir sollen sie nicht begehren. Die diesen Ratschlag befolgen, werden gute Chancen haben, glücklich zu sein. – Wir wissen von ihnen nicht, und genau das ist ein Indiz dafür, dass sie es geschafft haben.
Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie. Und noch etwas: Die Tragödie eines Menschen – so will es der Mythos – ist nur selten eine Folge des eigenen Handelns; meistens ist sie der Endpunkt einer langen Geschichte, die längst vor der Geschichte des Betroffenen begonnen hat. Das Grausame der Tragödie besteht gerade darin, dass sie nicht den trifft, der sie verursacht hat, nicht einmal diejenigen, die sie im Weiteren befördert haben, sondern einen meist Unschuldigen, der dann unter der Last seiner Ahnen zusammenbricht – als wäre er nichts als die Probe aufs Exempel.
Beispiel Ariadne.
Ariadne lebt unter dem Fluch ihrer Mutter Pasiphaë; und Pasiphaë lebt unter dem Fluch ihres Gatten Minos.
Minos, sterblicher Sohn des Zeus und der Europa, herrscht auf der Insel Kreta. Er verachtet das Meer, stellt sich mit breiten Beinen an den Strand und verhöhnt Poseidon. Er tut dies nicht mit Worten, er tut es in Form einer beinahe schon rituellen Unterlassung: Er verweigert dem Gott des Meeres ein Opfer. Jeder Bewohner einer Insel tut gut daran, dem blauhaarigen Herrscher Respekt zu zollen. Poseidon mag nicht der klügste der Götter sein, Kraft besitzt er. Er ist in der Lage, ganze Inseln vom Meeresboden zu reißen, wie er es bei der Insel Delos getan hat. Die Stürme unterstehen ihm; als Artemis ihn bat, den Winden Einhalt zu gebieten, damit die Griechen nicht nach Troja fahren können, bevor Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfere, gab Poseidon Befehl, und kein Blatt bewegte sich mehr.
Minos soll ihm einen Stier opfern, seinen besten Stier. Der stolze König von Kreta aber denkt nicht daran. Poseidon beklagt sich bei Zeus. Das ist ungewöhnlich. Es wäre damit zu rechnen gewesen, dass der Jähzornige den Herausforderer einfach wegspült. Aber Minos ist ein Sohn des Zeus, und mit diesem Bruder will sich Poseidon nicht anlegen. Zeus rät, Poseidon soll selbst ein entsprechendes Opfertier auf der Insel abgeben. Poseidon erkennt die Demütigung nicht, die so ein Vorschlag enthält. So steigt eines Tages ein weißer Stier in Kreta an Land. Seine Augen leuchten wie der Mittagshimmel, seine Hornspitzen funkeln wie Diamanten. Zu schön für ein Opfertier, befindet Minos. Er behält den Stier für sich, verbrennt stattdessen einen abgearbeiteten Ochsen. Poseidons Rache ist ohne Beispiel in der Mythologie. Dem Minos darf er nichts tun. Er nimmt sich dessen Frau Pasiphaë vor. Er zaubert in ihr Herz Geilheit. Sie ist geil auf eben diesen Stier. Sie will, dass der Stier sie nimmt. Sie kann nicht dagegen an. Das ist der Fluch, unter dem Pasiphaë von nun an leben wird.
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