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PROGRAMMDETAIL

Ödön von Horváth • Don Juan kommt aus dem Krieg

Neuinszenierung

Dauer ca. 1 Stunde 45 Minuten ohne Pause.

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LEADING TEAM

Andreas Kriegenburg, Regie und Bühne
Andrea Schraad, Kostüme
Stefan Bolliger, Licht

ZUR PRODUKTION

„Man weiß es nicht, ob Don Juan als historische Person jemals gelebt hat. Fest steht nur, dass es den Typus Don Juan einstmals gegeben hat, und infolgedessen ist es klar, dass es ihn auch heute noch gibt und immer geben wird. Ich habe es mir also erlaubt, einen Don Juan unserer Zeit zu schildern, weil uns die eigene Zeit immer näher liegt. Scheinbar gehört zwar auch dieser Don Juan bereits der Vergangenheit an, denn er starb während der großen Inflation 1919–23, also in einer Zeit, in der sich, auch im banalsten Sinne des Wortes, alle Werte verschoben haben. Es ist aber, wie gesagt, nur eine scheinbar vergangene Zeit, denn, von einer etwas höheren Warte aus gesehen, leben wir noch immer in der Inflation, und es ist nicht abzusehen, wann sie zu Ende gehen wird. Es ist typisch für unsere Tage, wie sehr sich jeder Einzelne in seinem innersten Wesen ändert, infolge der Katastrophen, die die Allgemeinheit betreffen. So kommt auch Don Juan aus dem Krieg und bildet sich ein, ein anderer Mensch geworden zu sein. Jedoch er bleibt, wer er ist. Er kann nicht anders. Er wird den Damen nicht entrinnen.

Was treibt nun die Frauen zu Don Juan? Es ist nicht allein die männliche Sexualität, deren stärkster Repräsentant er ohne Zweifel ist, sondern es ist die besonders innige und ausschließlich ausgeprägte metaphysische Bindung dieser Sexualität, deren Wirkung sich die Frauen nicht entziehen können. Der Don Juan sucht immer die Vollkommenheit, also etwas, was es auf Erden nicht gibt. Und die Frauen wollen es ihm, und auch sich selbst, immer wieder beweisen, daß er alles, was er sucht, auf Erden finden kann. Das Unglück der Frauen ist, daß sie einen irdischen Horizont haben – erst, da sie es schaudernd ahnen, daß er nicht das Leben sucht, sondern sich nach dem Tode sehnt, schrecken sie von ihm zurück. Die tragische Schuld Don Juans ist, daß er seine Sehnsucht immer wieder vergißt oder gar verhöhnt, und so wird er zum zynischen Opfer seiner Wirkung, aber nicht ohne Trauer.“ (Ödön von Horváth, Vorwort zu Don Juan kommt aus dem Krieg)

Ödön von Horváth wurde am 9. Dezember 1901 in Fiume, dem heutigen Rijeka in Kroatien geboren. Über seine Herkunft schrieb er: „Sie fragen mich nach meiner Heimat, ich antworte: ich wurde in Fiume geboren, bin in Belgrad, Budapest, Pressburg, Wien und München aufgewachsen und habe einen ungarischen Paß – aber: ,Heimat?‘ kenn ich nicht. Ich bin eine typisch altösterreichisch-ungarische Mischung: magyarisch, kroatisch, deutsch, tschechisch – mein Name ist magyarisch, meine Muttersprache ist deutsch. Ich spreche weitaus am besten Deutsch, schreibe nunmehr nur Deutsch, gehöre also dem deutschen Kulturkreis an, dem deutschen Volke. Allerdings: der Begriff ‚Vaterland‘, nationalistisch gefälscht, ist mir fremd. Mein Vaterland ist das Volk.“

1919 studiert Horváth Germanistik und Theaterwissenschaften in München. 1920 beginnt er zu schreiben. 1924 erwirbt sein Vater ein Haus in Murnau, in dem Horváth, neben seinen Aufenthalten in Berlin, lebt. 1926 erscheint Zur schönen Aussicht. Mit Die Bergbahn erlebt er einen ersten Erfolg in Berlin. Es folgt 1929 Sladek der schwarze Reichswehrmann, in dem sich Horváth gegen den erstarkenden Nationalsozialismus wendet, und sein erster Roman Sechsunddreißig Stunden. 1930 erscheint der Roman Der ewige Spießer. 1931 wird Horváth der Kleist-Preis verliehen und seine Geschichten aus dem Wiener Wald werden uraufgeführt. Nach einer Saalschlacht im Gasthof Kirchmeir in Murnau zwischen Mitgliedern des sozialdemokratischen Reichsbanners und der NSDAP sagt er als Zeuge gegen die Nationalsozialisten aus. 1932 schreibt er Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline. 1933 kommt es zu Auseinandersetzungen mit Nationalsozialisten im Hotel Post in Murnau. Nach einer Hausdurchsuchung der Villa seiner Eltern durch die SA emigriert er 1933 erstmalig aus Deutschland nach Österreich, seine Stücke erhalten Aufführungsverbot. 1934 kehrt er nach Berlin zurück und wird auf eigenen Antrag Mitglied des nationalsozialistischen Reichsverbands Deutscher Schriftsteller. 1935 wird Horváth von der Gendarmeriestation Murnau als „Flüchtling der nationalen Erhebung“ gemeldet. Er zieht nach Wien. 1936 wird er während eines Besuchs bei seinen Eltern aufgefordert, Deutschland innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Er geht wiederum nach Österreich. 1938, nach dem deutschen Einmarsch in Österreich, flieht Horváth nach Budapest und kommt nach Aufenthalten in Fiume, Teplice, Prag, Mailand, Zürich, Brüssel und Amsterdam im Mai 1938 nach Paris, wo er am 1. Juni 1938 während eines Unwetters auf den Champs-Élysées, gegenüber dem Théâtre Marigny, von einem niederstürzenden Ast erschlagen wird. Seine wichtigsten Theaterstücke seit 1932 waren: Eine Unbekannte aus der Seine, Don Juan kommt aus dem Krieg, Figaro läßt sich scheiden, Der jüngste Tag. 1937 und 1938 schreibt er die Romane Jugend ohne Gott und Ein Kind unserer Zeit und arbeitet an dem nur Fragment gebliebenen Roman Adieu Europa.

Der Regisseur und Bühnenbildner Andreas Kriegenburg ist ein wahrer Visionär des Theaters – ein Künstler, dessen Drama sich aus bemerkenswerten und originären Bildern speist. Dennoch gibt es keinen singulären, klar zuordenbaren „Kriegenburg-Stil“ – sein Schaffen ist äußerst vielfältig, sein visuelles Vokabular der jeweiligen Vorlage angepasst. Seine Anfänge am Theater waren bescheiden und praxisorientiert; er begann seine Tätigkeit als Bühnenarbeiter und Tischler, bevor er dazu überging, selbst Regie zu führen und schließlich seine eigenen Produktionen auch auszustatten. Schon früh konnte er erste Erfolge feiern – bereits mit 27 Jahren erregte er Aufmerksamkeit mit seiner Woyzeck-Produktion an der Volksbühne Berlin, die 1991 zum Theatertreffen eingeladen wurde. Er war verantwortlich für eine der ersten und einflussreichsten Adaptionen eines Filmskripts für die deutsche Bühne, als er in den 1990er Jahren I Hired a Contract Killer von Aki Kaurismäki für das Staatstheater Hannover bearbeitete. Etwa zur gleichen Zeit begann seine langfristige Zusammenarbeit mit der Bühnenautorin Dea Loher, aus der zwölf Uraufführungen in Hannover, München, Hamburg und Berlin hervorgingen. Er erhielt den Bayerischen Theaterpreis und den 3sat-Innovations-Preis, der vom Berliner Theatertreffen verliehen wurde, wo etliche seiner Produktionen zu sehen waren – zuletzt Kafkas Der Prozess (Münchner Kammerspiele) und Dea Lohers Diebe (Deutsches Theater Berlin). Zu seinen jüngsten Arbeiten zählt eine Produktion von Wagners Ring des Nibelungen an der Bayerischen Staatsoper.

Sven-Eric Bechtolf

SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Ein Verführer von trauriger Gestalt

14 AUG2014

by FESTSPIELKIEBITZ  12:41 h;
veröffentlicht in: Schauspiel, Allgemein

Wenn Mozart, Da Ponte und Cervantes zusammen an einem Theaterstück geschrieben hätten, dann wäre Ödön von Horváths Don Juan kommt aus dem Krieg dabei herausgekommen. Die Salzburger Festspiele 2014 bieten eine Neuinszenierung dieses kongenialen Stücks mit einer neuen Sichtweise auf den Grand Seigneur der Verführer, der von Max Simonischek verkörpert wird! 

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Untitled (Trotsky’s Gate) – Bildausschnitt, © Robert Longo

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EDITORIAL 2014

Das Schauspiel 2014

von Sven-Eric Bechtolf

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