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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

TerrassenTalk „Lear“

15 AUG 2017

by FESTSPIELKIEBITZ  14:04 h;
veröffentlicht in: Oper

Simon Stone, Aribert Reimann, Franz Welser-Möst © SF / Anne Zeuner
Aribert Reimanns Konzerte standen schon öfter auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele – so wurde etwa 2004 sein Orchesterkonzert Zeit-Inseln bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. In diesem Sommer wird nun zum ersten Mal eine Oper Reimanns, sein Lear, gespielt. Wobei Fragmente dieser Oper bereits 1985 zu hören waren, wie Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler beim TerrassenTalk sagt. Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, der bei Aribert Reimann die Entstehung der Oper anregte, sang damals. In diesem Jahr ist es Gerald Finley, der die Partie des Lear übernimmt. Mit Franz Welser-Möst, der nun seine 78. Oper dirigiert und Simon Stone, der nach seiner Inszenierung des Salzburger Lear nach Hollywood geht, aber auch den Wiener Philharmonikern, die sich dieses Stück selbst zum 175. Jubiläum schenken, sei die Oper in den besten Händen, sagt die Festspielpräsidentin.

Was der Reiz für den Komponisten gewesen sei, gerade dieses Stück zu schreiben, fragt Moderator Wolfgang Schaufler. „Dietrich Fischer-Dieskau hat bereits 1968 angefangen, mich nach diesem Stück zu fragen“, sagt Aribert Reimann. „Drei Jahre lang habe ich ihm abgesagt mit den Worten es sei nicht möglich, Shakespeares King Lear in eine Oper zu verwandeln.“ Dann aber habe er sich intensiver mit dem Text beschäftigt, habe Claus H. Henneberg gebeten, ein Libretto zu schreiben und schließlich sei man auf die Idee gekommen eine alte Übersetzung aus dem Jahr 1777 von Johann Joachim Eschenburg zu nutzen, da sie näher am Shakespeare’schen Original war. Bald seien die ersten Seiten geschrieben gewesen und es stand fest, dass Jean-Pierre Ponnelle die Regie bei der Uraufführung übernehmen sollte. „Ich habe so intensiv mit ihm zusammengearbeitet wie mit keinem Regisseur mehr später in meinem Leben“, sagt der Komponist. Er habe ihm geholfen und immer wieder daran erinnert, dass das Orchester lebendig machen soll, was in den Köpfen der Zuschauer entsteht, wenn sie das Stück sehen.

Es sei eine zutiefst psychologische Musik, die nicht vor Grausamkeit zurückschreckt, sagt Dirigent Franz Welser-Möst. Die Musik sei vielschichtig, habe doppelte Böden und gehe unter die Haut und man spüre die Erschöpfung nach der Probe, sagt er. Ob er nicht ab und an verführt sei, sich diesem musikalischen Sog ganz hinzugeben? Das sei bei jedem Stück so, sagt Franz Welser-Möst. Jedoch sei es eben nicht die Aufgabe des Dirigenten selbst zu weinen, sondern die Botschaft zu vermitteln und die Emotionen im Publikum auszulösen. „Flapsig gesagt: Ich habe zu viel zu tun, als dass ich mich zu sehr involvieren könnte. Allerdings merke ich nach der Probe, wie sehr mich ein Stück mitnimmt“, sagt der Dirigent. Einen großen Komponisten erkenne man daran, wie er mit dem Text umgehe. – Bei dieser Oper verstehe man jedes Wort, sagt er.

„Hier fließt viel Blut“, heißt es im Libretto der Oper – und Simon Stone nimmt diese Worte für seine Inszenierung sehr ernst. „Der Horror, die Brutalität ist ja nicht nur im Text, sondern auch in der Musik“, sagt Simon Stone. Und die Gewalt nehme mit dem Stück zu, es werde immer normaler, dass jede Figur in Kontakt mit Gewalt komme. Ob ihn die Spielstätte der Felsenreitschule beeinflusst hätte? – „Ja natürlich! Die Arkaden sind da, man kann sie nicht ignorieren“, sagt der Regisseur. „Aber natürlich beeinflusst mich die Spielstätte nicht so sehr wie die Musik.“ Es gebe kaum ein Stück, das nach wie vor so aktuell ist, sagt Stone. Zwischen Musik und den Charakteren gebe es keine Trennung. „Meiner Meinung nach hat Reimann das ideale Werk geschrieben, um den Lear-Stoff zu verstehen“, sagt Simon Stone. „Ich habe so viele Inszenierungen von Shakespeares King Lear gesehen, in denen ich den Kern des Stoffes nicht verstehen konnte. Bei ihm ist es die Musik, die den Wahnsinn enträtselt. – Die Musik klärt diesen Wahnsinn auf und antwortet zeitlos auf den Inhalt dieses Stückes.“ Er sei jeden Tag aufs Neue inspiriert von dieser Oper. Aber es gebe eben auch Hoffnung in dieser Geschichte – verkörpert durch Lears Tochter Cordelia. Sie sei diejenige, die die Wahrheit spricht. „Das ist für mich die Hoffnung! Den Mut zu haben, die Wahrheit zu sagen, wenn alle anderen bereit sind das zu tun, was von ihnen erwartet wird“, sagt er. Der Untergang Lears sei in Wirklichkeit der Moment der Selbsterkenntnis, der Moment, in dem er wieder menschlich werde und nicht mehr nur König sei.

Aus der Not heraus, dass das Orchester nicht in den Orchestergraben hineinpasse, habe man eine Tugend gemacht, womit Franz Welser-Möst sehr glücklich ist. Das Schlagwerk wurde kurzerhand auf die Seite der Bühne versetzt. „Dieses Aufgefächerte hilft dem Klangbild bei dieser Oper. Die ersten Proben in einem kleineren Probenraum haben uns Kopfweh bereitet – jetzt aber, da das Orchester weiter auseinander sitzt, kann man plötzlich alles besser hören“, sagt er.

28 Neuinszenierungen hat Reimanns Oper schon erlebt. „Jedes Mal ist es eine andere Welt. Das Stück macht sich selbstständig und immer wieder werde ich von dem überzeugt, was ich sehe“, sagt Aribert Reimann. „Ich sitze jedes Mal staunend davor, was alles gedeutet werden kann. Es sind so viele Dinge darin enthalten, die immer wieder neu aufreißen, immer wieder aktuell sind.“


Hören Sie hier den ganzen TerrassenTalk:

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