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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

„Mit der größtmöglichen Liebe“ – TerrassenTalk mit Peter Sellars und Teodor Currentzis

8 JUL 2017

by FESTSPIELKIEBITZ  11:04 h;
veröffentlicht in: Oper

Markus Hinterhäuser, Teodor Currentzis, Peter Sellars, Foto: SF/Anne Zeuner
Wer hier der Regisseur und wer der Dirigent ist, das hinterfragen Peter Sellars und Teodor Currentzis selbst öfter mal, wie Peter Sellars beim TerrassenTalk zur Eröffnungsoper La clemenza di Tito verrät. „Es ist wundervoll mit Teodor zu arbeiten, und ihn zu beobachten, wie er nicht nur im Orchestergraben, sondern auch auf der Bühne eingreift“, sagt Regisseur Peter Sellars. „Wir arbeiten von der ersten Probe an sehr eng zusammen, wir haben dasselbe Ziel: die musikalische und die theatralische Dimension zusammenzubringen.“ Und auch der Dirigent spart nicht mit Lob über Peter Sellars. „Ich bin sehr glücklich mit dieser Zusammenarbeit. Peter ist jemand, der keine Show auf der Bühne kreiert, sondern etwas Echtes“, sagt der Dirigent. Den beiden geht es darum, den Subtext von Mozart auszumachen. Und beide sind in ihrer Arbeit sehr genau. So genau, sagt Peter Sellars, dass man die Sänger um 4 Uhr in der Nacht aufwecken könnte, und sie sofort die entsprechende Stelle der Oper perfekt interpretieren könnten. „Teodor probt eine einzige Phrase manchmal 20 mal hintereinander, ehe er zufrieden ist“, sagt Sellars. Das sei natürlich unglaublich anstrengend für die Sänger, aber dieser „musikalische Röntgenblick“ sei eben auch nötig, um Mozart richtig zu erfassen. Mozart sei perfekte Fahrstuhlmusik, sagt Peter Sellars, das sei eine große Gefahr. Man müsse seine Musik vor dem Kitsch bewahren. Unter dieser „schokoladigen“ Oberfläche verberge sich Grausamkeit, Wahnsinn, Mozart stelle mit seiner Musik die tiefsten Fragen des Lebens. Aber Mozart benutze eben nie eine grobe Sprache, um diese zu stellen. Und Teodor Currentzis sei einer, der es vermag beide Facetten der Musik herauszufiltern.

Worum geht es also in dieser späten Mozartoper, fragt Dramaturg und Moderator des Talks Antonio Cuenca Ruiz. – Mit der Leitfigur des Titus sei es so eine eigentümliche Sache, sagt Regisseur Peter Sellars. Er habe entsetzliche Verbrechen begangen und sei für viel Zerstörung verantwortlich. Gab es etwa ein Essen in seinem Haus, war es Tradition eine Person zu töten vor dem ersten Gang. Aber, und das sei auch für die Oper das Wichtige: Sobald er Kaiser wurde, änderte sich Titus. Es wurde niemand mehr exekutiert, er spendete sogar sein eigenes Geld nach den großen Bränden in Rom und unterstützte finanziell die medizinische Versorgung während der Pest. Und in La clemenza di Tito gehe es eben um jene Veränderung, jene persönliche Transformation.

Mozart habe nur wenig Zeit gehabt, diese Oper zu schreiben. Mitte Juli habe er den Auftrag bekommen und am 5. September sollte die Uraufführung stattfinden. „Er hatte also gar keine Zeit, eine neue Oper zu schreiben“, sagt Peter Sellars. So kam es, dass einige Rezitative von Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr geschrieben wurden. „Unser erster Schritt in Richtung einer echten Mozartoper war es, sich dieser Rezitative zu entledigen“, sagt Peter Sellars. In einem zweiten Schritt schauten sich die beiden das originale Libretto von Metastasio an. „Uns ist die Wendung aufgefallen nach dem ersten Akt – der Kaiser wurde ermordet und der zweite Akt beginnt mit der Auflösung, dass es gar nicht der Kaiser, sondern eine andere Person war, die getötet wurde“, sagt Peter Sellars. Es sei keine Zeit für Trauer. „Wir haben uns entschieden, dort Musik aus Mozarts c-moll-Messe zu ergänzen. Wir wollen damit spirituelle Momente hinzufügen“, sagt der Regisseur. Es solle so eine Zeremonie abgehalten werden, um den Tod eines Menschen gebührend zu betrauern. „Ich muss dabei unweigerlich an die Anschläge der letzten zwei Jahre denken und daran, wie die Menschen in Brüssel, in Paris oder in Manchester auf die Straße gehen mit Blumen und Kerzen. Sie antworten nicht mit Hass auf diese Taten – sie antworten mit Liebe.“ Dirigent Teodor Currentzis ergänzt: „Alles, was wir hier an Musik ergänzen, tun wir mit dem größtmöglichen Respekt, mit der größtmöglichen Liebe dem Komponisten gegenüber.“ Versöhnen und Vergebung, das sei am Ende das Thema der Oper.

Hören Sie hier den Podcast zum TerrassenTalk zu La clemenza di Tito.

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