anmelden | registrieren
EN  |  DE

SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

„Art is a doctor“

7 JUN 2017

by FESTSPIELKIEBITZ  14:01 h;
veröffentlicht in: Allgemein

Helga Rabl-Stadler, Leonhard Thun-Hohenstein, Katarzyna Grebosz-Haring © SF / Anne Zeuner
Eine großzügige Spende der Salzburger Festspiele an Pro Mente ermöglichte eine Studie zum Thema – Wie wirkt sich Kunst und Musik auf Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus.

Die Freude war groß, als Cecilia Bartoli und Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler am 1. September 2014 eine großzügige Spende (von 110.000 Euro) an die Kinderseelenhilfe Pro Mente übergeben konnten. Das Geld wurde bei einem Galakonzert und anschließendem Galadinner eingebracht und an Pro Mente Mitbegründer Leonhard Thun-Hohenstein übergeben. Bei der Übergabe sagte er, dass er mit diesem Geld für drei Jahre eine zusätzliche Therapeutin anstellen könne. Jedes fünfte Salzburger Kind leide an einer psychischen Krankheit und die Kinderseelenhilfe unterstützt diese Kinder bestmöglich. „Da die Finanzierung über öffentliche Gelder nicht ausreicht, benötigen wir unbedingt Spenden von engagierten Menschen, die uns unterstützen wollen“, sagte der ärztliche Leiter Primar Univ.-Prof. Dr. Thun-Hohenstein damals.

Ein kleiner Teil des Geldes wurde außerdem verwendet, um eine Studie unter dem Titel „Art is a Doctor“ zu erstellen.

„Ich danke Prof. Thun-Hohenstein für die Idee, wissenschaftlich erforschen zu lassen, was für viele von uns immer ein Gefühl und in der Psychiatrie oft eine Erfahrung war: dass Kunst auch in der Therapie und als Therapie für Jugendliche Sinn macht und Erfolge bringt. Durch diese Pilotstudie wird ganz klar deren Daseinsberechtigung bestätigt“, sagt Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler.

Die interdisziplinäre Pilotstudie entstand in Zusammenarbeit zwischen Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (SALK, Paracelsus Medizinische Privatuniversität), Universität Salzburg, Universität Mozarteum Salzburg (Klasse Textiles Gestalten), Kooperationsschwerpunkt Wissenschaft und Kunst (Programmbereich ConTempOhr) und Kunsthilfe Salzburg.

Warum sollte Kunst in der Kinder- und Jugendpsychiatrie einen Platz bekommen?

„Art is a Doctor“ ist ein Zitat der österreichischen Künstlerin Zenita Komad und steht für den Versuch, die Kunst in den Alltag einer Behandlungseinrichtung für psychisch kranke Kinder und Jugendliche zu holen. Oft haben die Kliniken einen Akutversorgungsauftrag, es kommen akut oder psychisch kranke Kinder und Jugendliche sowie deren Familien dorthin, um eine Diagnose und die entsprechende Behandlung zu bekommen. Was kann Kunst in diesem Zusammenhang bewirken?

Die Situation psychisch Kranker bringt es in der Regel mit sich, dass es diesen Menschen schwer fällt, sich über ihr Innerstes klar zu werden und ihre Ängste und Nöte zu formulieren. Sehr häufig fühlen sie sich gefangen in ihrer Welt, die bedrohlich bevölkert ist von Gespenstern und Phantasiegestalten, oder die von scheinbar unbeeinflussbaren Regeln und Gesetzen gesteuert wird. Beides lässt diese Menschen ein Verhalten an den Tag legen, dass sie aus allen sozialen Systemen herausfliegen lässt. Die meisten dieser Kinder haben den Zugang zu sich selbst, aber auch zu ihrer eigenen Kreativität verloren.

Kunst kann Schaffensprozesse anregen, um Unbewusstes bewusst werden zu lassen – Daher hat sie in der Therapie und als Therapie ihre Daseinsberechtigung. Sie kann die Patienten dazu bringen, ihre eigene Kreativität kennenzulernen und die Spontanität hervorzukitzeln. Das „sich Versenken“ in einen kreativen Prozess bringt – zumindest für die Dauer der kreativen Tätigkeit – Vergessen, Ablenkung und womöglich sogar Freude und Spaß an der Tätigkeit. Die kreativ schaffenden Kinder und Jugendlichen werden durch das Material per se, die Nutzung des Materials und den Schaffensprozess, die Herausforderung bestimmte Techniken zu erlernen und vor allem durch das Resultat angeregt, mit sich selbst in einen Dialog zu treten. Dabei geht es um das Genießen des Tuns ohne Bewertung der Leistung.

Die Studie

Über mehrere Monate hat das Team um Primar Univ.-Prof. Dr. Thun-Hohenstein Workshops durchgeführt und wissenschaftlich begleitet, in denen ein Bühnenstück, ein Film und eine Vernissage rund um das Thema „sesshaft werden“ entstanden.

Die Teilnehmer der Studie haben sich versucht in textilem Design, im Schauspiel, in Clownerie, im Musikhören und im Chorsingen – alle Teilnehmer zeigten nach der kreativen Betätigung geringere Stresshormon-Werte und damit verbunden einen positiven Trend in der subjektiv wahrgenommenen Laune.

Außerdem wurde untersucht, wie sich das Chorsingen im Vergleich zum Musikhören bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen auswirkt.

In einem ersten Versuch haben die Teilnehmer einmalig 45 Minuten entweder selbst gesungen oder Musik gehört. Vor und nach der kreativen Betätigung wurden Fragebögen zum psychischen Befinden ausgefüllt und Speichelproben entnommen, um den Stresshormon-Wert zu ermitteln.

Die Singgruppe weist eine deutliche Verbesserung der psychischen Befindlichkeit auf – sie zeigte eine abfallende Tendenz des Cortisolwertes und eine Verbesserung der Stimmungslage sowie der Wachheit. Die Gruppe, die Musik hörte, zeigte in der Dimension „innere Ruhe und Wachheit“ bessere Werte an. Zwischen den beiden Gruppen war kein signifikanter Unterschied zu erkennen.

In einem zweiten Versuch haben die Teilnehmer über fünf Tage hinweg täglich à 45 Minuten Musik gehört oder selbst im Chor gesungen. Die Singgruppe zeigte im Vergleich zur Musikgruppe eine bedeutende kontinuierliche Absenkung der Cortisolwerte. Dagegen erreichte die Musikgruppe im Vergleich zur Singgruppe einen höheren Wert der inneren Ruhe.

Fazit

Die begeisterte Mitwirkung und Euphorie der Kinder und Jugendlichen bestätigen unmittelbar die Sinnhaftigkeit dieser Eingriffe. Die subjektive Befindlichkeit – gemessen mittels Fragebögen – unterstützt empirisch die beobachteten Reaktionen. Die Studienergebnisse zeigen,  dass der Körper auf die Ausübung von Kunst wie zum Beispiel Chorsingen mit hormoneller Stressreduktion reagiert. Die Ergebnisse sind derzeit bei unterschiedlichen internationalen Kongressen zur Diskussion gestellt.

Fotos zum Pressegespräch finden Sie hier. 



Außerdem möchten wir Sie auf folgenden Termin aufmerksam machen:

FREUNDE der SALZBURGER FESTSPIELE und Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie laden ein zu Vortrag und Podiumsdiskussion mit Musikbeispielen am Donnerstag, 8. Juni 2017, um 19.00 Uhr, SalzburgKulisse (5. Stock, Haus für Mozart)

Begrüßung und Moderation: Festspielpräsidentin Dr. Helga Rabl-Stadler

Impulsvortrag: Primar Univ.-Prof. Dr. Leonhard Thun-Hohenstein, Vorstand Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Projektleiter

Thema:

„Art is a doctor“ oder warum brauchen wir die Künste in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

Teilnehmerinnen an der Podiumsdiskussion:

Dr. Katarzyna Grebosz-Haring, Musikwissenschaftlerin und wissenschaftliche Leiterin des Projekts

Univ. Prof. Mag. art. Christa Pichler-Satzger (a.D.), Leiterin des Workshops “Textiles Gestalten”

Anmeldung unter: office@festspielfreunde.at

LOGIN | PASSWORT VERGESSEN