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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Musikalische Sinnlichkeit

30 DEZ 2016

by FESTSPIELKIEBITZ  12:16 h;
veröffentlicht in: Pfingsten

Cecilia Bartoli, Foto: Uli Weber/Decca
Cecilia Bartoli im Gespräch über die Salzburger Festspiele Pfingsten und die Neuproduktion von Händels Ariodante, ihre erste Hosenrolle in Salzburg.

Als Künstlerische Leiterin der Salzburger Festspiele Pfingsten gehen Sie nun erstmals in die Verlängerung. Was bedeutet Ihnen Salzburg?

Salzburg offenbart sich mir als Stadt mit einem ganz eigenen Charakter, wo Kunst im Allgemeinen und die Musik im Speziellen zum täglichen Bedürfnis der Volksseele zu gehören scheinen. Ohne mir darauf etwas einzubilden, erfahre ich in Salzburg und vielerorts in Österreich eine große Zuneigung und Dankbarkeit, die vielleicht eben auf der gemeinsam erfahrenen und geteilten Seelennahrung gründet. Salzburg erlaubt mir, mich in einer der besten Kunstwelten zu tummeln. Dies erzeugt eine Art Heimatgefühl und wohlige Geborgenheit, und dafür bin ich dankbar!

Von Ihrem Konzertprogramm „Händel Heroines“ schwärmen Publikum wie Medien und bezeichnen Cecilia Bartoli einmal als „singende Sympathieträgerin“, ein anderes Mal als „phänomenale Komödiantin, die das vokal Anspruchsvolle mit Leichtigkeit bewältigt und mit aller Emotion anreichert“, ein weiterer Rezensent spricht von „reinem Glück“ und „Zauber“. Wer ist Georg Friedrich Händel für Sie? 

Ein befreundeter Buchautor erzählte mir kürzlich, dass Händel anscheinend über eine bedeutende, mehrere hundert Gemälde umfassende Kunstsammlung verfügte, die fast ausschließlich dem nackten, üppigen Frauenkörper huldigte. Vielleicht kann man Händels musikalische Sinnlichkeit eben von dieser illustrativen Üppigkeit ableiten und könnte somit jedem Gemälde – übrigens ein amüsantes Gedankenspiel – eine Händel’sche Schwesternarie zuordnen … Höchstes künstlerisches Können und seelischer Tiefgang, gepaart mit der Lust am Genuss, eine Prise Seriosität und ein großer Nachschlag Humor! Ja, so würde ich mir wohl „meinen“ Händel zusammenbasteln …

Sie haben als szenische Produktion Händels Ariodante gewählt. Was war ausschlaggebend, genau diese Oper für Salzburg auszuwählen? 

Um 1733 erwuchs Händel in Nicola Porpora und seinem „Popstar“ Farinelli in London ernsthafte Konkurrenz, die in einem erbitterten und ruinösen Wettbewerb der beiden Konkurrenzunternehmen und schlussendlich in deren Bankrott endete. Zuvor warf Händel aber nochmals all sein Können an kompositorischem Schaffen in die Waagschale und schuf mit Alcina und Ariodante zwei absolute Meisterwerke voller Fantasie und Ideenreichtum und fern aller Routine und barocker Massenware. Ariodante als Quintessenz meisterlichen Schaffens erfüllt genau die Festspielkriterien, in Salzburg die großen Meisterwerke in neuem Kontext oder aufgrund neuster aufführungspraktischer Erkenntnisse immer wieder neu aufzulegen. Und trotzdem erlebte dieses Meisterwerk bis jetzt noch keine szenische Premiere auf den Salzburger Festspielbühnen. Daneben schien es mir auch reizvoll, nach all den leidenden, schmachtenden und mitunter auch sterbenden Frauenfiguren erstmals in Salzburg eine Hosenrolle zu verkörpern. 

Christof Loy inszenierte in Salzburg Händels Theodora, Haydns Armida und Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss. Sie erarbeiteten mit ihm Händels Alcina in Zürich. Was ist das Besondere an seiner Haltung, an seiner Regiearbeit?

Christof ist ein großer Ästhet, ohne sich in reiner Schönheit zu verlieren. Seine Regiearbeiten sind präzise und intelligent, ohne dabei die Sinnlichkeit oder den nötigen Humor auszuschließen. Ein Magier, der die Seelenräume der Charaktere auf die Bühne zu übersetzen und mit seiner sanften und niemals plakativen Art zu fesseln weiß. 

Worauf wird der Fokus in der Neuproduktion gelegt sein? 

Ohne Zweifel werde ich als nordischer Held unter der Ritterrüstung wohl einen Kilt tragen … Nein, lassen wir uns doch überraschen und frönen mit ungeduldiger „Wehmut der Wonne“, was auf uns zukommen wird!

Ein neues Ensemble zu gründen, gehört wohl zu den beglückendsten künstlerischen Tätigkeiten. Sie haben sich mit Les Musiciens du Prince, deren Schirmherr Fürst Albert II von Monaco ist, diesen Wunsch erfüllt. Was dürfen wir von diesem Orchester erwarten?

Viele Menschen erleben unverschuldet Not und Bedrängnis. Sich in solchen Zeiten der Musik widmen zu dürfen, empfinde ich als großes Geschenk und verpflichtet mich zu sorgsamem und verantwortungsvollem Umgang mit diesem kostbaren Privileg. Große Kulturinstitutionen und so manches Orchester, im Speziellen die mannigfachen freien Gruppierungen im Bereich der Moderne und der Alten Musik, sehen sich im Kampf um die schrumpfenden Subventions- und Sponsorengelder im Nachteil. In solchen Zeiten fürstliche Unterstützung bei der Gründung eines neuen Spezialistenensembles zu erfahren, ist wahrlich eine wunderbare Geschichte und belebt die historische Idee der höfischen Musik mit den Schnittpunkten „Hofkapelle“ und „Hofmusik“ neu. Als frischgebackener Hofmusikus, als Musico di Corte, rufe ich: „evviva Salisburgo e evviva Monaco“. 

In den Medien wurde es unter anderem als „phänomenales Originalklang-Ensemble mit anbetungswürdigen Solisten“ bezeichnet … 

Das Echo auf unsere erste Europa-Tournee war wirklich überwältigend und unerwartet. Es war mir wichtig, dass Les Musiciens du Prince nicht als Bartoli-Vehikel wahrgenommen werden mit dem einzigen Zweck, der Diva den richtigen Sound zu bereiten. Die verschiedenen Positionen im Orchester sind mit herausragenden Interpreten besetzt, die alle auch solistisch auftreten. Diese Option wurde dann bewusst eingesetzt, um das Konzertprogramm neben den Arien auch mit Solonummern der verschiedenen Orchestersolisten anzureichern … Und vielleicht ist es genau dieser Mix an Gesangs- und Instrumentalnummern und dem ineinanderfließenden Ablauf der einzelnen Programmpunkte, der das Publikum in all den Städten in ein wahres Delirium trieb. Die Säle kochten als würden hier Madonna & Band ein Konzert geben, und dies alles mit barocker, rund 300-jähriger Musik. Da bleibt also nur ein Wunsch, dass die euphorische Zustimmung als Salzburger Pfingstecho auch hier mannigfach zurückhallen möge.

Teilen Sie uns das Geheimnis Ihrer energetischen Ausstrahlung mit?

Vielleicht liegt es an den Genen? Ich kannte keine energiegeladenere Person als meine Großmutter Libia! Eine stolze hochgewachsene Frau mit pechschwarzen Locken, eine sinnliche Tänzerin, voller Energie und blitzschnell. Auch im tiefsten Winter ging sie immer barfuß, weil ihr das An- und Ausziehen der Schuhe ein zu großer und unnötiger Zeitverlust bedeutete, und sie rannte quasi schneller als ihr Schatten von Arbeit zu Arbeit. Gleichzeitig war sie eine großartige „Schimpferin“! Hatte sie etwas an meinem Großvater auszusetzen, dann verfluchte sie in einem aberwitzigen Staccato regelmäßig sämtliche großväterlichen Verwandten, erfand, um der Beschimpfung das nötige Gewicht zu verleihen, dauernd neue Familienmitglieder und ließ seine Familie in den Jahren zu einer regelrechten Dorfbevölkerung anwachsen, mit hunderten von Brüdern, Schwestern, Onkeln und sonstigen Verwandten. Aber zurück zum Thema.

Sie versammeln nur die besten Künstler um sich. Wie findet Ihr Auswahlprozess statt?

Der Konzert- und Opernbesuch, aber auch Musical- und Theateraufführungen gehörten schon immer zu meiner großen Leidenschaft, der ich dank meines steten Wanderlebens weltweit auch frönen kann! Daneben ist mir eine natürliche Entdeckerfreude angeboren, die neue Ideen mit befreundeten und neuentdeckten Künstlern mischt, sodass sich in der Kombination oft erstaunliche und unverhoffte Resultate ergeben. Von einem Auswahlprozess mag ich dabei aber nicht reden, sondern es ist mir ein großes Privileg, wenn Freunde wie Daniel, András, Valerie, Juan-Diego, Anna, Bryn oder Gustavo etc. in Salzburg eine Pfingstrast einlegen und helfen, Großes entstehen zu lassen!

Hören Sie Cecilia Bartoli mit der Arie „Lascia la spina, cogli la rosa“ aus G. F. Händels Il trionfo del tempo e del disinganno hier …

Zu den Aufführungsterminen und -details kommen Sie hier …



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