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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Reigen der Macht

30 JÄN 2017

by FESTSPIELKIEBITZ  09:38 h;
veröffentlicht in: Allgemein

Louise Bourgeois, THE INSOMNIA DRAWINGS (March 21, 1995), 1994-1995, Detail from 220 mixed media works on paper of varying dimensions, Daros Collection, Switzerland © The Easton Foundation/Bildrecht,
Macht des Begehrens

Die Macht hat bekanntlich viele Gesichter. Sie kann ebenso erhaben wie zerstörerisch, verlockend wie abstoßend, repressiv wie förderlich sein. Sie kann in gleicher Weise zur heldenhaften Apotheose führen wie die Betroffenen in einen Abgrund stürzen. In jedem Fall aber lenkt sie die Aufmerksamkeit auf etwas, das den Ablauf des Alltäglichen unterbricht. Wäre sie transparent und nicht auf eine Störung des Gewöhnlichen aus, bemerkten wir sie kaum: Was nicht heißt, dass die Aufdeckung jener Ereignisse, die unseren Blick auf ein komplexes Intrigengeflecht überhaupt erst offenlegen, auch das Ende jeglicher Machtverhältnisse bedeutet. Diese nehmen lediglich weiter ihren unterschwelligen Lauf.

Am augenfälligsten wird Macht als Anomalie, wenn Kalkül und Leidenschaft aufeinandertreffen. Große Gefühle erzeugen einen eigenen Sog, der ein Machtspiel besonders rigoros durchzusetzen versteht oder dieses aufgrund persönlicher Interessen grandios scheitern lässt. Ergreifend – und deshalb das Anliegen dramatischer Kunst – sind also vornehmlich jene Geschichten, in denen sich das Morsche am Gesetz der Macht zeigt. Sie machen sowohl den menschlichen Einsatz sichtbar, den das rücksichtslose Durchsetzen von Machtinteressen fordert, wie auch den Bruchpunkt der Macht selbst. Diejenigen, die mit Gewalt andere zu überwältigen suchen, sind ihrerseits hilflos an diesen Drang zur Unterdrückung gebunden. Bemächtigung und Entmachtung erweisen sich als zwei Seiten einer Medaille.

Die von zahlreichen mythischen Geschichten durchgespielte Grundbedingung für das Überleben der Gemeinschaft postuliert zudem einen Widerspruch zwischen dem Begehren des Individuums und den dieses Begehren zügelnden kulturellen Codes. Dadurch ergibt sich nicht nur eine gegenseitige Bedingtheit von paternaler Autorität und Transgression, braucht das Gesetz doch den Verstoß, um seine Verbote zu erzwingen. Der Wille zur Macht löst in denjenigen, die es zu unterdrücken gilt, unweigerlich Widerstand aus. Deshalb hat sich im Gegenzug als Grundbedingung moderner Subjektivität das Aufbegehren gegen symbolische Vorschriften durchgesetzt. Selbstbestimmte Wünsche gegen öffentliche Gebote zum Einsatz zu bringen, bedeutet Macht über die eigene Bestimmung zu ergreifen. Die Logik des Sündenbocks bietet für diesen Zwiespalt eine findige Sinnlösung. Jene Figuren, deren extremes Verhalten randständig erscheint, dürfen – und müssen – zugunsten einer Restitution der Gemeinschaft geopfert werden.

Bei diesem Wechselspiel zwischen Macht und Aufbegehren handelt es sich um zwei Arten der Repression: Zu tilgen ist einerseits jenes individuelle Begehren, das die Interessen einer konkreten Familie oder Gemeinde stört. Zugleich wird über die Opferung des Einzelnen aber auch eine systemische Unterdrückung von Kräften verhandelt, welche die Gesellschaft und ihre symbolische Ordnung grundsätzlich infrage stellen. Daraus ergibt sich jener Widerspruch der heldenhaften Apotheose, von dem die großen mythischen Geschichten zehren: Den Tod auf sich zu nehmen, den einem das Gesetz der Öffentlichkeit zugewiesen hat, mag eine erzwungene Wahl darstellen, gibt es doch aus dieser Verurteilung keinen Ausweg. Sich für den Tod bewusst zu entscheiden, wandelt aber einen äußeren Zwang zugleich in den Ausdruck eines intimen Wunsches. Die Macht des Schicksals wird zur Notwendigkeit, der man sich freiwillig beugt, weil man sie im Innersten begehrt. 

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