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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Das Konzert 2017

7 DEZ 2016

by FESTSPIELKIEBITZ  13:00 h;
veröffentlicht in: Konzert

Louise Bourgeois, FUGUE (18), 2003, Suite of 19 screenprints and lithography on music paper, Each: 30.5 x 40.6 cm © The Easton Foundation/Bildrecht, Wien, 2016
Die Konzerte sind seit dem Beginn eine der drei Säulen der Salzburger Festspiele, und in den letzten Jahrzehnten zeigt die formale Struktur der Programme eine große Kontinuität. Die Konzerte mit den Wiener Philharmonikern und den wichtigen Orchestern aus aller Welt, die bei den Salzburger Festspielen zu Gast sind, die Solistenkonzerte, Liederabende sowie Kammerkonzerte, die Mozart-Matineen mit dem Mozarteumorchester Salzburg sowie die Konzerte mit der Camerata Salzburg bilden ebenso wie die Konzertreihen mit Neuer Musik seit vielen Jahren das Grundgerüst des Konzertprogramms. Auch Kirchenkonzerte und Serien mit geistlicher Musik haben eine lange Tradition in der Festspielgeschichte. Als jüngste reiht sich die Ouverture spirituelle in diese Tradition ein.

Innerhalb dieser gewachsenen und bewährten Struktur setzen die Salzburger Festspiele 2017 neue Akzente, sowohl im Zusammenklang der Konzertreihen selbst als auch in der Bezugnahme und der engen inhaltlichen Verknüpfung mit dem Gesamtprogramm, die bereits in der Ouverture spirituelle hörbar wird – sowie durch die einzigartigen künstlerischen Begegnungen.

Die Ouverture spirituelle wird 2017 mit dem groß besetzten 14-teiligen Oratorium La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ von Olivier Messiaen mit dem Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Kent Nagano sowie mit Pierre-Laurent Aimard als Solisten eröffnet. Ein Werk, das nicht nur die üblichen Aufführungsdimensionen, sondern auch jene der Wahrnehmung sprengt. Denn in seinem Oratorium über die „Verklärung unseres Herrn Jesus Christus“ verleiht Messiaen nicht weniger als dem Einbruch des Göttlichen in die Sphäre des Irdischen musikalisch Ausdruck. Mit „Transfiguration“ ist die diesjährige Ouverture spirituelle überschrieben. Dieser Begriff bezeichnet einerseits die musikalische Setzung des Offenbarungsereignisses, im weiteren Sinne aber auch die großen Verwandlungsprozesse aller Existenz: den Zyklus des Werdens und Vergehens, die Verhandlung der letzten Dinge, das Schauen und Hören in andere Sphären hinein.

In den Requiem-Vertonungen treten uns die Fragen nach dem Ende des Seins und dem Jenseits ganz unverhüllt gegenüber. Der erste vollständig erhaltene mehrstimmige Requiem-Zyklus stammt von Johannes Ockeghem (um 1410–1497). Dieser ist ebenso wie Mozarts Requiem und Ligetis Lux aeterna bei den Salzburger Festspielen 2017 zu hören.

Trauer und Schmerz erfüllen auch Stabat mater-Vertonungen. Doch ähnlich wie sich bei Messiaen der Hoffnungsschein der Auferstehung Bahn bricht, verschiebt auch Schuberts Stabat mater (das erstmals bei den Salzburger Festspielen zu hören ist) den Fokus von der schmerzerfüllten Mutter hin zu lichten Höhen.

Das Hinübergleiten in eine uns unbekannte Welt vertonte Joseph Haydn in seinen Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze gleichermaßen wie Gérard Grisey in den Quatre Chants pour franchir le seuil. Selbst in „weltlichen“ Werken wie Gustav Mahlers Neunter Symphonie oder im 15. Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch klingt das Überschreiten dieser letzten Schwelle nach.

Die Ouverture spirituelle bildet die Keimzelle für jene Themen, die klanglich und inhaltlich in den weiteren Programmen wieder aufgegriffen werden. Schon im ersten Konzert wird das Band zu Gérard Grisey, den langjährigen Schüler von Olivier Messiaen, geknüpft, das zugleich den Beginn der Serie Zeit mit GRISEY markiert. Mozarts Requiem leitet zur ersten szenischen Produktion der Salzburger Festspiele über: La clemenza di Tito. Wie das Requiem entstand auch diese Oper in Mozarts letzten Lebensmonaten. Mit seinem letzten Werk hinterließ er uns eine noch heute gültige Vision, die der Gewalt die Versöhnung entgegensetzt.

Das 15. Streichquartett von Schostakowitsch ist ebenfalls ein Werk des Abschieds. Vom Hagen Quartett in der Kollegienkirche zur Aufführung gebracht, leitet es die Konzertreihe Zeit mit SCHOSTAKOWITSCH ein, die wiederum die Neuproduktion der Oper Lady Macbeth von Mzensk begleitet.

Der große italienische Komponist Claudio Monteverdi, der vor 450 Jahren geboren wurde, nutzte das Madrigal als Laboratorium, um die ganze Palette an Emotionen in Text und Musik zu erproben, „ehe er sie in der großen Form der Oper souverän anwandte“ (Nikolaus Harnoncourt). In einem Konzert mit den Solistes XXI werden einige solcher Monteverdischer „Miniopern“ Gérard Griseys Chants de l’Amour gegenübergestellt. Zugleich verweisen sie auf den Zyklus der drei überlieferten Monteverdi-Opern, die in halbszenischen Aufführungen mit John Eliot Gardiner, dem Monteverdi Choir sowie den English Baroque Soloists in der Felsenreitschule zur Aufführung kommen. L’Orfeo, 1607 uraufgeführt, gilt als erstes Meisterwerk seiner Art und geleitet von der Ouverture spirituelle in das Hauptprogramm.

Als ein Werk des Übergangs und des Umbruchs wird auch Monteverdis Marienvesper bezeichnet. Entstanden an der Zeitenwende zwischen dem Alten und dem Neuen, gilt es als Wegbereiter der „nuove musiche“, der neuen Musik.

Das Neue hat bei den Salzburger Festspielen immer schon seinen Platz. Was mit dem Zeitfluss als Festspiel im Festspiel etabliert und mit den Kontinenten sowie Salzburg contemporary fortgeschrieben wurde, findet nun eine Fortsetzung mit einer Reihe von Konzerten unter dem Titel „Zeit mit …“. Damit ist die Einladung ausgesprochen, sich intensiv auf Werke von bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts und deren klangliche Welt einzulassen. Weniger als eigene Reihe konzipiert, soll vor allem deutlich werden, wie selbstverständlich sich die Musik unserer Zeit ins traditionelle Repertoire fügt.

„Zeit“ ist zudem ein Begriff, der das Schaffen des französischen Komponisten Gérard Grisey (1946–1998) stark prägte. Das spiegelt sich auch in vielen seiner Werktitel wider: Tempus ex machina, Le Temps et l’écume oder Vortex temporum … Gérard Grisey war einer der führenden Köpfe der Gruppe L’Itinéraire, die sich der Erforschung des Inneren des Klangs verschrieben hatte. Das Unhörbare hörbar zu machen, war ihm Anliegen. Den Klang betrachtete er als einen Organismus, der Geburt, Leben und Tod durchlaufe, erschaffen in Raum und Zeit.

Neben Werken von Gérard Grisey lassen sich auch die Klangwelten anderer Vertreter der Spektralmusik wie Tristan Murail oder Georg Friedrich Haas bzw. wichtiger Wegbereiter wie Olivier Messiaen, Giacinto Scelsi oder Claude Vivier erkunden. Die Konzerte gestalten u.a. das Klangforum Wien, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, das oenm oder das Percussive Planet Ensemble. In den Sog eines „Zeitwirbels“ verführen die Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker und ihre Tänzerinnen und Tänzer sowie das Ensemble Ictus mit der Produktion Vortex Temporum im republic. Und einen eindrücklichen Schlusspunkt, der unser Hören herausfordert, setzt die Aufführung von Griseys groß angelegtem Werk Les Espaces acoustiques mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Matthias Pintscher in der Kollegienkirche. Nicht mehr mit Noten, sondern mit Tönen wolle er komponieren und der Relativität unserer Wahrnehmung Rechnung tragen, stellte Grisey in einem Werkkommentar fest.

Anlässlich der Neuproduktion von Lady Macbeth von Mzensk laden die Salzburger Festspiele dazu ein, auch Zeit mit SCHOSTAKOWITSCH zu verbringen. Die musikalische Reise in den Werkkosmos des großen russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts ist zugleich auch eine Zeitreise in die 1920er bis 1960er Jahre mit all ihren politischen Verwerfungen. Bei kaum einem Komponisten waren Leben und Schaffen so sehr mit den politischen Rahmenbedingungen verquickt wie bei Dmitri Schostakowitsch. In den engen Grenzen der sowjetischen Doktrin versuchte er mit musikalischen Mitteln Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Zuständen zu üben.

Die Zeitreise beginnt mit Schostakowitschs unbekümmerter Erster Symphonie. In seiner Siebten, der „Leningrader“, erleben wir ihn als Zeugen schicksalhaft tragischer Ereignisse. Mit der 15. und letzten seiner Symphonien gewährt er einen Rückblick auf sein bewegtes Komponistenleben. Neben der originalen Orchesterfassung wird die 15. Symphonie auch in einer Fassung für Klaviertrio und drei Schlagzeuger erklingen und dem „Abschied“ aus Gustav Mahlers Lied von der Erde gegenübergestellt. Und zwar aus gutem Grund: „Wenn mir nur eine Stunde Lebens übrig bliebe und ich nur eine Schallplatte anzuhören hätte, würde ich das Finale des Liedes von der Erde wählen“. Schostakowitschs Wertschätzung für Mahler wird nicht nur durch dieses Zitat deutlich, sondern in der letzten Symphonie auch hörbar. Musizieren werden dieses besondere Kammerkonzert u.a. Vilde Frang, Nicolas Altstaedt, Alexander Lonquich, Martin Grubinger, Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser.

Auch die anderen Konzerte des Zyklus prägen besondere Künstlerkonstellationen: Das Hagen Quartett trifft mit Schostakowitschs Streichquartett Nr. 15 auf den musicAeterna Choir sowie den Salzburger Bachchor, die Schnittkes Konzert für Chor singen, sowie später auf Sol Gabetta. Christian Tetzlaff spielt mit Leif Ove Andsnes u.a. die Violinsonate und Martha Argerich das Erste Klavierkonzert von Schostakowitsch mit dem West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker in der Ersten und 15. Symphonie und Andris Nelsons die Wiener Philharmoniker in der „Leningrader“.

Die Wiener Philharmoniker spielen zudem Gustav Mahlers Symphonie Nr. 9 unter Bernard Haitink sowie Mahlers Siebte unter Daniel Barenboim. Das „Festspielorchester“, das 2017 seinen 175. Geburtstag begeht, musiziert außerdem unter Herbert Blomstedt – zum ersten Mal in der Festspielgeschichte – Richard Strauss’ Metamorphosen. Und Riccardo Muti bringt mit Yefim Bronfman und den Wienern das Zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms sowie die Vierte Symphonie von Peter I. Tschaikowski zur Aufführung.

Die Symphonien Nr. 5 und 6 von Tschaikowski erklingen in der Reihe „Orchester zu Gast“ mit dem West-Eastern Divan Orchestra und dem Pittsburgh Symphony Orchestra. Ein Wiederhören gibt es mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien und dem Gustav Mahler Jugendorchester. Simon Rattle kommt letztmalig als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker mit seinem Orchester nach Salzburg. Zum ersten Mal in Salzburg zu Gast ist das international Aufsehen erregende Orchester musicAeterna unter Teodor Currentzis. Nach den beispielgebenden Einspielungen der Mozart/Da-Ponte-Opern folgt in Salzburg nicht nur die Auseinandersetzung mit Mozarts letztem Bühnenwerk La clemenza di Tito, sondern auch mit dessen Requiem.

Das Mozarteumorchester Salzburg gestaltet neben den Mozart-Matineen unter der Leitung von Mirga Gražinytė-Tyla, Ivor Bolton, Giovanni Antonini, Václav Luks und Constantinos Carydis auch die c-Moll-Messe in St. Peter. Vor 90 Jahren, am 6. August 1927, wurde diese erstmals in der Stiftskirche St. Peter im Rahmen der Salzburger Festspiele mit Mitgliedern des Mozarteumorchesters und des Wiener Staatsopernorchesters aufgeführt. Das traditionsreiche Salzburger Orchester spielt auch in zwei konzertanten Opernaufführungen sowie im Abschlusskonzert des Young Singers Project.

Das zweite ortsansässige Orchester, die Camerata Salzburg, präsentiert neben dem Beitrag zur Ouverture spirituelle zwei weitere Konzerte mit Roger Norrington sowie Lorenzo Viotti. Viotti ist – wie Mirga Gražinytė-Tyla auch – Preisträger des Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award. In drei Konzerten mit der Camerata Salzburg wird der Young Conductors Award-Preisträger 2017 ermittelt.

Die Liederabende gestalten Christian Gerhaher, Elīna Garanča, Marianne Crebassa, Matthias Goerne, Sonya Yoncheva sowie Krassimira Stoyanova mit ihren kongenialen Partnern. In den Solisten- und Orchesterkonzerten sind die größten Pianisten unserer Zeit zu hören: Pierre-Laurent Aimard, Martha Argerich, Daniel Barenboim, Yefim Bronfman, Evgeny Kissin, Maurizio Pollini, András Schiff, Grigory Sokolov und Mitsuko Uchida. Dazu gesellen sich zwei viel beachtete Salzburg-Debütanten: Igor Levit und Daniil Trifonov.

Anne-Sophie Mutter, die zu Pfingsten 2017 in Salzburg ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum feiert, ist auch im Sommer zu Gast, und zwar mit einem Solistenkonzert sowie mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck. Auf Wunsch der Salzburger Festspiele stehen neben Tschaikowskis Sechster Symphonie die selten gespielten Violinkonzerte von Witold Lutosławski auf dem Programm, dessen Partita Anne-Sophie Mutter zugeeignet ist. 

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