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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Ossian und die Geburt der Romantik

17 MAI 2016

by FESTSPIELKIEBITZ  08:40 h;
veröffentlicht in: Pfingsten

Horatio McCulloch (1805-1867), Loch Katrine, 1866, oil on canvas © Perth & Kinross Council
Der Erfolg war so bemerkenswert, dass sogar eigene Erkundungsreisen in die Highlands und auf die schottische Inselwelt finanziert wurden, um Heldengedichte von möglichst homerischer Länge zu suchen. Solche wurden denn auch – wie zu erwarten war – „entdeckt“ und in den Editionen Fingal (1761/62) und Temora (1763) veröffentlicht. Beide Bände enthielten darüber hinaus mehrere kürzere Stücke, die weithin Aufnahme in Anthologien zahlreicher europäischer Sprachen fanden, sodass sie sich als populärer erwiesen als die Epen selbst. Alle diese Texte führte Macpherson nun auf den Barden Ossian (Gälisch: Oisean; Irisch: Oisín) zurück, den Sohn des Fingal, der im dritten Jahrhundert – greis, blind und gebrechlich – als  letzter der glorreichen Helden den Verlust all dessen beklagt, was ihm teuer ist.
Die Betonung des Vergänglichen und der elegische Grundton machen zu einem wesentlichen Teil die genuin irische und schottische Erzähltradition der Highlands aus. Im Gegensatz zur weitverbreiteten Ansicht hat Macpherson jedoch nie öffentlich behauptet, den Großteil seines Ossian aus Manuskripten übersetzt zu haben, obwohl er in der Tat bedeutende Schriften barg und der Nachwelt erhielt: insbesondere das Buch des Dekans von Lismore, das aus älteren Quellen mündlicher Überlieferung stammend im frühen 16. Jahrhundert zusammengefügt wurde und Gedichte enthielt, die dem legendären Oisean zugeschrieben wurden. Macphersons Werk ist keine Fälschung, sondern vielmehr Dichtung, eine raffinierte Melange aus Althergebrachtem und neu Erfundenem – die Hervorbringung eines begabten Poeten. Und die Wirkung insbesondere auf Dichter, Künstler, Komponisten war unmittelbar, weitreichend und dauerhaft. Jean Paul Richter nannte Ossian die „Mutter der Romantik“ und tatsächlich sollte Macpherson als Vorläufer dieser äußerst bemerkenswerten Bewegung anerkannt werden, obwohl die Anziehungskraft seines Werks nicht auf eine bestimmte Epoche beschränkt war und weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinweg anhielt. Das Erscheinen des Ossian fiel zeitlich mit einer literarischen Blütezeit in Deutschland zusammen und beeinflusste in entscheidender Weise nicht nur die Generation von Herder, Goethe und Lenz, die alle daraus übersetzten, sondern auch die nachfolgende von Hölderlin, Novalis und Tieck. Abgesehen von Herder, der der epischen Anmaßung zwar misstraute, aber ein feines Gespür für die in dem Werk enthaltene Volkspoesie hatte, zeigten sich in Deutschland nur wenige Literaten an der Frage der Authentizität interessiert. Es war  auch Herder, der Goethe zu dem heroischen Versuch einer Übersetzung des gälischen Mustertextes anregte, den Macpherson Temora angefügt hatte. Die bei Weitem einflussreichste Übersetzung aber nahm Goethe in seinen Roman Die Leiden des jungen Werthers (1774) auf, der zu sieben Prozent aus der genialen Übertragung des größten Teils der „Songs of Selma“ und eines Abschnitts aus „Berrathon“ besteht, die  er gekonnt auf maximalen emotionalen Effekt hin abänderte. Wenngleich die vorherrschende Stimmung des Ossian von heroischer Hoffnungslosigkeit durchdrungen ist, von Isolation, Verzweiflung und Entfremdung, so wird sie doch durch die „Wonne der Wehmuth“ („joy of grief“) gemildert. Es ist dies einer von Ossians „merkwürdigen Ausdrücken, den er zu verschiedenenmalen wiederholt“ (Hugh Blair). Im Kontext meint das eine gewisse kontrollierte Distanziertheit im Nachsinnen über den Verlust. „Es ist Wonne in Wehmuth, wenn Frieden in der Brust des Traurenden wohnt; aber den Jammervollen … zerreißen die Schmerzen.“ Wir erkennen darin eine Vorwegnahme von Wordsworth’ viel zitierter Anmerkung: „Die Poesie hat ihren Ursprung in einem Gefühl, dessen man sich in Ruhe erinnert.“ Die am weitesten verbreitete deutsche Übersetzung der Wendung „joy of grief“ ist „Wonne der Wehmuth“. Erstmals tauchte sie im dritten Band der Übersetzung des Ossian durch den in Wien wirkenden bayerischen Jesuiten Michael Denis auf, die 1768/69 im Druck erschienen war. Es war dies zugleich die erste vollständige Übersetzung in eine europäische Sprache überhaupt. Die Denis’sche Übersetzung des Terminus diente dann nicht nur Goethe als Titel für sein Gedicht, dessen Vertonungen durch Beethoven und Schubert berühmt sind, sondern auch Hölderlin zitiert sie in seinem Roman Hyperion (1797/99), der wiederum eine vollendete Antwort auf Goethes Werther darstellt. Obwohl die Wendung nur wenig mehr auszudrücken scheint als die Hingabe an eine modische Melancholie, so enthält das Original doch den Anflug von einem ganz speziellen Pathos, das tatsächlich das Schicksal der schottischen Gälen im Gefolge der Jakobiten-Aufstände reflektiert. Wie Hölderlins Empedokles erkannte Macpherson den scheidenden Gott seines Volkes.
Viele Aspekte am Ossian übten auf die sich ausbildenden Romantiker in Europa und darüber hinaus einen starken Eindruck aus. Er schien ihnen etwa einen Beleg für den Wert der nicht-klassischen Antike zu liefern, ein alternatives Modell, das das Naive mit dem Sentimentalischen kombinierte, um es mit Schillers Worten zu sagen. Ein weiterer Aspekt, der die Dichtung aus- zeichnete, ist der Fokus auf die zentrale Rolle des Poeten/Barden: Er ist Handelnder und sich zugleich kommentierender Erzählender in einer Person. Zudem ist das Lyrische mit dem Epischen und Dramatischen verbunden und das Werk in einer Sprache verfasst, die zwischen Prosa und Lyrik balanciert, wodurch traditionelle Gattungsgrenzen verwischt werden. Die gebrochene und fragmentarische Erzählung, die als Beleg für eine „Poesie des Herzens“ gesehen wird, benötigt also die Imagination des Lesers. Sie erst kann den Zusammenhang herstellen.
Ein nicht zu unterschätzender Aspekt für die Anziehungskraft des Werks liegt aber auch in den wirkungsvollen Evokationen der Landschaft von Macphersons heimatlichen Highlands und Islands: die aufgewühlte See, zerklüftete Berge, Heide, Moor, Gewitter, Nebel und herbstlich feuchte Fäulnis … Sie dienen nicht nur als statische Kulisse, auf die düstere Stimmungen projiziert werden können, sondern auch als eine machtvolle und lebendige Kraft, von der schreckliche Trostlosigkeit und hinreißende Schönheit ausströmt. Durchaus ein Skeptiker der ossianischen Authentizität, gestand Walter Scott seinem Kollegen Macpherson zu, in ganz Europa einen „neuen Ton in die Poesie“ gebracht zu haben. Er hatte recht.

Howard Gaskill ist Honorary Fellow an der Universität Edinburgh.

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