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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Wonne der Wehmut • Salzburger Festspiele Pfingsten 2017

17 MAI 2016

by FESTSPIELKIEBITZ  09:45 h;
veröffentlicht in: Pfingsten

Cecilia Bartoli (Foto: Decca / Uli Weber)
„Durch ein Prisma von Dichtern wie Ariost und Ossian begebe ich mich auf eine romantische Traumreise — so wie Alice hinter den Spiegel taucht. Auf solchen Wanderungen durch verwunschene Landschaften nähern wir uns letztendlich doch vor allem dem eigenen Selbst.“ (Cecilia Bartoli)

„Ich freue mich auf das 6. Programm von und mit Cecilia Bartoli und darauf, dass die Zusammenarbeit auch mit dem neuen Intendanten Markus Hinterhäuser fortgesetzt wird. Die Unterschiedlichkeit dieser sechs Programme zeigt die Vielfalt der Interessen der Künstlerischen Leiterin Cecilia Bartoli“, sagt Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler.

„Es ist ein Glücksfall für Salzburg und die Pfingstfestspiele und eine wunderbare Perspektive für meine neue Intendanz, weiterhin mit dieser großen Künstlerin arbeiten zu können“, sagt Markus Hinterhäuser, ab 2017 Intendant der Salzburger Festspiele.

 

Auf romantischer Traumreise zu sich selbst
Cecilia Bartoli im Interview

Sie haben in den vergangenen fünf Jahren neue Maßstäbe für die Salzburger Pfingstfestspiele gesetzt. Wie beurteilen Sie die ersten Jahre Ihrer Intendanz im Rückblick?
Zunächst empfinde ich tiefe Dankbarkeit darüber, dass wir auf ein so großes Maß an Interesse, Begeisterung und Unterstützung gestoßen sind. Wir haben die Festspiele zu Pfingsten ja ziemlich umgekrempelt und wussten nicht, wie die Reaktionen ausfallen würden. Dann wurden wir vom Erfolg regelrecht überrollt. Die begeisterte Zustimmung erlaubt es mir, meine Projekte in der bestmöglichen aller Festivalwelten weiterzuträumen! Besonders stolz bin ich darauf, dass sich in Salzburg ein eingeschworenes Team, quasi eine Pfingstfamilie gebildet hat. Jedes Jahr wird mir mehr und mehr bewusst, wie groß die Unterstützung ist und wie begrenzt mein eigenes Tun und der Erfolg ohne die fantastische Hingabe aller Mitstreiter und ohne das großartige Publikum wären.
Vom Künstlerischen gesehen bin ich über das hohe Niveau beglückt, das wir erreicht haben und halten konnten. Ich freue mich, dass wir die Festspiele mit Genres wie dem klassischen Ballett, mit einem neuen Repertoire und mit jungen Künstlern bereichert haben. Und es war mir wichtig, eine weibliche Note in das Programm zu bringen.

Sie haben Ihren Vertrag um eine zweite Periode bis 2021 verlängert. Wie geht es nun nach der Halbzeit programmatisch weiter?
Ich versuche, die gar nicht so einfach zu realisierende Vielfalt, die jeweils unter einem verbindenden Thema steht, mit meinen Künstlerfreunden weiterzuführen. Außerdem finde ich es reizvoll, wenn etwa das Repertoire oder der Stil einer Darbietung kontrovers beurteilt werden. Und ich möchte dem Publikum immer wieder Überraschungen und neue Fragestellungen bieten. Barockes soll auf große Werke der Romantik folgen, Lustiges — vielleicht eine Operette von Offenbach? — auf Tragisches und bereits pfingsterprobte Künstler sollen auf neue Künstlerfreunde, wie etwa Teodor Currentzis, treffen.

Mit Cleopatra, Norma, Angelina/Cenerentola, Iphigénie und Maria standen Frauen im Vordergrund, deren Leiden, Lieben und Sterben uns tief bewegten. Bleibt der Fokus auch künftig auf heroische Frauengestalten gerichtet?
Eigentlich schon, wobei sich neben einer heroischen Frau oft auch ein Mann findet, der an ihr wächst oder auch an ihr scheitert. Daher sehe ich das nicht so eng und erlaube mir anlässlich der Pfingstfestspiele 2017 erstmals, in eine Männerrolle — Ariodante — zu schlüpfen. Aber auch diese Oper kommt selbstverständlich nicht ohne eine großartige Frauenpartie, nämlich Ginevra, aus.

Welche Herausforderungen tun sich für eine Sängerin auf, die in einer Hosenrolle alle möglichen Gemütszustände und Affekte eines liebenden Mannes durchdeklinieren muss?
In mancher Weise erleichtert einem die — sagen wir — „schematischere“ Struktur der barocken Oper solche Wechsel, weil in gewissen Momenten ein jeweils bestimmtes Gefühl dargestellt wird, das in der Barockoper noch weniger tief in das Psychogramm der betreffenden Figur eingeschrieben ist wie in späteren Zeiten. Bei der Barockoper besteht genau darin die große Schwierigkeit: Wie bringt man eine Kohärenz in die Figur und zeigt, dass die besungenen Gefühlszustände nicht abstrakt-exemplarisch, sondern eben aufrichtig und der betreffenden Figur zugedacht sind — denn danach verlangt das heutige Publikum. Dabei spielt die Regie eine zentrale Rolle, und es freut mich sehr, dass sich Christof Loy einverstanden erklärt hat, diese Oper mit uns zu erarbeiten.
Was die Stimme betrifft, so war man in der Barockzeit in dieser Beziehung viel lockerer. Man könnte auch sagen, das Publikum konnte besser zwischen dem Interpreten und der Rolle differenzieren: Männer sangen Frauenrollen und um - gekehrt. Oft überwogen Kastraten, also hohe Stimmen, die uns jedoch — zum Glück — nicht mehr zur Verfügung stehen.
Daher sind heutige Lösungen immer auch Kompromisse.

Wohin genau führt uns die Reise zu Pfingsten 2017?
Über die stürmische See nach Schottland. Aber nicht in das beliebte Ferienland oder das von brisanten Diskussionen geprägte und eine moderne Identität suchende Schottland, sondern in eine mythische, romantische Zauberwelt. Ich denke mich als Mitteleuropäerin ins 18. und 19. Jahrhundert zurück. Durch ein Prisma von Dichtern wie Ariost und Ossian begebe ich mich auf eine romantische Traumreise — so wie Alice hinter den Spiegel taucht. Auf solchen Wanderungen durch verwunschene Landschaften nähern wir uns letztendlich doch vor allem dem eigenen Selbst.

Woran entzündet sich Ihre Leidenschaft für den Norden?
Die italienische Barockzeit und die spätere Romantik sind durch und durch von der Dichtung Schottlands geprägt — und demzufolge auch reihenweise Opern des italienischen Barock bzw. Werke von Bellini, Rossini, Donizetti und Verdi! Es ist reizvoll, die im deutschsprachigen Raum verankerte Sichtweise der Romantik jener der italienischen gegenüber - zustellen, welche nach meinem Empfinden als leichtgewichtigere Bewegung wahrgenommen wird.
Das Prädikat „romantisch“ mit all den ästhetischen, literarischen und religiösen Konnotationen wird doch eher der „hehren“ Musik von Weber, Schumann, Wagner zugedacht, während die romantische Sicht Bellinis oder Rossinis im Umgang mit Form, Inhalt und musikalischer Faktur als reine Ästhetik abgetan wird. Eben deswegen zeigen wir zu Pfingsten 2017 beides: die Romantik eines Rossini und jene eines Mendelssohn, eines Wagner — und selbst die romantisierende Sicht eines Georg Friedrich Händel. Wobei die Werke durch die schottische Wunderwelt, in der sie angesiedelt sind, untereinander verbunden sind.

Mit La donna del lago steht wieder eine Oper von Ihrem Herzenskomponisten Rossini auf dem Programm …
La donna del lago ist ein absolutes Meisterwerk, von dem ich schon lange träume. Mit eben diesem Werk begann 1819 in Italien die Schottland-Manie, die in der Folge über 25 weitere romantische Opern mit schottischer Thematik hervorbrachte. Bei ihm sind die Figuren psychologisch weiter entwickelt als im Barock. Eine Besonderheit sind Rossinis Naturbeschreibungen, die in vielfacher Weise die seelischen und inhaltlichen Vorgänge reflektieren — ein Mittel, das der Komponist später im Guillaume Tell zum Höhepunkt bringt. Im Tell dient die Natur als Projektionsfläche menschlicher Emotionen. Ihr wird die Hauptrolle zugeschrieben. Romantik in Reinkultur also.
Trotzdem sind die italienischen Romantiker im Vergleich zur deutschsprachigen Komponistenbewegung noch eher der Klassik und dem Barock verbunden. Rossinis Verehrung galt der Kunst der barocken Sänger und insbesondere der Kastraten. Deswegen unterscheiden sich seine Vorstellungen ganz sicher von denen etwa eines Carl Maria von Weber. Rossinis Aufmerksamkeit gilt primär der Huldigung der Gesangsstimme, das ist ihm oberstes Gebot. Aber kein Verismo im Sinn der Suche nach einer wie auch immer gearteten Wahrheit. Dramatik wird durch Intensität im Gesang ausgedrückt, durch Virtuosität oder eben auch Koloraturgesang.

Sie haben die große Bedeutung der Naturbeschreibung bei Rossini angemerkt. Wie stellt sich die Wahrnehmung der Landschaft bei Wagner und bei Mendelssohn dar?
Eine Landschaft wahrzunehmen bedeutet ja immer, sie auf ganz persönliche Weise zu erleben und sie aufgrund der eigenen emotionalen Reaktion interpretierend wiederzugeben.
Deshalb beschreibt die Topografie in der Musik immer auch eine Topografie der Seele des jeweiligen Komponisten. Es ist interessant zu vergleichen, wie verschiedene Musiker dieselben Landschaften wahrgenommen und wie unterschiedlich sie sie in Klängen wiedergegeben haben. Sicher stimulierten die Wildheit der Landschaften, die Rauheit des Klimas, das Nebeneinander von Bergen und Wasser, das Farbenspiel am Himmel und in der Natur, die trutzigen Burgen mit ihren stolzen Bewohnern und ihre gruseligen Sagen die Fantasie der Künstler — selbst jener, die gar nicht persönlich dort waren.

In ähnlicher Weise wie die Erzählungen der nordischen Barden die Romantiker befruchteten, inspirierte Ariosts Orlando furioso sowohl Dichter als auch Komponisten aus ganz Europa. Welche Parallelen lassen sich da ausmachen?
Mit Händels Oper Ariodante und Max Emanuel Cencics Rezital — übrigens seinem Debüt bei den Salzburger Fest - spielen — bringen wir einen Aspekt ein, der auf den ersten Blick nicht zu unserem von der Romantik verklärten Blick auf Schottland passt. Dabei war es doch Ariost, der mit seinem legendären Versepos Orlando furioso zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Lust seiner Leserschaft auf furchtlose Ritter, tosende Schlachten, lodernde Liebschaften, mächtige Zauberwaffen und Fabeltiere, arglistige Hexen, unschuldig in feuchten Burgen gehaltene Mädchen und eben auch neblige, verwunschene Landschaften — wie diejenigen Schottlands — nachhaltig weckte.
In diesem spätmittelalterlichen Bestseller steckt schon alles: von Ivanhoe über Herr der Ringe bis zu Harry Potter. Sowohl Händel als auch Haydn, Shakespeare wie Walter Scott ließen sich von Ariosts Dichtung begeistern. Faszinierend finde ich auch, wie man Züge des Barock aufdecken kann, die offensichtlich durch und durch romantisch sind. Und dies wiederum mag uns zum Nachdenken über herkömmliche Einteilungen in Stilkategorien und -epochen anregen.

Sie präsentieren zudem wieder ein Ballett. La Sylphide gilt als erstes romantisches Ballett und ist ebenfalls in Schottland verortet …
… darüber hinaus wurde das Libretto von Adolphe Nourrit geschrieben, dem großen Rossini-Tenor, den sein früher, tragischer Tod ebenfalls zum romantischen Helden stilisierte. Die Bournonville-Fassung der Sylphide, die wir zeigen, wird seit der Kopenhagener Uraufführung 1836 fast ununterbrochen gespielt und ist wohl das älteste erhaltene Ballett der Welt.
In diesem Genre gleicht das einer Sensation, denn es ist schwierig, Choreografien über längere Zeit in ihrer originalen Form zu bewahren.
Mit dem Gastspiel des Mariinski-Balletts ergibt sich zudem eine schöne Klammer zum Beginn meiner Intendanz bei den Pfingstfestspielen, war es doch diese renommierte Truppe, die 2013 zum ersten Mal das Genre Ballett zu Pfingsten nach Salzburg brachte.

Und schließlich wird 2017 noch ein besonderes Jubiläum begangen …
Mit dem Konzert von Anne-Sophie Mutter treten wir ein wenig über die Grenzen des Schottland-Themas hinaus, aber nachdem wir damit ihrem Debüt zu Pfingsten in Salzburg vor genau 40 Jahren Tribut zollen, wird man uns das nachsehen. Herbert von Karajans Verpflichtung des damals 13-jährigen Mädchens aus dem Badischen und die darauffolgende glanzvolle Laufbahn dieser weltberühmten, von mir zutiefst ver ehrten Geigerin — diese Geschichte gleicht auch eher einem romantischen Märchen als der Realität. Und doch ist sie, Gott sei Dank, wahr.


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