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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Cecilia Bartoli über „Romeo und Julia“

26 MAI 2015

by FESTSPIELKIEBITZ  10:35 h;
veröffentlicht in: Pfingsten

Cecilia Bartoli (Foto: Decca / Uli Weber)
Dank neuem Liebesglück versöhnte ich mich schließlich mit der Stadt Verona, es kehrte auch die Schwärmerei für das wohl berühmteste Liebespaar meines Vaterlandes (und vermutlich der ganzen Welt) zurück und macht es daher leicht, die tragische Lovestory – die Geschichte der zu bemitleidenden Julia und ihres unglücklichen Romeo – zum Thema der Pfingstfestspiele 2016 auszuwählen.

Romeo, Julia – zwei Namen, die nicht nur die Liebe, sondern so viele desperate Umstände und Widrigkeiten im Leben symbolisieren, in persönlichem, emotionalem, sozialem und politischem Sinn. Aber auch dafür, wie man sich ihnen entzieht, sich über sie erhebt – wenn auch mit dem Tod, oder vielleicht in der Überwindung des Todes. Vor allem gelten Romeo und Julia als beispielhaft für die ewige Liebe, die Suche nach dem DU, das uns erst vollkommen macht, eine Liebe, die so tief ist, dass sie alle irdischen Hindernisse aus dem Wege räumt. Romeo UND Julia: Tatsächlich ist es das Wörtchen „und“, das ihr Geheimnis ausmacht. In unserer Vorstellung sind diese drei Worte zu einem verschmolzen, sind Synonym für die unzerstörbare Verbindung zweier Menschen geworden. An Romeo können wir nicht länger denken, ohne uns auch an Julia zu erinnern, an Julia nicht ohne ihren Romeo. Und erst auf diese Weise, in einer „unio mystica“ miteinander verbunden, können sie dem Tode trotzen. Sie sterben, aber ihre Liebe triumphiert – die Zeiten überdauernd.

Allerdings sind die sozialen und politischen Aspekte, die Shakespeare in seinem unvergleichlichen Stück verarbeitet hat, nicht weniger signifikant: Wie unüberbrückbar und tödlich sind doch Fehden zwischen Familien, Ethnien und Nationen, wie viele davon gibt es noch heute, und wie viele schreckliche Tragödien bringen sie hervor! Und doch gibt es immer wieder  Menschen, deren Mut, Hingabe und deren Schicksal die unversöhnlichen Parteien dazu bringen, den Wahnwitz ihrer Zwietracht einzusehen.

Auch dies mag ein Grund sein, weshalb die Geschichte von Romeo und Julia eines der berühmtesten und inspirierendsten Themen in der Kunst geblieben ist. Shakespeares Umdeutung uralter französischer und italienischer Quellen, und insbesondere seine unerreichte Sprachgewalt inspirierten zahlreiche Komponisten, Autoren und Künstler zu bedeutenden Werken, indem sie (wie Stephen Greenblatt in seinem Essay so wunderbar beschreibt) die Shakespeares Versen innewohnende Musikalität, ja „seine Musik“ in eigene Töne, Worte, Gesten und Farben kleideten.

Als thematischer Schwerpunkt wird Leonard Bernsteins geniale Komposition West Side Story im musikalischen und szenischen Zentrum der Pfingstfestspiele stehen. Diese wohl berühmteste neuzeitliche Adaption kann so neben weiteren Interpretationen des Romeo und Julia-Stoffes neu erlebt werden, insbesondere, da uns mit der Verpflichtung von Gustavo Dudamel und seinem Simon Bolívar Symphony Orchestra ein veritabler Coup gelungen ist: Niemand kann wohl die „Sharks“ so temporeich und rhythmisch antreiben wie siebzig Latinos im Orchestergraben! Und die Amis, die „Jets“ vom Broadway, werden mit ihren von Regisseur Philip Wm. McKinley und seinem Team konzipierten Tanz- und Shownummern mit dem mitreißenden Sound aus dem Graben wetteifern! Auf die Partie der Maria freue ich mich selbst wie ein Kind und kann es kaum erwarten, Hits wie „Tonight“, „One Hand, One Heart“, „I Feel Pretty“ und „Somewhere“ anzustimmen! Ob meine Kondition es zulässt, dabei auch noch das Tanzbein zu schwingen, bleibt abzuwarten …!

Die Verse Shakespeares gibt es im Original in einer Lesung, die den Titel A Tender Thing trägt, zu hören. In dieser Shakespeare-Adaption von Ben Power, die international mit großem Erfolg gespielt wurde, sprechen zwei alte Schauspieler – bei uns Ilse Ritter und Hans-Michael Rehberg – das junge Liebespaar, erinnernd, träumend, klagend und immer noch: liebend!

Zingarellis Oper Giulietta e Romeo ist mir seit meiner Beschäftigung mit der legendären Sängerin Maria Malibran (1808–1836) bekannt. Zu Malibrans Zeiten wurde die Partitur bisweilen gänzlich unromantisch und inhaltlich fragwürdig als Sängerduell zwischen Giulietta und Romeo – wer kann höher, länger und schneller singen – aufgeführt. Die aus den Augen sprühenden Giftpfeile des sängerisch Unterlegenen genügten wohl, um den sofortigen Tod des Rivalen erwarten zu lassen, auch ganz ohne Hilfe von Degen und Giftflakons! Bei Franco Fagioli und Ann Hallenberg aber wird es bei aller Belcanto-Bravour sicher nicht an der vom Sujet geforderten echten Tragik und Romantik fehlen. Das exzellente Ensemble aus Athen, Armonia Atenea, unter George Petrou wird der ersten neuzeitlichen Wiederaufführung dieses wunderbaren ehemaligen Opernbestsellers neues Leben einhauchen. Im Anschluss an diese Aufführung werden wir die herrliche Küche meiner Heimat Italien geniessen, zubereitet von Sternekoch  Stefano Baiocco.

Ist bei Julia Fischer thematisch allein schon der Vorname Programm genug, wird dennoch auch Romeo u. a. dank Sarasate und Gounod bei dieser Kammermusikmatinee nicht zu kurz kommen. Als uns vor Jahrzehnten (mein Gott wie die Zeit rennt …) unser gemeinsamer Manager Jack Mastroianni miteinander bekannt machte, spielten die Romeos bei der kleinen Julia noch keine allzu grosse Rolle, vielmehr schien sie ihrer kleinen Geige völlig ergeben: faszinierend mit welcher Hingabe, kindlichen Ernsthaftigkeit und Freude hier ein Kind wahre Wunder vollbrachte! Das Geigenspiel der inzwischen schon längst erwachsenen Julia ist nicht weniger faszinierend und der kindliche Impetus von damals ist einem stolzen, eleganten und raubkatzenhaft gespannten Ansatz gewichen: erliegt man Julias süssen und klugen Tönen, ist neben der Augenweide somit auch ein perfekter Ohrenschmaus garantiert!

Ein Meilenstein in der Rezeption des Shakespeare’schen Schauspiels im 20. Jahrhundert, das in einer kontrastreichen Werkschau nicht fehlen darf, ist natürlich Prokofjews Ballett Romeo und Julia. Mit besonderem Stolz erfüllt mich, dass wir das Stuttgarter Ballett mit der legendären Cranko-Choreografie für ein Salzburg-Gastspiel verpflichten konnten. Wer einmal diese Version gesehen hat, kann sich dieses Ballett anders kaum mehr vorstellen. Die Art und Weise, wie John Cranko es vermochte, Elemente des klassischen Balletts mit freieren, zum Teil sogar schauspielerischen Elementen auf natürlichste Weise zu verbinden, hinterlässt insbesondere in der atemberaubenden Balkonszene sowie in der Todesszene, in der Romeo mit der leblosen Julia seine verzweifelten Kreise dreht, tiefe Eindrücke, die man nie wieder vergisst.

Es war immer mein Wunsch, zu Pfingsten – immerhin einem der höchsten Feiertage des Kirchenjahres – ein Konzert mit geistlicher Pfingstmusik zu programmieren, doch leider vergeblich. Denn von den bekannten großen Komponisten wie Bach oder Händel, geschweige denn von Haydn, Mozart, Beethoven, Verdi oder Brahms etc. gibt es keine gewichtige Musik zu Pfingsten. Somit freut es mich besonders, dass uns das legendäre Ensemble The Tallis Scholars am Pfingstmontagmorgen einen zweifachen thematischen Programmpunkt beschert: nicht nur wird in der Kollegienkirche die Pfingstmotette „Loquebantur variis linguis“ von Thomas Tallis erklingen, sondern das ganze Repertoire dieses Konzertes stammt aus der Zeit von Shakespeares Romeo und Julia, wobei der große Dramatiker mit William Byrd sogar persönlich bekannt war!

Der Ehrgeiz, in unserem Galakonzert die Lovestory von Romeo und Julia dank den Vertonungen verschiedener Komponisten (Bellini, Gounod und anderen mehr) nachzuerzählen und mit den berühmtesten Symphonischen Dichtungen  zum Thema (z. B. Tschaikowski) zu ergänzen, wird durch die Zusage meiner grossen Kollegen Angela Gheorghiu und Juan Diego Flórez nun erst recht gekrönt. Das Programm soll noch einige weitere Repertoireüberraschungen bergen und auch junge Sänger (Benjamin Bernheim u. a.), den berühmtesten Veroneser Familien, den Capulets und den Montagues angehörig, werden die Treueschwüre und Liebesqualen des berühmten Liebespaares mannigfaltig nachzeichnen. Dass die Wiener Symphoniker unter Ádám Fischer unser kleines Festival beehren, ist mir eine besonders große Freude!

Die jüngsten Auseinandersetzungen mit Shakespeares unsterblichem Liebespaar sind auf der Leinwand zu erleben. Mit den auf unterschiedliche Weise faszinierenden Verfilmungen, von Franco Zeffirelli und Baz Luhrmann sowie John Maddens mit sieben Oscars ausgezeichnetem Streifen Shakespeare in Love, runden wir in Zusammenarbeit mit DAS KINO unser Programmangebot ab.

So möge das Salzburger Pfingstprogramm 2016 über alle Programmpunkte hinweg die Kraft haben und Shakespeares Wunsch fortdauern lassen, den Hass durch die Liebe zu besiegen.

Kein Leid von dem ich hörte oder sah

Gleicht dem von Romeo und Julia.

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