EN
DE

SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Der Zug ist wie ein „Zeppelin“

29 AUG 2014

by FESTSPIELKIEBITZ  13:13 h;
veröffentlicht in: Allgemein

Sven-Eric Bechtolf denkt aus der Vergangenheit in die Zukunft. Viele bleiben dabei hängen, im Vergangenen. Der Schauspielchef schrieb für die "Salzburg Krone" exklusiv einen Festspiel-Rhythmus.
Als Verantwortlicher erlebt man die Festspielsaison als Beschleunigungswunder. Langsam rollt die Lokomotive im September an. Schon im Oktober, wenn die Herstellung des Programmbuches alle Aufmerksamkeit fordert, entsteht fühlbarer Dampf im Kessel und in ziemlicher Geschwindigkeit rauschen die Herbsttage an uns vorbei. Den November verbringen wir im Höchstgeschwindigkeitsmodus. Programm-Vorstellungen weltweit, Rechnungsabschlüsse, Vorbereitung der nächsten Saison, etc. etc. Wenn im Dezember der Zug kurz auf offener Strecke, über die Weihnachtstage, zum Stehen kommt, wankt man vom Kohleschaufeln ermattet unter den Christbaum und schläft, die Schaufel noch sinnlos umklammernd, 5 Tage durch. Die Lokomotive steht glühend im Schnee- und in das noch warme Gefährt steigt man nach den Festtagen wieder ein, um in abschüssiger werdendem Gelände Monat um Monat immer irrsinnigere Drehmomente zu erzielen. In einem Wirbel abgerissener Kalenderblätter schießt man mit fauchendem Dampfross in den Juli hinein. Nun ist man derart schnell, dass die Schwerkraft nachlässt, man scheint zu fliegen, sieht wie sich, wie im Traume, die Dinge formieren, Gestalt annehmen, stützt, hebt, arbeitet, spricht Mut zu, tadelt, lobt, hält Reden, gibt Pressekonferenzen, sucht Sponsoren, verlernt das Schlafen und gerät in eine Art Ausnahmezustand. Der Zug schwebt inzwischen samt Passagieren erhaben wie ein Zeppelin über der Stadt. Es wehen Musik und Worte und Stimmen lieblich zu uns hin. Unten stehen auch schwarz gewandete Gestalten und schimpfen Unverständliches uns zu. Das sind wohl die Kritiker.
Auf den umliegenden Bergen finden sich große Versammlungen festlich gewandeter Menschen ein und jubeln. Beides, Jubel und Schimpfen, wächst zu einer gewaltigen Kakophonie, die plötzlich verstummt.
Am ersten September kracht der ganze Zug donnernd auf die Gassen der Altstadt, man rappelt sich auf, schüttelt den Traum und den Ruß aus den Kleidern und beginnt aufzuräumen. Und von vorne anzufangen. Im Bahnhof gibt es ein Bier und ein Paar Würsteln. Dann wird es Zeit zum Perron zu gehen. Der Zug wartet schon.

LOGIN | PASSWORT VERGESSEN