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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

David Tushingham im Gespräch mit Regisseurin Katie Mitchell

29 JUL 2014

by FESTSPIELKIEBITZ  13:04 h;
veröffentlicht in: Schauspiel

Katie Mitchell (Foto: Salzburger Festspiele / Stephen Cummiskey)
Sie sind mitten in den Proben zu The Forbidden Zone, können Sie uns schon etwas über diese Arbeit verraten?
Die Produktion ist sozusagen Kino live im Theater. Fünf Videokameras filmen live auf mehreren Bühnenschauplätzen, unter anderem in einer fahrenden U-Bahn. Erzählt wird die Geschichte der Familie Haber, wobei zwei Frauenfiguren im Mittelpunkt stehen – Clara Immerwahr und ihre Enkelin Claire Haber. Das Stück setzt sich mit der Beziehung dieser beiden Frauen zum Krieg und zum Einsatz von Chemiewaffen auseinander.

Was hat Sie an der Geschichte von Clara Immerwahr besonders interessiert?
Als man mich eingeladen hat, eine Produktion für die Salzburger Festspiele im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu machen, war es mir gleich sehr wichtig, einen Stoff zu finden, der die Erfahrungen von Frauen im Krieg thematisiert. Man nannte diesen Krieg auch den „Krieg der Chemiker“, und Clara Immerwahr stand im Zentrum eines der markantesten Ereignisse damals – der erstmaligen Verwendung von Giftgas. Sie war Chemikerin und die erste Frau, die an der Universität von Breslau promovierte. Als sie Fritz Haber heiratete, gab sie ihre Karriere allerdings auf. Haber war ein nobelpreisgekrönter Chemiker, dem es als Erstem gelang, Chlor- und Phosgengas für die Kriegsführung einzusetzen. Er befehligte einige Gasangriffe, darunter den in Ypern. Damit war die erste Massenvernichtungswaffe geboren und der Weg für Kriegsgerät von immer verheerenderer Zerstörungskraft vorgezeichnet. Clara haderte mit Fritz und bezeichnete seine Beschäftigung mit Giftgas als „Perversion der Wissenschaft“. Nach dem Angriff in Ypern veranstaltete man Fritz zu Ehren ein Fest. Clara hatte erneut Streit mit ihm und schoss sich noch am selben Abend mit seiner Dienstwaffe eine Kugel ins Herz. Ihr Tod ist noch heute Anlass zu heftigen Kontroversen, da nie eine Autopsie stattfand und kein Abschiedsbrief gefunden wurde. Damals wurde ihr Ende kaum dokumentiert und über ihre vehementen Proteste gegen die chemische Kriegsführung wurde nicht berichtet. Seither ist ihr Selbstmord weitgehend in Vergessenheit geraten, und wenn er erwähnt wurde, schrieb man ihn einer Depression oder Fritz Habers ehelicher Untreue zu. Unter anderem geht es uns bei dieser Produktion darum, Claras Tod als politischen Protest zu rehabilitieren. Bei unseren Nachforschungen über die Familie Haber entdeckten wir, dass die Enkelin von Clara und Fritz, Claire Haber, ebenfalls Chemikerin war und an der Universität von Chicago an einem Gegenmittel für Phosgengas forschte. Wie Clara nahm auch Claire sich das Leben. Wir entschieden uns für  mehrere Erzählstränge, die Claire, Clara, Fritz und andere Figuren in eine Geschichte einbinden, die sich über mehrere Länder und verschiedene Epochen erstreckt.

Sie arbeiten an diesem Projekt zusammen mit Duncan Macmillan.
Duncan ist ein herausragender Kollege und brillanter Autor. Seine Texte zeichnen sich durch eine seltene Kombination von dramaturgischer Präzision, straffen Dialogen und poetischer Lyrik aus.

Nicht zum ersten Mal entwickeln Sie hier eine Theaterproduktion, bei der sehr viel live auf der Bühne gefilmt wird. Warum haben Sie dieses Format für das spezielle Thema gewählt?
Ein Gutteil der Bilder aus der damaligen Zeit hat seine Wirkung verloren, ist omnipräsent oder klischeehaft geworden. Die Herausforderung war, eine Form zu finden, die uns den Krieg mit neuen Augen sehen lässt. Die Filmprojektion gibt das Geschehen mit einem Detailreichtum wieder, der anders nicht darstellbar wäre. Die Live-Kameras machen jedenfalls bis zu einem gewissen Grad die Gedanken der Figuren zugänglich, was unerlässlich ist, um diese intelligenten, zornigen, mutigen Frauen zu verstehen.

Ein führender Historiker beschrieb vor Kurzem den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als „Stück mit rein männlicher Besetzung“. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Diese Anschauung zu widerlegen war mein Hauptanliegen. Es ist schwierig, die Erfahrungen der Frauen aus dieser Zeit zu recherchieren, weil die Geschichtsschreibung vorwiegend männlich ist. Viele der aus dieser Zeit überlieferten „weiblichen Erfahrungen“ sind Gedichte, die beschreiben, wie man als Frau zu Hause bleibt, während geliebte Menschen in den Kampf ziehen, was für meinen Geschmack etwas passiv und blumig ist. Aber es gibt zahllose Beispiele für außergewöhnliche, tapfere, intelligente und aktive Frauen, die von dieser selektiven Geschichtsschreibung vollkommen marginalisiert wurden. Wenn wir dieses monumentale Ereignis in unserer Geschichte präzise und konstruktiv bearbeiten wollen, können wir nicht die Erfahrungen und die Mitwirkung der Hälfte der Bevölkerung ignorieren.

Warum haben Sie sich für den Titel The Forbidden Zone entschieden?
Der Titel ist dem großartigen Werk von Mary Borden entlehnt. Borden war eine weitere faszinierende Persönlichkeit aus dieser Zeit: eine Amerikanerin, die mit ihrem eigenen Geld ein Feldlazarett an der Front einrichtete. Sie arbeitete dort selbst als Krankenschwester und hielt ihre Erfahrungen während dieser Zeit in Prosatexten und Gedichten fest. Der Titel ist eine Hommage an Borden, deren Arbeit auch in die Produktion einfließt.

Wie soll sich das Publikum am Ende der Vorstellung fühlen?
Gottverdammt traurig über die Gewalt, fest entschlossen, ab jetzt Pazifist zu sein, und zornig darüber, dass die Stimme der Frauen in Debatten um Krieg und Waffen nicht immer Gehör findet.

David Tushingham führte das Interview, Übersetzung: Susanne Watzek

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