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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Von Todesahnungen, Skurrilitäten und natürlich den letzten Tagen der Menschheit

20 JUL 2014

by Matthias Jakisic  12:42 h;
veröffentlicht in: Schauspiel, Allgemein

Matthias Jakisic (Foto: Fritz Fitzke)
Die letzten Tage der Menschheit begannen mit den ersten Vorkommnissen meines eigenen Zerfalls, eine fortschreitende Serie von Verletzungen und Krankheit: eine Platzwunde am Kopf, eine Kieferhöhlenentzündung, Todesahnung mitten in der Nacht, ein Schuss.“ Ungefähr so würde mein ganz persönliches Intro zum Probenbeginn dieser Produktion im Rahmen der Salzburger Festspiele klingen. Weniger pathetisch, jedoch nicht minder spektakulär geht es im Stück selbst oder vielmehr von der Sternwarte der musikalischen Seite aus gesehen zu. Aufwühlendes Akkordeon, Schlagwerk, verzerrte elektrische Violine mit verwirrenden Effekten, gebrochene Stimmmalerei und last but absolutely not least: ein Heer, geformt aus einer Musikkapelle. Mit anderen Worten: es wird brutal. Es wird skurril. Es wird weh tun. Und das soll es auch.


Georg Schmiedleitner, Matthias Jakisic
(Foto: Matthias Jakisic)

 Lenny Dickson (Foto: Matthias Jakisic)

Mit diesem ganzen Pool an musikalischen Möglichkeiten, den uns dieses sowohl sonderbare als auch vielfältige Instrumentarium bietet, begleiten wir also die Proben im Salzburger Landestheater. Gemeinsam mit Tommy Hojsa komponiere ich für dieses Stück, unterstützt von Lenny Dickson am Schlagwerk und der 25-köpfigen (!!) Musikkapelle (Postmusik). Solch ein Aufkommen gibt einerseits sehr viel Raum für Entfaltung, muss aber auch von strenger Hand geführt sein. Schon vor der Probenzeit in Wien bastelten wir an sogenannten „Dummies“ (Demoaufnahmen, die dann mittels CD zugespielt werden) und begaben uns dann selbst wie Crashtest-Dummies in Die letzten Tage der Menschheit: Wir schalteten unsere Sensoren ein und komponierten im Verlauf der Proben in Zusammenarbeit mit Regisseur und Schauspielern das Soundgefüge für das Stück. Größtenteils live schaffen wir sogenannte „nervöse Flächen“, die den Szenen Raum geben sollen und zudem unterschwellig beunruhigen. Das Ganze erinnert vielmehr an einen Soundtrack als an klassische Bühnenmusik. Und doch blitzen immer wieder Melodiefragmente wie Walzer oder Wienerlied auf, die jedoch weniger bedient, als vielmehr zitiert und durch Tommy Hojsa harmonisch verfremdet werden. Dadurch soll eine Spannung entstehen, die man wohl am ehesten mit „Marstheater“ beschreiben kann. Ein Abenteuer ist es allemal!

 
Matthias Jakisic, Tommy Hoisa (Foto: Matthias Jakisic)

Einen Überblick über das gesamte Werk habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber wir befinden uns immerhin noch im Nebel des Probenprozesses – diese befremdliche Stimmung passt ja auch gut zum Stück. (Und auch zum Intro!) Es wird also definitiv kein gemütlicher Theaterabend, bei dem man mit einem verklärten Lächeln auf dem Gesicht hinausgeht. (Ganz wie bei einem Thriller: Man will nicht hinsehen, weil’s gruslig ist, kann aber trotzdem nicht wegschauen, weil man es genießt, wie einem das Adrenalin durch die Venen schießt.) Die Musik fordert dem Publikum sehr viel ab, lässt Unbehagen entstehen oder verflüchtigt sich gen Apokalypse. Wo wir dann doch wieder beim Ende der Menschheit wären. Doch nicht bei meinem: der Blutfleck an der Decke hinter der Bühne, wo ich mir den Kopf anschlug, wird verblassen. Oder übermalt werden.

Ich lerne daraus und verbleibe mit den besten Grüßen bis zum nächsten Blog!

Matthias Jakisic
(in Zusammenarbeit mit Sarah Scherer)


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