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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

So ruf ich alle Götter

10 JUN 2014

by FESTSPIELKIEBITZ  11:10 h;
veröffentlicht in: Pfingsten

Cecilia Bartoli (Foto: Uli Weber/Decca)
Knattert man in der „città eterna“ auf seiner Vespa – wie ich – seit Jugendtagen den Gebrüdern Romulus und Remus oder dem Gevatter Jupiter mitsamt seinem Weinkumpan Bacchus um die Füße, dann wäre ein rein römisches Pfingstmotto wohl mehr als Pflicht. 
Da aber der römische Götterhain dem griechischen Olymp so manches abkupferte, mögen meine Heimatgötter den kurzen Weg über das Ionische Meer verzeihen, wenn wir nun gemeinsam mehrheitlich Zeus mit all seinen hellenischen Götterkollegen für die Pfingstfestspiele 2015 zum Schutze anrufen werden!
In Glucks Reformoper Iphigénie en Tauride soll unser vom Regieduo Leiser/Caurier inszenierte Gesang zusammen mit Christopher Maltman, Topi Lehtipuu, Michael Kraus und Rebeca Olvera unter dem fulminanten Herrscher über Chor und Orchester, Diego Fasolis, der rachsüchtigen Jagdgöttin Einhalt gebieten! Und gemeinsam flehen wir die elegante Diana auf ihrer Hirschkuh um Gnade an.
Dass uns in Goethes Schauspiel Iphigenie auf Tauris Andrea Wenzl, Michael Rotschopf, Sven-Eric Bechtolf und Jürgen Tarrach tatkräftig und lesend beim Lösen der Iphigen’schen Wirren unterstützen, erfüllt mich mit großer Bewunderung! Während Sänger auf beschützenden und gleichsam unterstützenden musikalischen Wogen interpretatorisch geborgen dahin gleiten dürfen, dient dem Schauspieler zur emotionalen Vermittlung allein das nackte Wort! Was für eine Aufgabe und welch schöne Interpretenfreiheit zugleich …!
Während die Tragödie Iphigenies mit der wohlbehaltenen Landung an den Gestaden Athens ein glückliches Ende nimmt, erlebt Semele als junge Geliebte des Zeus den unbeschwerten und verspielten Abstieg. Intrigant beschleunigt und von Eitelkeit verblendet ist der tragische Tod selbst durch die Anrufung sämtlicher Götter nicht mehr zu verhindern. Die mahnenden, verführerischen und mitunter gemeinen Züge der weiteren Figuren sind dabei bei Charles Workman, Birgit Remmert, Andreas Scholl und Liliana Nikiteanu bestens aufgehoben …  
Als Tochter eines Sängerpaares gehörten die gemeinsamen Auftritte mit meinen Eltern zu den schönsten Momenten meiner Bühnenlaufbahn. Gestaltet sich aber der Übergang zwischen Realität und Bühnenrollen, zwischen Familienbanden und Konzertrepertoire so fließend wie beim Vater/Sohn-Duo Christoph und Julian Prégardien, dann wird diese Emotionalität sicher für jeden besonders greifbar und gleichsam in Verdoppelung spürbar …
Mit seinem wahrhaft engelsgleichen Gesang schuf sich Philippe Jaroussky seinen ganz eigenen Olymp! Nicht nur Zeus dürfte bei diesen sanftweichen Tönen, begleitet von der fabelhaften Nathalie Stutzman und ihrem Ensemble Orfeo 55, zu Tränen gerührt werden: ob wohl Eurydike bei solch herzergreifendem Orpheusgesang das gleiche Schicksal erlitten hätte?
Auch wenn der Sommernachtstraum auf dem Parnass zunächst etwas fremd anmuten mag, siedelte Shakespeare sein Satyrspiel auf die Antikenbegeisterung seiner Zeitgenossen in Athen an, entnahm das darin zur Aufführung gelangende Schauspiel Pyramus und Thisbe dem Ovid’schen Bestseller Metamorphosen, um so ganz nebenbei noch der Unart schlechter Übersetzungen einen Seitenhieb zu verpassen. Und mit dem Brautpaar Theseus (!) und Hippolyta sind wir ohnehin endgültig in der Mythologie angekommen. Als große Bewunderin von John Neumeier freue ich mich, dass wir sein mittlerweile schon fast legendäres Ballett zeigen können. Weitere Blicke auf den Sommernachtstraum werfen wir mit dem Salzburger Marionettentheater, wie auch in unserer mit DAS KINO veranstalteten Filmreihe, in der der Max Reinhardt’sche Klassiker zu sehen ist.
Die Lautenmusik von Rolf Lislevand begleitet mich schon seit Jahren mit ihrer Sanftheit und dem ihr innewohnenden Farbenreichtum durch die Hektik des täglichen Lebens, und es wäre eine besondere Genugtuung für mich, wenn sich möglichst viele Ohren bei dieser stillen Lautenmatinee spitzen würden, eurydikisch sozusagen …
Blickte man mit Semel’scher Eitelkeit auf das abschließende Festkonzert, dann wäre selbst die Bezeichnung göttliches Gipfeltreffen wohl immer noch untertrieben … Aber selbst bei nüchterner Betrachtung: ein Ereignis auf jeden Fall, wenn Anna Netrebko als Purcells Dido oder Juan Diego Flórez als Gluck’scher Orfeo die Götter zu besänftigen versuchen. Vielleicht kein Göttertreffen, aber Diven und Divi unter sich allemal …

Cecilia Bartoli

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