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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Präsidentin Helga Rabl-Stadler über Kunst als Lebensmittel

6 NOV 2013

by FESTSPIELKIEBITZ  11:02 h;
veröffentlicht in: Allgemein

„Zu jeder Kunst gehören zwei: einer, der sie macht und einer, der sie braucht.“ So beschreibt Ernst Barlach, Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller, die existenzielle Beziehung, von der auch die Salzburger Festspiele leben.

Max Reinhardt hat diese Beziehung anders, aber genauso eindringlich 1917 in seinen Gründungsgedanken formuliert. Er sprach von der Kunst „nicht als Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern als Lebensmittel für die Bedürftigen“. Und Reinhardt schreibt weiter, den kunstfeindlichen, weil todbringenden Zeiten förmlich trotzend:

„Die Kunst, insbesondere die Kunst des Theaters hat sich in den Stürmen dieses Krieges nicht nur behauptet, sondern ihr Bestehen und ihre Pflege geradezu als unumgängliche Notwendigkeit erwiesen.“

Die große Zahl von Menschen, die in Ausstellungen gehen, in der Oper mitleben oder ungeduldig auf die neuesten Bücher warten, ist ein klares Zeichen dafür, wie sehr Kunst gebraucht wird. Auch unsere ständig steigenden Besucherzahlen werten wir als schönen Beweis für die Kunst als Lebensmittel.

2013 kamen über 280.000 Menschen aus 73 Ländern, davon 39 nichteuropäischen, nach Salzburg. Keiner von uns hätte zu prophezeien gewagt, dass Konzerte japanischer Shomyo-Mönche ausverkauft sein würden. Basierend auf der Erfahrung der vergangenen Festspielsaison sind wir allerdings ziemlich sicher, dass die Ouverture spirituelle auch 2014 von vielen als Erfahrung gesucht wird, für die neben dem normalen Berufsalltag zu wenig Zeit bleibt. Denn insofern haben die Festspiele gegenüber dem Stadttheater, dem lokalen Konzertanbieter eine privilegierte Stellung. Unsere Gäste nehmen sich ganz bewusst Zeit, lassen sich auf Neues ein, das der Vorbereitung und Bereitschaft zur Auseinandersetzung bedarf.

Charlotte Salomon, unsere erste Opernuraufführung nach Wolfgang Rihms Dionysos 2010, verspricht vom Libretto und der Musik her interessant zu werden. Oder ein Besuch von Fierrabras könnte alte Vorurteile gegen den, wie wir fest überzeugt sind, als Opernkomponisten unterschätzten Franz Schubert beseitigen.

2014 wird in ganz Europa vom Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren geprägt sein. Wie Künstler diese Urkatastrophe des vergangenen Jahrhunderts verarbeitet haben wollen wir mit unserem Programm zeigen. Kann man doch mit Fug und Recht behaupten, dass die Salzburger Festspiele eine Antwort auf die Gräuel des Ersten Weltkrieges sind. Ein Friedensprojekt schwebte Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal vor. An die Kunst „nicht als Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern als Lebensmittel für die Bedürftigen“ haben sie geglaubt.

Dass wir 2014 in Schauspiel, Oper und Konzert das Thema Krieg beleuchten, liegt gründungsgeschichtlich quasi auf der Hand. Am 17. Mai 1918 wurde ein Verein angemeldet, der „mit dem Baue des Festspielhauses die Errichtung einer Weltkunstzentrale auf österreichischem Boden“ anstrebte. „Das Festspielhaus … soll nach dem Kriege die Annäherung der Völker durch die versöhnende und bezwingende Macht der Kunst anbahnen und fördern.“

Welch’ herrlich zukunftsfreudiger Text, eine „Weltkunstzentrale auf österreichischem Boden“. Das klingt doch viel ermutigender als Karl Kraus’ beißender Spott über „Österreich als Versuchsstation für den Weltuntergang“.  

Recht behalten hat der von Karl Kraus als „Träger des Problems dieser Theatermenschheit“ bekämpfte Max Reinhardt. Die Festspiele machen Salzburg tatsächlich alljährlich zu so etwas wie einer Weltkulturhauptstadt. Dass wir 2014 sein von ihm selbst als schwer aufführbar bezeichnetes Werk Die letzten Tage der Menschheit auf die Bühne bringen werden, hätte Karl Krauss sicher zu einem weiteren brillanten Pamphlet in seiner Fackel inspiriert.

Alexander Pereira, Sven-Eric Bechtolf und ich hoffen, dass unsere Programmideen auch den Sommer 2014 zu einem ganz besonderen machen.

Helga Rabl-Stadler

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