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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Das neue Schauspielprogramm 2014 – vorgestellt von Sven-Eric Bechtolf

6 NOV 2013

by FESTSPIELKIEBITZ  11:01 h;
veröffentlicht in: Schauspiel, Allgemein

Sven-Eric Bechtolf
Sehr geehrtes Publikum,

wir freuen uns sehr, Ihnen das Schauspielprogramm 2014 vorstellen zu dürfen, das sich aus gegebenem Anlass fast ausschließlich einem Thema widmet: Vor genau hundert Jahren stürzte Europa sich in einen Krieg, den wir Heutigen als die Urkatastrophe der jüngeren Geschichte begreifen. In den Sommermonaten des Jahres 1914, vordergründig ausgelöst durch die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Sarajevo am 28. Juni, entwickelt sich eine scheinbar unaufhaltsame Dynamik der Ereignisse, die am 6. Juli mit Deutschlands „Blankovollmacht“ an Österreich, am 28. Juli mit der Kriegserklärung Österreichs an Serbien, am 1. August mit der deutschen Kriegserklärung an Russland, am 3. August an Frankreich und schließlich am 4. August 1914 mit der Kriegserklärung Englands an Deutschland unumkehrbar wird. In genau den Tagen also, in denen wir in Salzburg miteinander die Festspiele feiern werden, entschied sich hundert Jahre zuvor auf dramatische Weise das Schicksal Europas und der Welt. Die Gründe für diesen Krieg werden bis heute kontrovers diskutiert, seine Folgen sind aber unabweisbar und immer noch wirksam. Nicht nur der Abermillionen Toten, der neuen Grenzen und Machtverhältnissen wegen, nicht nur aus wirtschaftlichen und politischen Gründen, nicht nur weil der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg ohne den Ersten nicht denkbar gewesen wären, sondern auch, weil das traumatisierte kollektive und individuelle Bewusstsein und Selbstverständnis eine vollständige und radikale Wandlung erlebt – oder erlitten – haben, die unsere eigenen Geschicke bis heute prägt.

Die Initiatoren der Salzburger Festspiele verstanden 1920, zwei Jahre nach Ende des Krieges, ihr Engagement als „Friedenswerk“. Nur wenige Jahre später mussten sie die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen erleben. Natürlich empfinden wir die Verpflichtung, uns in unserem Programm 2014 mit den Ereignissen zu beschäftigen, die zur Gründung der Festspiele führten.

Den Anfang machen wir mit Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus. Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate“, schreibt Kraus im Vorwort seines ihm selbst – nicht nur aus theaterpraktischen und logistischen Gründen – unaufführbar scheinenden Werks, das er deshalb einem „Marstheater“ widmete. Matthias Hartmann und das Ensemble des Burgtheaters werden, in einer Koproduktion mit den Festspielen, dieses „Marstheater“ auf der Bühne des Landestheaters errichten.

Wo Karl Kraus mit den Mitteln der Realsatire ätzend und analytisch den Ungeist seiner Epoche entlarvt, erträumt sich Gustav Meyrink einen Einblick in die seelischen Abgründe seiner Zeitgenossen. Sein Roman Der Golem erschien zunächst als Fortsetzungsroman in den Jahren 1913–1914. In Buchform wurde er zu einem der ersten Bestseller in der Geschichte des Buchhandels. Die alte jüdische Sage vom künstlichen, aus Lehm geformten Wesen ohne Seele wird bei Meyrink zu einer alptraumhaften Parabel über die ausweglose Fremdbestimmtheit der menschlichen Existenz. Die englische Theatergruppe 1927, mit ihrer Regisseurin Suzanne Andrade und dem für preisgekrönte Animationen verantwortlichen Paul Barritt, die im letztjährigen YDP für Aufmerksamkeit sorgten, wird einen Golem unserer Tage auf die Bühne des Landestheaters bringen. Diese Aufführung ist eine Koproduktion der Festspiele mit 1927, dem Young Vic/London und dem Théâtre de la Ville/Paris.

Auf der Perner-Insel zeigt zunächst die englische Regisseurin Katie Mitchell ihr Stück The Forbidden Zone unter anderem nach Motiven aus Mary Bordens gleichnamigem Buch. Die Amerikanerin Mary Borden arbeitete bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Krankenschwester für das französische Rote Kreuz. Später leitete sie ein eigenes Feldlazarett an der Westfront. Mary Borden wurde für ihren Einsatz mit dem „Croix de Guerre“ ausgezeichnet und zum Chevalier der französischen Ehrenlegion ernannt. In The Forbidden Zone verarbeitet sie ihre Erlebnisse literarisch und erweist sich dabei als große Erzählerin. Katie Mitchell, berühmt für ihre virtuose Verquickung von filmischen und theatralischen Mitteln, wird diesen Stoff frei bearbeiten und gemeinsam mit dem Autor Duncan Macmillan mit anderen Geschehnissen des Weltkrieges, etwa dem Untergang der „Lusitania“, fiktiv verbinden.

Ebenfalls auf der Perner-Insel wird Ödön von Horváths Don Juan kommt aus dem Krieg in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg zu sehen sein. Zweimal, in den Jahren zwischen 1934 und 1936, hat sich Horváth, der in Deutschland seit 1933 nicht mehr aufgeführt werden durfte, mit Mozart/Da Ponte auseinandergesetzt. Das Ergebnis war Figaro lässt sich scheiden und eben sein Don Juan. Mozarts vitalen Verführer und Herzensbrecher lässt Horváth herzkrank, auf der Suche nach einer verlorenen Liebe in einer Welt der Inflation und Nachkriegswirren bleich und irrlichternd wiederauferstehen. Kein sommerliches Sevilla erwartet ihn dort, keine Donna Anna, kein Komtur. Horváths Don Giovanni wird sich selbst zum steinernen Gast und seine unstillbare Sehnsucht gilt nun nicht mehr allen Frauen, sondern einer Toten.

Im YDP, dem Young Directors Project, großzügig gesponsert von Montblanc, zeigen wir in einer Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus Hinkemann, das expressionistische Meisterwerk von Ernst Toller, in einer Inszenierung des jungen serbischen Regisseur Miloš Lolić.

Der Salzburger Dichter Walter Kappacher hat für die Salzburger Festspiele ein Stück über den Salzburger Dichter Georg Trakl geschrieben. Es heißt Der Abschied und wird im YDP in der Regie von Nicolas Charaux uraufgeführt.

Mit einem sehr humorvollen Orpheus, der Django Reinhardt verblüffend ähnlich sieht, ist das Little Bulb Theatre aus London in der Regie von Alexander Scott zu sehen. Und in einer Koproduktion mit dem Mozarteum werden die Studierenden der Schauspiel-, Bühnenbild- und Regieklassen der Universität Mozarteum unter der Leitung von Hans-Werner Kroesinger auf Spurensuche zwischen 1914 und 1918 gehen. Arbeitstitel: 36566 Tage.

Darüber hinaus werden auch begleitende Lesungen zum Thema Erster Weltkrieg Teil unseres Programmes sein. Zusätzlich bereichert das Konzert mit einer Reihe von Veranstaltungen diesen Schwerpunkt. Und natürlich wird der neue Jedermann in gleicher Besetzung wie im vorhergehenden Jahr wieder auf dem Domplatz gespielt.

Auf den nächsten Seiten werden Sie Näheres über jede einzelne Produktion erfahren und sicher bemerken, dass sich zwar alle Aufführungen mit einem düsteren Thema beschäftigen, aber doch zum Mitfühlen und Nachdenken einladende Projekte sind, die zugleich leidenschaftlich ihrem Anlass UND dem Theater verpflichtet sind.

Wir hoffen, Sie mit der Lektüre der nächsten Seiten neugierig zu machen und Sie bald in Salzburg begrüßen zu dürfen! Wir freuen uns auf Sie!

Herzlichst, Ihr 


Sven-Eric Bechtolf

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